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Die Zuckerberg-Show: Zwischen Respekt und Grusel

Johnny Haeusler 12.04.2018 Lesezeit 5 Min

Johnny Haeusler hat sich für uns den Livestream des ersten Teils der Anhörung des Facebook-Chefs Mark Zuckerberg angeschaut. Dabei schwankte er hin und her zwischen Faszination und Grusel, und er sieht eine Möglichkeit, die Nutzerinnen wieder in den Vordergrund zu stellen.

Es war ein faszinierendes Schauspiel, dem ich am Dienstag über zwei Stunden im Livestream beigewohnt habe. Im ersten Teil der Anhörung von Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress, ausgelöst durch die Geschehnisse rund um Facebook und Cambridge Analytica, saß der Konzernchef kerzengerade vor den Senatorinnen, beantwortete jede Frage und kam nur selten ins Stocken – und das oft nur deshalb, weil er die Frage einfach nicht verstanden hatte. Was wiederum nicht an Zuckerbergs Intelligenz lag, sondern an den wenigen etwas konfusen Fragen („Wie viele Datenkategorien speichern Sie genau?“).

Es gab neben Zuckerbergs überkorrektem Verhalten und seinen durch extrem gute Vorbereitung nie abgelesenen Antworten durchaus spannende Aussagen und Bekenntnisse zu hören. Klare Sätze wie „Es tut mir leid. Es war mein Fehler. Ich habe Facebook gegründet, ich leite die Firma und ich bin verantwortlich für das, was hier passiert ist“ zum Beispiel hört man ja hierzulande aus Wirtschaft oder Politik gar nicht mehr. Huhu, VW!

Und auch, dass sich Mark Zuckerberg zu der Aussage hinreißen ließ, dass Facebook für die auf der Plattform veröffentlichten Beiträge verantwortlich ist, dürfte bei einigen Zuhörerinnen für interessiert hochgezogene Augenbrauen gesorgt haben. Schließlich steht die Frage, ob sich Facebook als rein technischer Dienstleister sieht oder doch als verantwortlicher „Publisher“, seit Jahren in Raum, da die Antwort jede Menge Konsequenzen mit sich bringt. Zudem scheint Zuckerberg die demnächst in Kraft tretende europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) als mögliches Vorbild für die Regulierung nicht nur seines Unternehmens zu akzeptieren.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es  an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Wie aber einzelne Aussagen genau bewertet werden können, welche Konsequenzen sich daraus wirklich ergeben … das werden wir alles noch sehen und hören. Denn ganz nebenbei gab es ja auch noch einen anderen wichtigen Aspekt bei dem Stream-Event: Mark Zuckerberg selbst.

Aus der Ferne fällt einem ja alles leicht. Das Lästern über seine Bleichheit, das Rummäkeln an einzelnen Fragen und Antworten. Man könnte aber auch Respekt vor einem Typ zeigen, dessen Kehlkopf sich nicht einmal während der viereinhalb Stunden zu bewegen scheint, der nicht einmal mit der Wimper zuckt, mit Seelenruhe immer wieder die Funktionsweise von Facebook erklärt und seinen Kopf für alle Fehler hinzuhalten bereit ist. Und der, so kam es mir vor, nach kurzer Zeit die ganze Show in seiner Hand hatte und selbst die Antworten zur scheinbaren Zufriedenheit der Senatorinnen gab, die gar keine waren. Vermutlich wäre mindestens die Hälfte der anwesenden Senatorinnen nach der Anhörung bereit gewesen, Zuckerberg als US-Präsidenten zu akzeptieren, so souverän, sachlich und geradezu emotionsfrei erschien der Mann in weiten Teilen.

Man könnte das respektabel finden, wäre es nicht auf eine andere Art auch etwas gruselig. Käme in den nächsten Monaten oder Jahren heraus, dass Mark Zuckerberg das größte Robotik- und KI-Experiment der Welt ist – die Überraschung würde sich in Grenzen halten, glaube ich. Hohe Professionalität hat ja oft sowieso etwas Künstliches, doch Mark Zuckerberg übertrifft alles bisher Gesehene. Vor den hinter ihm sitzenden und auch nur selten Regungen zeigenden Myriah Jordan und Joel Kaplan wirkte er streckenweise wie deren Sohn … wie ihre „Kreation“ fast, von der sie wissen, dass sie ein gutes Bild abliefern wird. Dieses GIF verdeutlicht, was ich meine.

Insgesamt aber schienen bei der Anhörung Realitäten aufeinander zu prallen, VR und KI gegen RL, und beim Zuschauen kam ich mir streckenweise vor wie bei der Live-Übertragung der Mondlandung, aber in der Version für die Generation Z.

Bevor ich nun aber komplett abdrifte und anfange, Science Fiction zu schreiben, konzentriere ich mich lieber noch einmal auf den Inhalt dieses Teils der Anhörung. Denn wenn man irgendetwas meiner Meinung nach schon jetzt erkennen kann, dann ist es die alte Weisheit, dass zu viel Macht nicht in die Hände einzelner Menschen gehört.

Es ist ja ehrenwert, dass Zuckerberg Fehler und Pannen eingesteht und Verantwortung übernimmt (was das genau bedeutet, ist dabei völlig unklar), doch solange es den Anschein macht, dass er das Spiel weiterhin allein nach seinen eigenen Regeln spielen möchte und Regulierungen nur dann akzeptiert, „wenn es die richtigen sind“ – solange besteht die Gefahr, dass Facebook eine politisch und gesellschaftlich unkontrollierte Kraft bleibt, die durch ihre Monopol-Stellung (die Zuckerberg nicht als solche empfindet …) Innovation und das Aufkommen neuer erfolgreicher Unternehmen verhindert, die niemand wirklich einschätzen kann und bei der selbst große Zuckerberg-Fans sich nicht allein auf vermutete gute Absichten einer einzelnen Person verlassen sollten.

Vor etwa einem Jahr sinnierte ich hier über die Möglichkeit, Google zu einem gemeinnützigen Unternehmen zu machen, und ich erntete damit einigen Spott, da viele Menschen glaubten, ein gemeinnütziger Konzern (ein Non-Profit-Unternehmen) dürfe keine Gewinne machen, also könne man auf diese Art kein Google oder Facebook finanzieren. Doch natürlich können und müssen auch gemeinnützige Firmen Geld verdienen, sie müssen es nur wieder in ihren Zweck investieren. Der eben der Allgemeinheit zuträglich sein muss.

Ich bleibe daher dabei. Ich sehe eine große Chance für Unternehmen mit der Größe und Macht von Facebook und Google in ihrer Umwandlung mit gemeinnützigen Strukturen, klaren regulatorischen Vorgaben und transparenten Vorgängen und Geschäftsmodellen. Der Allgemeinheit statt den Investorinnen dienlich zu sein würde nicht bedeuten, dass es keine Gehälter oder Gewinne mehr gibt oder die technischen Infrastrukturen nicht mehr bezahlt werden können. Sondern es würde bedeuten, dass die Nutzerinnen im Vordergrund stehen. Und genau das ist es ja, was Mark Zuckerberg will. Oder?