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Digital ist besser: Jetzt fangen auch noch die Linken mit den Fake News an

Johnny Haeusler 06.02.2017

Bisher kannte unser Kolumnist die Verbreitung von Fake News eher durch Rechte. Nun aber, beobachtet er, beteiligen sich zunehmend auch liberaler Denkende am Verbreiten von Lügen. Und spülen damit Geld in die Taschen der Produzenten.

Wenn der, dessen Namen man gar nicht mehr nennen mag, mal ausnahmsweise gerade nichts unterzeichnet und keine Rechtsextremen in einflussreiche Positionen hebt, ziehen die Medien im Moment gerne die „Fake News“ als Erklärung für verbale Auseinandersetzungen in den sozialen Medien und anderswo heran. Da kommen planlose Verbotsrufe aus der Politik, die Zensurvorwürfe provozieren, und da wollen die einen Plattformbetreiber in die Verantwortung nehmen, woraufhin die Anderen wimmern, dass man den kalifornischen Multimilliardären doch nicht zumuten dürfe, Mitverantwortung für das zu übernehmen, womit sie ihr Geld verdienen.

Auf die Schnelle und zur Vermeidung von Missverständnissen (als sei das im Internet möglich, haha!): Ich definiere Fake-News als „absichtlich, bewusst und gezielt in den sozialen Netzwerken verbreitete Lügen“. Spannend scheint mir die Beobachtung, dass diese Lügen, bisher vor allem rechten Verschwörungstheoretiker*innen zuspielten, die wegen der „Lügenpresse“ lieber Holocaust-Leugnern ihr Vertrauen schenken. Schlagzeilen wie „Merkel hat 9/11 geplant“ oder „Martin Schulz heißt in Wirklichkeit Martina“ teilten und teilen eher Menschen, die sich Putzmittel gegen Chemtrails im Darknet bestellen.

Doch das ändert sich gerade. Denn immer häufiger trifft man auf Fake News in der beliebten Form „Foto mit Text drauf“, die Unglaublichkeiten über zum Beispiel Donald Trump oder seinen Berater Steve Bannon verbreiten. Und die dann folgerichtig eher von Menschen geteilt werden, die mit ihrem Twitter-Account schon ganz andere Despoten gestürzt haben wollen.

Wir lernen daraus, dass politische Ziele und Inhalte den professionellen Fake-News-Produzenten völlig egal sind

Bei den Namen Trump und Bannon gibt es nun blöderweise nichts, das wirklich unglaublich ist, denn denen ist alles zuzutrauen. Einige Zitate, die in den vergangenen Wochen verbreitet wurden, machten mich dennoch stutziger als sonst und ich musste nach einigen Minuten der Recherche feststellen, dass sie entweder nirgends belegt oder aus den Zusammenhängen gerissen, falsch miteinander kombiniert und/oder frei erfunden beziehungsweise bereits widerlegt waren. Classic.

Wir lernen daraus, dass politische Ziele und Inhalte den professionellen Fake-News-Produzenten völlig egal sind (anders als bei politischen Propaganda-Sites, die ticken natürlich noch mal anders und haben eine eigene Agenda). Klar, denn diejenigen Sites, die Fake News allein als Clickbait und nicht aus propagandistischen Gründen verbreiten, verdienen Geld mit jedem Klick auf ihre Website, die gespickt ist mit Werbung.

Also richten sich diese Sites mit ihren „Artikeln“ und Headlines nach aktuellen Trends in den Social-Media-Kanälen – inhaltliche SEO eben. Wenn sich gerade also viele Menschen über Trump oder Bannon aufregen, dann gibt man diesen Menschen Klick-Futter. Je unglaublicher, sensationeller und aufregenswerter, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir klicken.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen

Nur darum geht es. Ob da nun steht „Merkel lässt drei Zillionen Flüchtlinge illegal durch ihren eigenen Garten einwandern“ oder „Bannon will Abtreibungen mit Todesstrafe ahnden“, ist völlig egal. Wichtig ist nur, dass wir klicken.

Der sich in dieser Hinsicht schnell drehende Wind könnte neue Aspekte in die Diskussion um Fake News bringen. Ob die bisherigen Gegner*innen jeglicher Maßnahmen gegen die Verbreitung von Lügen nämlich Fake-Schlagzeilen wie „Frauke Petry will Steuerfreiheit für alle, die reicher sind als du“ oder „Pegida-Demos von Erdogan gesteuert“ noch immer als Ausübung von Meinungsfreiheit betrachten werden, bleibt abzuwarten.

Nicht abwarten sollte man aber bei der Erkennung von Fake News jeder Art – ausgerüstet mit wenigen Grundregeln kommt man eigentlich ganz gut über die Runden. „Je unglaublicher, desto höhere Fake-Wahrscheinlichkeit (außer vielleicht bei Trump und Bannon)“ und „Text auf Bild ohne Link zur Quelle ist nur mittelmäßig seriös“ zum Beispiel. Und ansonsten immer schön dran denken: Die meisten Fake News sind weder News noch Meinung, sondern Werbeformate.

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