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Dieses Maschinenmonstrum war das Spotify des frühen 20. Jahrhunderts

Cindy Michel 27.01.2017 Lesezeit 4 Min

Wer glaubt, dass Musik-Streaming-Dienste wie Rdio oder Napster die ersten waren, mit denen New Yorker ihre Wunschmusik übers Telefon hören konnten, der kennt das Telharmonium nicht. Es war das Spotify des späten 19. Jahrhunderts.

„Dr. Cahills elektrische Maschine schafft Musik ohne Instrumente und es tönen Opern, Symphonien sowie Rag Times aus dem Telefon wie Wasser aus dem Hahn.“ Mit diesen Worten stellte die New York Times im Jahr 1906 das Telharmonium vor. Ein absolutes Novum, weil es nicht die Menschen zur Musik brachte, sondern die Musik zu den Menschen. Und noch dazu der weltweit erste Synthesizer war.

Aber von vorn: Das Patent für seine Idee sicherte sich der Jurist und Bastler Thaddeus Cahill im Jahr 1897, Premiere in New York City feierte das Telharmonium neun Jahre später. Von einem zentralen Punkt in Manhatten aus übertrug das auch Dynamophone genannte System Livemusik über das Telefonnetz an Abonnenten. Zu Beginn waren vor allem Hotels und Restaurants Kunden des „Streaming-Dienstes“, sie zahlten durchschnittlich 20 Cent pro Stunde und wurden via Telefonstecker mit den Kabeln des Telharmoniums verbunden. Für den Heimgebrauch gab es einen Papiertrichter für den Telefonhörer, um die Lautstärke zu erhöhen.

Das 200 Tonnen schwere und 20 Meter lange Monstrum nahm die komplette Etage eines Gebäudekomplexes am Broadway ein

Das über 200 Tonnen schwere und knapp 20 Meter lange Maschinenmonstrum nahm die komplette Etage der Telharmonic Hall ein, ein Gebäudekomplex am Broadway, Ecke 39th Street, gegenüber der Metropolitan-Oper. Die Klänge wurden über Wechselspannungs-Dynamos erzeugt. „Wie etwa in einem Elektrizitätswerk, das nicht mit nur einer Wechselspannungsfrequenz von 50 oder 60 Hertz arbeitet, sondern eine große Palette verschiedener Frequenzen zugleich erzeugt“, erklärt der Medienwissenschaftler und Radioexperte Golo Föllmer auf seiner Website.

Cahill habe das Prinzip der synthetischen Klangerzeugung aus Herrmann von Helmholtz' Studie Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik abgeleitet, so Föllmer. „Er konstruierte riesige dampfbetriebene Wechselspannungsoszillatoren, deren genau abgestimmte Schwingungszahlen nach Helmholtz' Entdeckung mit Hilfe elektrischer Mischapparaturen zu verschiedensten Klangfarben kombiniert werden konnten.“ In der Etage über der Maschine saßen zwei Musiker an jeweils einem Keyboard. Diese waren mit dem Telharmonium verbunden, sobald die Musiker die Tasten spielten, erzeugten sie die gewünschte Musik.

Golo Föllmer glaubt, dass ein Science-Fiction-Werk aus dem Jahr 1888 Cahill zu dem Konzept des Telharmoniums inspiriert haben soll. „Edward Bellamy beschreibt in Looking Backward eine Welt im Jahr 2000, in der alle Bewohner unter anderem den Komfort besitzen, zig verschiedene Programme anspruchsvoller Musik zu Hause auf Abruf hören zu können. Der Clou dabei ist, dass die Musik immer auf die Tageszeit und auf die Art des Wiedergaberaums abgestimmt werden kann.“

Das Vermaktungskonzept von Thaddeus Cahill war zunächst auf öffentliche Räume ausgelegt: „Er entwickelte Pläne für Restaurants, Saloons, Hotels, Schulen, Zahnarztpraxen und Friseursalons mit jeweils verschiedenen Abonnement-Tarifen. Kirchen sollten umsonst versorgt werden“, so Föllmer. „Insbesondere war auch vorgesehen, Fabriken derart mit Musik zu beschallen, dass die Arbeiter zu höheren Leistungen motiviert werden.“

Bekanntester Fürsprecher und erster privater Abonnent: Mark Twain

Nach seiner Premiere im Jahr 1906 war das Telharmonium erst einmal ein großer Erfolg, sein bekanntester Fürsprecher und erster privater Abonnent Mark Twain. “Das Schlechte an diesen neuen Dingern ist, dass sie einem die eigenen Pläne durchkreuzen“, zitiert die New York Times den Autor. „Jedes Mal wenn ich so ein Wunder wie dieses sehe oder höre, muss ich meinen Tod doch wieder aufschieben. Ich könnte diese Welt nicht verlassen, ohne es nochmal und nochmal gehört zu haben.“

Doch schon im April 1907 zeigt sich, dass das Telhamronium zu teuer und zu wenig effektiv ist. Immer wieder gibt es Probleme mit der Technik, die Netze sind überlastet und die Telefonfirmen beschweren sich, das andere Leitungen von der Musik gestört würden. Neun Jahre später ist es dann vorbei mit dem ersten Musik-Streaming-Dienst der Welt. Die letzten Teile werden 1920 aus der Telharmonic Hall geschafft. Leider existieren keine Musikaufnahmen. Dafür aber die Gewissheit, dass die Hammond-Orgel aus den 1930ern auf der Technik von Cahill basiert.