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Dieser Künstler macht Musik aus dem Weltraumschrott im Erdorbit

Domenika Ahlrichs 03.03.2017

Unmengen von Weltraummüll umkreisen die Erde, zum Teil in nur 160 Kilometern Entfernung. „Und nur weil man dort nicht atmen kann, empfinden wir das nicht als unsere Umwelt“, sagt der britische Künstler Nick Ryan. Er hat ein Musikinstrument geschaffen, das den Menschen ein Gefühl dafür geben soll, wie sehr dieser Schrott sie eben doch angeht.

Machine 9 wandelt die Bewegung von Weltraumschrott in Töne um. Das Musikinstrument ist eine Konstruktion des Komponisten und Tonkünstlers Nick Ryan und nutzt dazu Live-Daten. Auf einer Aluminiumwalze sind 1000 unterschiedliche Töne eingraviert, Nadeln machen sie hörbar – jeden Ton dann, wenn das ihm zugeordnete Stück Weltraumschrott auf seinem Flug um die Erde in vielen Kilometern Entfernung einen bestimmten Bereich durchquert. Jeder Sound ist im Dauerloop zu hören, solange der Schrott sich im definierten Abschnitt des Orbits befindet – meist etwa 30 Sekunden lang.

Machine 9 ist Teil eines größer angelegten Projekts, an dem neben Nick Ryan auch die Künstlerin Cath Le Couteur arbeitet. Project Adrift will Weltraumschrott auf drei verschiedene Arten erlebbar machen. Neben dem Hör-Erlebnis durch Machine 9 gehören ein Dokumentarfilm und eine Twitter-Aktion dazu: Wer will, kann ein Stück Weltraummüll näher kennenlernen, seine Geschichte erfahren und auf Twitter verfolgen, wie es mit ihm weitergeht, ganz real und mit Echtzeitdaten unterfüttert.

Der handfestete Teil des Projekts, die Ton-Walze Machine 9, ist zugleich der ungewöhnlichste. WIRED sprach mit Nick Ryan über sein Werk.

WIRED: Sie haben ihr Musikinstrument Machine 9 kürzlich erstmals einem großen Publikum präsentiert, im Science Museum in London. Ein eher unüblicher Ort für eine Kunstperformance.
Nick Ryan:  Es hat Spaß gemacht zu sehen, wie die Besucher zunächst mit der Erwartung kamen, hinter „Instrument“ verberge sich ein Forschungsinstrument oder ähnliches. Und wie der Überraschungseffekt dann zu toller Interaktion führte: Die Besucher wollten genau wissen, wie die Machine 9 funktionierte, sie fragten nach dem Konzept und waren sehr offen für meine nur bedingt wissenschaftliche Darstellung von Weltraumschrott.

WIRED: Wobei Sie nicht ganz ohne wissenschaftliche Begleitung gearbeitet haben.
Ryan: Ein wichtiges Mitglied unseres großen Teams ist Hugh Lewis, Chef der Astronautics-Abteilung an der Southampton Universität. Er hat für die korrekte wissenschaftliche Grundlage gesorgt. Immerhin korrespondiert Machine 9 exakt mit definierten Teilen von Müll im All. Allerdings fand Lewis ähnlich wie die Museumsbesucher, dass es gerade die eher poetische Verknüpfung ist, die die Bedeutung des Schrotts für den Menschen deutlich macht. Es hat ihn auf ganz besondere Art berührt. Und das ist genau das, was wir als Künstler zu erreichen versuchen. Es geht uns nicht um ein Statement, wir sind keine Aktivisten. Wir eröffnen lediglich eine neue Perspektive.

Weltraumschrott fliegt eigentlich komplett lautlos durch den Weltraum. Bei uns ist er zu hören. Das löst etwas aus in Menschen

Nick Ryan

WIRED: Sie machen mit aufwändigen Mitteln auf Schrott aufmerksam, der unsere Erde umkreist. Das soll kein Aktivismus sein?
Ryan: Als Künstler wollen Cath Le Couteur und ich mit Hilfe des Instruments, des Films und unserer Twitter-Aktion das Thema Weltraumschrott allen so öffnen, dass sie durch die eher poetische Präsentation eine Verbindung fühlen zwischen sich und der doch reichlich abstrakten Idee, die niemand von uns richtig begreifen kann: Da oben fliegen unendlich viele Teile Schrott, in gar nicht allzu großer Entfernung. Ja, wir wollen ein berührendes, emotionales Erlebnis schaffen. Was daraus folgt, bleibt jedem überlassen.

WIRED: Womit schaffen Sie diese emotionale Verbindung?
Ryan: Als Künstler darf man mit Assoziationen arbeiten und Dinge miteinander verbinden, die in der realen Welt nichts miteinander zu tun haben. Als Wissenschaftler darf man das nicht, Abstraktionen dieser Art unterbrechen die beweisbasierte Methode. Wissenschaftler würden beim Thema Weltraumschrott vermutlich Signale nutzen und diese auf einer entsprechenden Karte eintragen. Das wäre die rationale, präzise Art der Darstellung. Wir hingegen haben akustische Aufnahmen von Gegenständen gemacht, die ich anpustete, gegen die ich schlug, die ich mechanisch vibrieren ließ. Die so entstandenen Töne sind nun je einem Müllteil im All zugeordnet, und wenn dieses einen bestimmten Bereich am Himmel durchquert, bringt Machine 9 den Sound zum Klingen. Weltraumschrott fliegt eigentlich komplett lautlos durch den Weltraum. Bei uns ist er zu hören. Das löst etwas aus in Menschen.

WIRED: Dass Ihr Projekt Menschen berührt, haben Sie auch schon bei den Vorbereitungen gemerkt, als sie Freunde, Familie und andere Interessierte baten, Ihnen zu verraten, was sie mit Weltraumschrott assoziieren. Warum war die Beteiligung so groß?
Ryan: Im kollektiven Bewusstsein ist Weltraumschrott als etwas Materielles verankert, unsere Vorstellung davon speist sich aus diversen Filmen. Die Möglichkeit, sich mal auf ganz andere Art mit dem Thema auseinanderzusetzen, hat vielen offensichtlich gefallen. Einige entschieden sich dafür, mir etwas zu schicken, was in etwas so aussah wie All-Müll, andere wählten das, was am ehesten der Bedeutung von Weltraumschrott nahekam. Es waren Federn dabei, Steine, die sie am Strand gefunden hatten, vor allem aber Metallgegenstände. Einer grub sogar ein Motorrad aus, das hinter seinem Haus vergraben war.

WIRED: Das, was Machine 9 hörbar macht, ist also letztlich alles irdischen Ursprungs?
Ryan: Exakt. So wie der Weltraumschrott, um den es hier geht. Und der fliegt zum Teil in einer Höhe von nur 160 Kilometern um die Erde. So nah! Da könnte man im Prinzip hinfahren, man würde nur etwa drei Stunden brauchen. Wir tun jedoch so, als hätte das alles gar nichts mit uns zu tun. Als sei die bloße Tatsache, dass man im All nicht atmen kann ein Grund dafür, sich nicht weiter darum zu kümmern. Das ist eine egoistische Haltung. Als sei das nicht mehr unsere Umwelt und deshalb nicht wert, geschützt zu werden.

Wir müssen bedenken, dass wir unweigerlich einen hohen Preis zahlen für die Annehmlichkeiten von Satellitenkommunikation

Nick Ryan

WIRED: Wie würde Umweltschutz im All aussehen?
Ryan: Wir alle sind so sehr an GPS gewöhnt und wünschen uns stets stabile Verbindungen, dass wir darüber vergessen, dass der meiste Weltraumschrott von Satelliten stammt, die genau dafür ins All gesandt wurden. Wir müssen bedenken, dass wir unweigerlich einen hohen Preis zahlen für die Annehmlichkeiten von Satellitenkommunikation. Das Risiko besteht, dass große Teile Weltraumschrott sich innerhalb der nächsten zehn Jahre so ineinander verkeilen, dass Weltraummissionen fast unmöglich werden. Man kommt dann einfach nicht mehr durch. Meine Botschaft: Erfindet Möglichkeiten, die Abhängigkeit von Satelliten zu minimieren. Erfindet Möglichkeiten, Weltraumschrott nachhaltig aus der Umlaufbahn zu holen. Das ist meine Bitte an die junge Generation.

WIRED: Weil Sie sich selbst nicht als Aktivisten sehen, könnten Sie auch damit leben, wenn Menschen die Machine 9 lediglich als ungewöhnlichen Kunstgenuss erleben?
Ryan: Natürlich. Man kann auch Weltraumschrott an sich durchaus positiv sehen: Das, was da fliegt, ist ein wunderschönes und perfekt erhaltenes Museum menschlicher Innovationskraft. So vieles von dem, was seit den 50er Jahren je ins All geschossen wurde, bewegt sich in Teilen dort noch immer umher. So ist es Beweis für unseren Erfolg. Wer hier einen Punkt machen will, kann das tun. Ich selbst führe den Satz allerdings weiter: …und eine Spur der Zerstörung, die wir Menschen unweigerlich hinter uns herziehen.

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