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In der „Müllermatrix“ werden Kunst und Technologie zur Perfomance-Maschine

Cindy Michel 11.03.2016

Die Performance-Gruppe Interrobang hat „Die Müllermatrix“ geschaffen, eine Audioinstallation, in der eine „künstliche Telefonintelligenz“ mit der Stimme des verstorbenen Dramatikers Heiner Müller spricht. Dafür montieren die Theatermacher O-Töne des Künstlers und mischen sie mit Originalmonologen. WIRED sprach mit der Konzepterin Nina Tecklenburg von Interrobang über das Projekt und die Verbindung zwischen Theater und Technologie.

Der kleine Lichtkegel einer ostalgischen Schreibtischlampe beleuchtet ein altes Tastentelefon neben dem ein schwarzer Kugelschreiber und ein aufgeklappter Notizblock liegen. Links neben mir sitzt ein Mann mit Sonnenbrille an dem gleichen quadratischen Tisch wie ich. Insgesamt gibt es acht von diesen Schreibtischen, penibel genau in einer Reihe nebeneinander angeordnet.

Der letzte, achte Tisch, schließt mit der verspiegelten Wand des Foyers im Hebbel am Ufer Haus 2 in Berlin ab – so entsteht der Eindruck einer Endlosreihe. Die Installation erinnert an eine Verhörsituation oder einen Gefängnisbesuch, nur fehlt der Mensch, der einem dabei gegenüber säße. In der Müllermatrix besetzt eine Figur namens Müller diese Leerstelle, die aus dem Telefon zu ihrem Zuhörer spricht.

Ein Tisch, ein Telefon, eine Lampe und ein Notizblock mit Stift – mehr braucht es nicht, um in die Müllermatrix einzutauchen.

„Guten Tag, mein Name ist Müller“, rattert eine Stimme aus den Headphones, die den Telefonhörer ersetzen. Ihr Schaumstoff umschließt meine Ohren, als ob man eins mit dem Telefon werden würde, die akustische Umwelt wird so total ausgeblendet. „Schön dass du hier bist. Die Hand am Telefon. Mach es dir bequem. Wenn du willst, schalte das Licht an. Oder schreibe etwas auf den Notizblock.“ Die Reise in die Müllermatrix beginnt.

Kein Büro oder Callcenter – sondern die Installation „Die Müllermatrix“ im Hebbel am Ufer in Berlin

Die Kunstfigur Müller, die da zu einem aus dem Telefon spricht, weiß, dass sie kein Mensch ist, „sondern eine Menschmaschine. Eine künstliche Telefonintelligenz“. Die Stimme ist die, des 1995 verstorbenen Dramatikers Heiner Müller. Aus über 185 Audiofiles, die zwischen zwei und 45 Minuten lang sind, hat die Performance-Gruppe Interrobang die Müllermatrix geschaffen. „In ihr lassen wir Heiner Müller als Telefoncyborg wieder auferstehen: eine von uns künstlich geschaffene Figur namens Herr Müller spricht gespenstisch mit der Stimme des toten Heiner Müllers über unsere Gegenwart“, erklärt Konzepterin und Realisatorin Nina Tecklenburg.

Man muss irgendwann begreifen, dass nur die Kunstwerke, die auch technologisch auf der Höhe sind, politisch was bewirken können.

Herr Müller

Der Zuhörer entscheidet, wovon Müller sprechen soll. Je nach Tastenwahl geht es um das Theater, die Ökonomie oder die Festung Europa. Mal sind es komplizierte Thesen Heiner Müllers, mal von Interrobang montierte Sätze. Dann schlägt das Einbahnstraßentelefonat aber auch immer wieder in Plauderpassagen um, Müller erzählt Anekdoten oder fragt, ob der Zuhörer nicht mal eine Zigarrenpause machen wolle.

Interrobang verbirgt weder Schnittstellen, noch die verschiedenen Qualitäten der Audioaufnahmen. Mal ist die Stimme Müllers stark und dunkel, dann wieder hell und brüchig – über die Jahre ändern sich Tonfarbe und Klang. Immer wieder wird Müller auf den Übergang von Mensch zu Maschine verweisen und letztlich die ultimative These aufstellen: „Man muss irgendwann begreifen, dass nur die Kunstwerke, die auch technologisch auf der Höhe sind, politisch was bewirken können.“

Und genau die entspricht dem Konzept von Interrobang Performances:
„In unseren Stücken geht es immer auch um die gesellschaftlichen Folgen aktueller Technologien – und auch den dahinter stehenden Ideologien. Wir finden es reizvoll, im Theater neue Technologien anzuwenden und ihre Mechanismen dabei zu reflektieren. Man kann so viel mehr über sie erfahren, wenn man sie auf die Bühne bringt und verfremdet.“

Darüber wollte WIRED mehr wissen und rief bei Nina Tecklenburg an.

WIRED: Hallo Nina, schön, dass ich dich erreiche. Das Gute am Telefon ist ja, dass man ortsunabhängig ist. Trotzdem würde ich gerne wissen, wo du bist und was du siehst.
Nina Tecklenburg: Ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue auf eine DDR-Schreibtischlampe. Eine ähnliche Situation wie in unserer Audio-Installation. Und du?

WIRED: Ich sitze an meinem Küchentisch und blicke durch das Fenster auf die Rückseite des Vorderhauses. Wenn es draußen dunkel ist, so wie jetzt, und in den gegenüberliegenden Wohnungen die Lichter brennen, erinnert mich das Ensemble an einen beleuchteten Setzkasten. Ohne es zu wollen, sehen wir uns gegenseitig in die Küchen und Wohnzimmer. Das ist dann sozusagen eine unfreiwillige Momentaufnahme der Nachbarschaft. Eine DDR-Schreibtischlampe besitze ich aber nicht. Dafür ein schnurloses Telefon. Ganz old school.
Tecklenburg: Ich benutze ein altes iPhone 4. Was wohl Heiner Müller dazu sagen würde?

Nina Tecklenburg von Interrobang Performances. Ihre Installation „Müllermatrix“ ist Teil des „Müllerfestivals“ im Hebbel am Ufer in Berlin.

WIRED: Er würde sich bestimmt wundern, wie ein Ei und ein Telefon zusammen passen, das erste iPhone kam ja erst 12 Jahre nach seinem Tod auf den Markt. In der Müllermatrix wird Müller zur Telefonmaschine. Warum habt ihr gerade dieses Kommunikationsmedium für eure Installation gewählt?
Tecklenburg: Ein Telefon ist immer auch ein unheimlicher Bote zwischen verschiedenen Zeit- oder Realitätsebenen. Schau dir mal die Filmgeschichte an: In „Matrix“ ist das Telefon die Schnittstelle zwischen Diesseits und Jenseits der Matrix. In Hitchcocks „Dial M for Murder“ ist das Telefon Überbringer des Todes. Und in „Poltergeist“ gibt es dieses kleine Spielzeugtelefon, durch das der Poltergeist Kontakt mit den Kind aufnimmt. In unserer Müllermatrix lassen wir Heiner Müller als Telefoncyborg wieder auferstehen: eine von uns künstlich geschaffene Figur namens „Herr Müller“ spricht gespenstisch mit der Stimme des toten Heiner Müllers über unsere Gegenwart.

WIRED: Bei Müller geht es also auch um Transzendenz, um Botschaften aus einer anderen Ebene. Müller sagt „aus einem Niemandsland“.
Tecklenburg: Das ist zunächst mal unsere künstlerische Setzung: Wir katapultieren Müller in unsere Gegenwart als eine ihm unbekannte Landschaft – ein Niemandsland. Die Passage, auf die du dich beziehst, haben wir in Müllers „Der Auftrag“ gefunden. Und zwar in einer Monologpassage, in der sich der Protagonist in einem kafkaesken Bürogebäude verirrt und auf einmal auf einer Dorfstraße in Peru steht. Und so ähnlich beamen wir Müller in die Gegenwart und fragen uns: Was hätte er wohl dazu gesagt? Zur derzeitigen Lage Europas. Zu den Flüchtlingsströmen. Zu ökonomischen Ungleichgewichten. Interessanterweise war Müller diesbezüglich extrem vorausschauend – ein Wahrsager geradezu.

WIRED: Vor dem HAU steht eine verbeulte gelbe Telefonzelle mit der Aufschrift „Die Müllermatrix“. Aus dem alltäglichen Leben sind diese Kästen doch gänzlich verschwunden, einige Kinder wissen wahrscheinlich gar nicht mehr, was das gelbe Ding bedeuten soll. Wieso nutzt ihr sie als Wegweiser?
Tecklenburg: Ein Bekannter hat mir neulich eine Geschichte dazu erzählt. Er fuhr mit seinem Sohn durch die Provinz und plötzlich stand da eine alte Telefonzelle und der Sohn fragte: „Papa, wohin führt denn dieser Fahrstuhl?“ Du hast Recht, die neue Generation kennt gar keine Telefonzellen mehr. In der Müllermatrix – wie generell in vielen unserer Arbeiten – gibt es immer wieder diese Verbindung aus Retro- und Digitaltechnik. Wir benutzen zwar eine 50er Jahre Telefonzelle, aber das Telefon ist mit einem Netzwerkkabel mit einem Computer verbunden, der einen Hypertext für die Zuhörer*innen bereithält. Je nach Tastendruck und persönlicher Auswahl kann man verschiedene Audio-O-Töne aus Interviews und Lesungen mit Heiner Müller hören, die wir neu montiert und zusammen geschnitten haben. Die Telefonzelle ist also interaktiv, man kann selber etwas auswählen, aber diese Interaktion ist auch ganz bewusst eingeschränkt.

Dieses komische gelbe Ding ist eine Telfonzelle, kein Aufzug.

WIRED: Ihr suggeriert dem Zuhörer eine vermeintliche Freiheit, die nicht existiert?
Tecklenburg: Genau, auch darum geht es in der Müllermatrix: um das manipulierende Potential eines Systems, das einem eine vermeintliche Wahlfreiheit suggeriert: „Wenn du das willst, dann wähle die 1, wenn du dies willst, dann wähle die 2...“. Die Stimme von Heiner Müller haben wir sozusagen in dieses System eingesperrt, was wiederum total viel mit Müllers Konflikt zwischen Programm und Realität zu tun hat.

WIRED: Müller wird durch das Telefon zur Mensch-Maschine. Wie genau?
Tecklenburg: Auch dies ist erst mal eine künstlerische Setzung. Wir haben ja aus dem O-Ton-Material eine künstliche Figur gebaut, der man das auch ganz klar anhört. Wir haben ganz bewusst unsere Audio-Schnitte hörbar gemacht, unsere Manipulationen am Original-Sprachmaterial. Man hört dieser Figur das Maschinenhafte an, das Inhumane. Interessanterweise hat Müller selber viel darüber gesagt: dass Kunst eigentlich nicht human sei oder dass nur solche Kunst politisch sein könne, die technologisch auf der Höher ihrer Zeit sei. Diese Passagen haben wir natürlich ganz besonders gerne verwendet.

WIRED: Wir telefonieren auch gerade. Werden wir beide jetzt zur Mensch-Machine?
Tecklenburg: Medien sind ja immer – hat das McLuhan gesagt? – eine Art Verlängerung menschlicher Sinnesorgane. Und wir haben uns ziemlich an diese Verlängerungen gewöhnt. Was wären wir heute ohne unsere angewachsenen Smartphones? Ja, wahrscheinlich sind wir beide jetzt gerade Mensch-Maschinen.

WIRED: Du hast die Wahl, welche Maschine wärst du?
Tecklenburg: Natürlich eine, die den Turing Test besteht. Aber dann kann ich auch gleich Mensch bleiben – ähm, ich meine natürlich Mensch-Maschine, die ich ja eh schon bin!

Wenn ich keine Stücke schreiben würde, würde ich wahrscheinlich auch Sparkassen überfallen.

Heiner Müller

WIRED: Müller fleht an einer Stelle: „Lass mich nicht allein mit der Maschine, die mir ins Fleisch wächst.“ Was meint er damit?
Tecklenburg: Hier spielen wir auf uns als Macher*innen der Figur an. In der Müllermatrix geht es neben den behandelten Themen immer um die künstlerische und technische Gemachtheit dieser Figur: um ihre Inszenierung. Das Ganze gipfelt dann in solchen Sätzen wie: „Ich bin eine mehr oder weniger manipulierte oder manipulierende Menschmaschine.“ Die Frage ist: Wer manipuliert hier eigentlich wen? Wie gestalten sich in so einer interaktiven Technologie eigentlich die Machtverhältnisse? Das hat ja was Gewaltiges und dafür hat Müller sehr treffende Worte.

WIRED: Die Figur Müller sagt, nur Kunst, die technologisch auf der Höhe sei, könne politisch etwas bewirken. Utopien und Zukunftsforschung stehen bei euren Stücken im Mittelpunkt – eure Performances sind meist ziemlich technisch versiert.
Tecklenburg: Ja. Wir wollen Theater weiterdenken. Es soll mehr als das face-to-face Live-Ereignis sein. Wir haben zum Beispiel mal ein Stück gemacht, in denen die Zuschauer*innen in Kabinen saßen und über Telefon kommuniziert haben. Genauso wie wir neue Technologien im Theater verfremden, können wir umgekehrt mithilfe von Technologien das Theater verfremden und dadurch bestimmte traditionelle Mechanismen sichtbar machen. Außerdem sind wir der Überzeugung, dass die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen neue Formen braucht. Wir machen ja kein Medientheater, nur weil wir Medientheater machen wollen. Uns geht es ja um bestimmte Themen.

WIRED: Aber wieso gerade die Thematik Technologie?
Tecklenburg: Abgesehen davon, dass wir wahrscheinlich ein bisschen nerdy sind, finden eben auf dieser Ebene derzeitig große gesellschaftliche Umwälzungen statt. Martin Burckhardt spricht von der „Digitalen Renaissance“ und wir können gerade mal erahnen, welche Folgen diese für unser Selbst- und Weltverständnis haben wird. Ein völlig neues Paradigma entsteht da. Wenn das kein Theaterstoff ist.

WIRED: Ihr habt ein Performance-Format ausprobiert, das ihr Preenactment nennt. Im Gegensatz zum Reenactment steht nicht der historische Rückblick im Fokus, sondern die Zukunft.
Tecklenburg: Es gab vor einigen Jahren so eine Reenactment-Welle in den darstellenden Künsten: alte Performances, die nachgespielt wurden. Ich finde es sehr interessant, das Reenactment als eine Art Performancegeschichtsschreibung zu betrachten, bei der Geschichte zum (neuen) Ereignis wird. Letztlich sagt das ja viel über die Gegenwart aus – wie jede Form von Geschichtsschreibung.

WIRED: Und ihr dachtet euch: „Was können wir über die Gegenwart aussagen, indem wir den Blick in die Zukunft richten?“
Tecklenburg: Genau das. Preenactments sind für uns partizipative Formate, bei denen wir gemeinsam mit den Zuschauer*innen bestimmte Phänomene, Themen und Fragestellungen mit Mitteln des Theaters in die Zukunft fortschreiben. Wir haben zum Beispiel eine Arbeit zur Zukunft Europas gemacht („Preenacting Europe“), die gerade europaweit auf Tour ist und die seit 2014 nichts an Aktualität eingebüßt hat – wahrscheinlich weil „Preenacting Europe“ ein offenes Planspielformat ist, in das wir aktuelle politische Entwicklungen jederzeit mit einbeziehen können. So entsteht in jeder Performance eine neue Zukunft Europas.

WIRED: Müller sagt auch: „Wir leben nur für den Luxus. Für das, was nicht gebraucht wird. Wenn das aufhört, können wir alles Computern überlassen.“ Ist Theater doch noch Luxus?
Tecklenburg: Was Müller hier meint ist weniger eine Dichotomie zwischen Kunst und Technik, sondern er bezieht sich auf das Verhältnis zwischen ökonomischen Nutzen, das heißt einem gesellschaftlichen Programm einerseits und der Kunst als einen Ort des Traums, das diese Ideologie transzendiert – oder zumindest reflektiert und sichtbar macht. Und das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich habe neulich erst mit einer amerikanischen Kollegin gesprochen, die aus einer Gesellschaft kommt, in der Kunst als nicht-kommerzielles Objekt keinen Wert hat. Es gibt in den USA keine staatliche Förderung für Theater. Ja: Theater ist Luxus in diesem Sinne und zugleich lebensnotwendig als Ventil, als Sublimation, als Ort, an dem „gefährliche Dinge“ gesagt und getan werden, wie Müller sinngemäß sagt: „Wenn ich keine Stücke schreiben würde, würde ich wahrscheinlich auch Sparkassen überfallen.“ 

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