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Die Zukunftsvisionen des Barack Obama

Timo Brücken 13.10.2016

Barack Obama ist gerade Gast-Chefredakteur der US-amerikanischen WIRED. Im Magazin präsentiert sich der Noch-US-Präsident als Kenner und Förderer von Raumfahrt, Künstlicher Intelligenz und der sich verändernden Arbeitswelt. Wir haben Obamas Sicht auf die Zukunft für euch zusammengefasst.

Nur noch etwas mehr als drei Monate ist Barack Obama Präsident der USA, dann wird seine Nachfolgerin oder sein Nachfolger ins Amt eingeführt. Höchste Zeit, sich über sein geistiges Erbe Gedanken zu machen. Darüber, wie er von der Nachwelt wahrgenommen werden will. Als ein Technologie- und Wissenschafts-Fan, der mutig in die Zukunft blickt und sich auf kommende Errungenschaften freut, scheint Obamas Antwort zu sein. Und weniger als einer, der Whistleblower wie Edward Snowden nicht begnadigen will oder Terroristen ohne Prozess mit Drohnen töten lässt.

Erst Anfang der Woche gab er in einem Gastbeitrag für CNN das Ziel aus, bis zu den 2030er Jahren Menschen zum Mars zu schicken. Und nun ist Obama Gast-Chefredakteur der Novemberausgabe der US-amerikanischen WIRED. In einem Essay und einem ausführlichen Interview mit Chefredakteur Scott Dadich und dem Direktor des MIT Media Labs, Joi Ito, spricht er über seine Zukunftsvisionen für die Raumfahrt, Künstliche Intelligenz, den Konflikt zwischen Freiheit und Sicherheit im Internet und unsere sich verändernde Arbeitswelt. Im Einzelnen:

Über Künstliche Intelligenzen, die die Weltherrschaft übernehmen:
„Wenn man sich Science-Fiction ansieht, bekommt man den Eindruck: Computer werden immer schlauer und entscheiden irgendwann, dass wir Menschen nicht mehr nützlich sind. Dann setzen sie uns entweder unter Drogen, um uns fett und glücklich zu halten, oder sie stecken uns in die Matrix. Aber wenn ich mit meinen Beratern spreche, habe ich den Eindruck, dass wir von diesem Zukunftsszenario noch weit entfernt sind. [...] Macht euch noch keine Sorgen wegen Maschinen, die die Weltherrschaft übernehmen. Macht euch Sorgen wegen nichtsstaatlicher oder feindlicher Akteure, die in Systeme eindringen. [...] Es könnte zum Beispiel einen Algorithmus geben, dem man sagt: ‚Finde die Nuklearcodes heraus und schieß ein paar Raketen ab.‘ Wenn das seine einzige Aufgabe ist und er auch noch von selbst lernt, dann haben wir ein Problem.“

Über Roboter, die uns angeblich die Jobs wegnehmen:
„Die meisten Menschen machen sich kaum Gedanken über die Singularität – sie fragen sich: ‚Wird mein Job von einer Maschine übernommen?‘ Ich sehe das eher optimistisch – historisch gesehen haben wir neue Technologien immer absorbiert, es entstehen neue Jobs, die Menschen stellen sich um, und im Ganzen verbessert sich unser Lebensstandard. [...] Unser Gesellschaftsvertrag und unsere ökonomischen Modelle müssen sich an die neuen Technologien anpassen. [...] Während Künstliche Intelligenz immer weiter vordringt und die Gesellschaft potenziell wohlhabender wird, wird die Verbindung zwischen Produktion und Distribution, wie viel du arbeitest und wie viel du verdienst, immer schwächer – die Computer übernehmen einfach einen Großteil der Arbeit.“

Darüber, wie die Regierung Künstliche Intelligenz regulieren sollte und Diskriminierung durch Technologie verhindert werden kann:
„Im frühen Stadium einer Technologie sollten tausend Blumen blühen. Die Regierung sollte sich nur wenig einmischen, aber viel in Forschung investieren. [...] Wenn die Technologie sich dann weiterentwickelt, muss man herausfinden, wie sie in den existierenden gesetzlichen Rahmen passt, weswegen die Regierung eine etwas größere Rolle spielen muss. Nicht um die Technologie in irgendeine Form zu pressen, sondern um sicherzustellen, dass sie gewissen Grundwerten entspricht. Andernfalls kann es passieren, dass bestimmte Menschen oder Gruppen benachteiligt werden. [...] Wenn sich die Werte einer vielfältigen Community in einer bahnbrechenden Technologie widerspiegeln sollen, muss staatliche Förderung ein Teil des Ganzen sein.“

Über den technischen Rückstand der Regierung:
„Die Regierung muss kundenfreundlicher werden. [...] Die Steuererklärung zu machen muss so einfach sein, wie eine Pizza zu bestellen oder ein Flugticket zu kaufen. [...] Die Talentlücke zwischen Regierung und Privatwirtschaft ist gar nicht so groß, wie man vielleicht denkt. Die technologische Lücke hingegen ist riesig. Als ich anfing, stellte ich mir den Situation Room im Weißen Haus vor wie in Minority Report, wo Tom Cruise irgendwelche Dinge durch die Gegend schiebt. Er sieht nicht so aus, ganz und gar nicht.“

Darüber, wie Freiheit und Sicherheit im Internet gewährleistet werden sollen:
„Wir müssen herauszufinden, wie das Internet auf verantwortungsvolle, transparente und sichere Art und Weise reguliert werden kann, damit wir die Bösen fangen und gleichzeitig sicherstellen können, dass die Regierung in unser aller Leben nicht zu mächtig und das Netz kein Unterdrückungswerkzeug wird. Daran arbeiten wir noch. [...] Es ist ein verzwicktes Problem, weil mir bisher niemand eine Antwort geben konnte, wie wir diese Ansprüche unter einen Hut bekommen.“

Über die Zukunft der Raumfahrt:
„Ich bin immer noch ein großer Weltraum-Fan, und die Frage, wie wir die nächste Generation der Raumfahrt einläuten, ist etwas, in das wir viel zu wenig Geld stecken. Die Privatwirtschaft leistet hier gute Arbeit, weil sie die Regierung bei vielen ‚Warum zur Hölle eigentlich nicht‘-Vorhaben aussticht, bei den verrückten Ideen. Doch wenn wir von Weltraumflügen sprechen, geht es im Grunde immer noch um die gleichen chemischen Reaktionen wie zu Zeiten der Apollo-Missionen. Ich weiß nicht, on Dilithium-Kristalle (die für den Warp-Antrieb in Star Trek benötigt werden, Anm. d. Red.) schon entwickelt wurden – aber nach fünfzig Jahren sollte es doch wohl irgendwelche neuen Durchbrüche geben.“

Darüber, welche technologischen Wunder seine NachfolgerInnen hoffentlich bei „Jugend forscht“ im Weißen Haus erleben dürfen:
„Ich stelle mir einen Schüler vor, der vor den Augen des Präsidenten eine Bauchspeicheldrüse wachsen lässt – was irgendwann die Wartelisten für lebenswichtige Organe überflüssig machen könnte. Ich stelle mir Mädchen vor, die einen Treibstoff auf Basis von Sonnenlicht, Wasser und Kohlendioxid entwickelt haben; den Teenager, der Wählen und gesellschaftliches Engagement so süchtigmachend werden lässt wie das Scrollen durch den Twitter-Feed; den Jungen aus Idaho, der Kartoffeln in Erde züchtet, die wir von unserer Kolonie auf dem Mars mitgebracht haben. Und ich stelle mir vor, wie irgendein zukünftiger Präsident mit einer Schülerin, die ein neuartiges Teleskop entwickelt hat, über den Rasen des Weißen Hauses geht. Während der Präsident durch das Objektiv schaut, richtet sie das Teleskop auf einen Planeten, bei einem weit entfernten Stern am anderen Ende der Galaxie, den sie gerade entdeckt hat. Dann sagt sie, dass sie gerade noch an einer Erfindung arbeitet – einer, die uns eines Tages dort hin bringen wird.“

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