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Digital ist besser: Der wichtigste, gefährlichste Beruf der Welt

Johnny Haeusler 28.11.2016

Der Beruf des Programmierers und der Programmiererin gehört zu den wichtigsten unserer Zeit sein, meint unser Kolumnist. Ein Bericht über die neu entfachte Debatte um Coder-Ethik.

4400 Herzchen und 125 Kommentare deuten auf der Blog-Plattform Medium auf einen ziemlich erfolgreichen Artikel hin. Der in diesem Fall von einem Programmierer stammt. Bill Sourour ist Lehrer und Entwickler, und die Tatsache, dass sein wenige Tage alter Text in der Coding-Community für ordentlich Feedback gesorgt hat, zeigt die Wichtigkeit der Debatte über die Ethik der Branche.

The code I’m still ashamed of (Der Code, für den ich mich immer noch schäme) beschäftigt sich mit dem Dilemma, in dem sich viele Menschen befinden, die ihr Geld mit Programmieren verdienen: Führt man alle Anweisungen der Vorgesetzten ohne Widerspruch aus, läuft man Gefahr, ethisch fragwürdiges Vorgehen zu unterstützen oder gar an illegalen Teilen einer Software zu arbeiten. Widersetzt man sich den Anweisungen aus moralischen oder ethischen Gründen, könnte der Job flöten gehen.

Sourour berichtet von seiner Zeit als sehr junger Programmierer, als es zu seinem Job gehörte, ein Online-Quiz für ein Pharma-Unternehmen umzusetzen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten nach mehreren Fragen zu ihrem Gesundheitszustand am Ende des Quiz’ das für sie passende Medikament empfohlen bekommen. Nur, dass am Ende immer dieses eine Medikament dieser einen Firma empfohlen wurde – egal, was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer geantwortet hatten. Ein Marketing-Stunt, dachte Sourour nach Rückfragen an seine Vorgesetzten, und programmierte das Quiz wie gewünscht. 

Erst später erfuhr Sourour, dass schwere Depressionen und Selbstmordgedanken zu den bekannten Nebenwirkungen des betreffenden Medikaments gehörten. Und dass sich mindestens eine junge Patientin nach der Einnahme getötet hatte. Wie Sourour selbst schreibt, kann man seine eigene Rolle bei diesem tragischen Fall kleinreden. Ihn selbst jedoch belastet sie, er kündigte seinen Job und schämt sich bis heute dafür, dass er den Code für das Quiz geschrieben hat – egal, ob dieses einen Einfluss auf Menschen hatte oder nicht.

Und so startete er mit seinem bekennenden Text eine Welle von Kommentaren, in denen Programmiererinnen und Programmierer von ähnlichen Jobs berichten

Sourours Artikel wurde inspiriert von einem Talk des bekannten Coders „Uncle Bob“ Martin, der die ganze Sache auf den Punkt bringt: „Die Zivilisation hängt von uns [Programmierern] ab. Sie hat das nur noch nicht richtig verstanden. Wir töten Menschen.“ Und das ist nicht untertrieben.

Software steuert Maschinen, Flugzeuge, Autos. Sie gibt lebensbeeinflussende Empfehlungen, trifft weitreichende Entscheidungen. Sie beeinflusst Märkte, sie kann betrügen und stehlen. Programmiererinnen und Programmierer gehören somit – neben denen, die Software konzipieren – zu den mächtigsten Menschen der Welt, eine Verantwortung, der nicht jeder und jede gewachsen ist.

Neben Ausbildungen, welche diese immense Verantwortung und ihre möglichen Folgen berücksichtigen, braucht es daher eine weitreichende Debatte über den Beruf des Coders, die über die eigenen Reihen hinausgehen muss. Und, darin sind sich Sourour und Martin einig, es braucht eine Dachorganisation, die den vielleicht wichtigsten Berufsstand unseres Zeitalters nach Vorbild anderer Institutionen reguliert. Nicht zuletzt zum Schutz der Coder selbst.

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