/Life

Digital ist besser: Es ist nicht alles schlecht in der Cloud

Johnny Haeusler 10.04.2017

Ein Reparaturfall am eigenen Rechner brachte unseren Kolumnisten zum Grübeln – ausnahmsweise mal nicht über das, was alles schlecht ist im Digitalen, sondern über die guten Seiten.

Vor etwa zehn Tagen gab mein MacBook seinen Geist auf und musste zur Reparatur eingeschickt werden. Vom Versandtag bis zur Rücklieferung verging nur eine Woche – ich hatte also Glück im Unglück und tippe diesen Text auf meinem frisch wiederhergestellten Rechner.

Alle, die bei der täglichen Arbeit auf Laptop oder Desktop angewiesen sind, wissen jedoch, wie lang so eine Woche sein kann und wie viel unangenehme Arbeit dabei entsteht. Wobei die Beschaffung eines Ersatzgeräts dabei meist noch das kleinste Problem ist.

Da müssen zunächst Backups auf den neuesten Stand gebracht oder komplett neu erstellt werden. Der kaputte Rechner sollte zudem vor dem Einsenden natürlich von persönlichen Daten bereinigt, die Festplatte am besten formatiert werden – sofern sie nicht Ursache der nötigen Reparatur ist. Dann geht das Einrichten des Übergangsgeräts los, alles in dem Wissen, dass man den ganzen Aufwand nach Rückkehr des eigenen Computers erneut durchleben muss. Spaß geht anders.

Diesmal hielten die Schmerzen nicht lange an

Die Erinnerung an einen ähnlichen Fall vor rund zehn Jahren ließ bei mir jedenfalls spontan jene Nacken- und Schulterschmerzen aufkommen, die ich immer bekomme, wenn ich Dinge tun muss, die ich nicht tun möchte. Also in erster Linie beim Sortieren von Belegen für die Buchhaltung, beim Beantworten von Amtsbriefen, bei der Nutzung von Excel und beim Aufrufen von facebook.com. Oder eben auch beim Einrichten eines neuen, in diesem Fall noch dazu temporären Computers.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED Germany geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen noch mehr Software in unserem Leben brauchen.

Doch diesmal hielten die Schmerzen nicht lange an. Denn schnell wurde mir klar, wie sehr sich meine Arbeitsweise, mein Umgang mit Daten, aber auch die Dienstleistungen der Online-Anbieter im Verlauf des letzten Jahrzehnts verändert haben. Zum Guten. Und in erster Linie durch die Wolke, neudeutsch: die Cloud.

E-Mails sind via IMAP sowieso überall synchronisiert, die Arbeitsdokumente des Teams sind gesichert und von jedem vernetzten Ort der Welt aus der Cloud abrufbar, weder Backups noch Kopien waren nötig. Meine eigenen Daten, zu bearbeitende Grafik- oder Textdateien, Artikel, Scans, Musik sowie Einstellungs-, Kalender- und Adressinformationen: ebenfalls gesichert und verschlüsselt an anderer Wolkenstelle und synchronisiert nicht nur mit dem jeweils genutzten Rechner, sondern auch mit allen mobilen Geräten. Einzig meine Fotos und den Downloads-Ordner habe ich sicherheitshalber auf eine externe Festplatte kopiert, ein Vorgang, der Dank schneller Schnittstellen keine halbe Stunde dauerte.

Doch auch bei der Software, die ich nutze, hat sich viel getan. Viele Programme, die ich täglich und beruflich nutze, bezahle ich im Abo-Verfahren, was zwar oft kritisiert wird, für viele Selbstständige aber ein Segen ist. Adobe-Software beispielsweise hat einen vor wenigen Jahren noch viele Tausend Euro zurück geworfen (oder in die Illegalität). Heute zahle ich regelmäßig überschaubare und steuerlich voll absetzbare Summen, nutze somit legale Lizenzen und immer die aktuellste Version der jeweiligen Programme. Und wenn ein Rechner mal abraucht, dann wird er über einen Browser de-autorisiert, die Software auf einem anderen Gerät installiert und fertig ist der Umzug.

Ich sollte dazu sagen: Meine digitale Arbeitsweise ist keineswegs besonders geordnet. Mein digitaler Schreibtisch ist voller temporärer Folder und „irgendwann“ zu sortierender Dateien. Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich Files schneller durch die globale Suche auf meinem Rechner als durch eigens angelegte und wohl durchdachte Verzeichnisstrukturen finde. Wer seine Dateien also etwas gewissenhafter behandelt als ich, sollte noch wesentlich bessere Ergebnisse erzielen als oben beschrieben.

Natürlich ist auch in der Wolke nicht alles nur eitel Sonnenschein. Die Verschlüsselung unserer Daten ist in der Cloud keineswegs selbstverständlich, die Debatten um „Hintertüren“ werden noch geführt, fehlende oder langsame Internet-Verbindungen können durchaus problematisch werden. Und ich verstehe auch, dass Software-Abos aus zahlreichen Gründen nicht allen zusagen. Besonders Fragen der Datensicherheit halten auch mich derzeit noch davon ab, Cloud-Dienste für private Fotos zu verwenden. Ich möchte nicht, dass Bilder meiner Kinder oder Freunde plötzlich durch einen Diebstahl auf den Servern Dritter landen (bei anderen Dateien wie Musik, Grafiken oder Texten bin ich da etwas entspannter).

Wären nur Massenüberwachung, Verletzungen der Privatsphäre und mangelnder Datenschutz nicht

Rückblickend muss ich jedoch sagen, dass ich in den letzten Jahrzehnten mehr Daten, Fotos, Musik, Emails und für mich wichtige, eigene Texte durch Festplattenabstürze, eigene Dummheit oder andere Rechner-Unfälle verloren habe als durch die Cloud – in der ich bisher von Verlusten verschont geblieben bin. Das ist schon ziemlich cool, wenn es rund läuft, und somit noch ein Grund mehr, sich bei Themen wie Verschlüsselung und digitaler Privatsphäre zu engagieren.

Denn gäbe es die Herausforderungen rund um Massenüberwachung, Verletzungen der Privatsphäre und Datenschutz nicht – wir könnten uns nicht beschweren über den aktuellen Zustand der Technologien, die wir nutzen. Und auch das kann man ja zwischendurch auch ruhig mal feststellen.

Jetzt WIRED Member werden und mit uns in die Zukunft starten!

Mit im Paket: 4 Magazin-Ausgaben im Jahr und der Member-Zugang zu exklusiven Inhalten auf WIRED.de sowie weitere Vorteile nur für Member.

Member werden