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Warum das ZDF mit dem Begriff „Killerspiele“ die Diskussion killt

Dominik Schönleben 05.02.2016 Lesezeit 6 Min

Die Debatte um Killerspiele ist alt, ihre Hochphase hatte sie Anfang der 2000er. Doch jetzt wärmt ZDFinfo sie mit einer dreiteiligen Doku-Serie wieder auf. Wir haben uns „Killerspiele! Der Streit beginnt“ vorab angeschaut und festgestellt: Ohne alte Klischees geht es wohl nicht.

Gunnar Lott, einst Chefredakteur der Videospielezeitschrift GameStar, als diese noch ihre glorreichen Zeiten hatte, beschreibt es in den ersten Minuten so treffend wie kein anderer: „Killerspiele ist ein Kampfbegriff. Der Begriff ist dafür da, etwas zu diffamieren. Und insofern ist er gar nicht weiter zu diskutieren. Man darf den eigentlich nicht verwenden.“ Hätte sich das ZDF mal daran gehalten. Stattdessen arbeitet die neue Dokumentation „Killerspiele! Der Streit beginnt“ nicht nur im Titel, sondern in der kompletten Anfangssequenz mit dem Begriff der Videospiel-Gegner.

Die ersten Minuten des Films sind kaum zu ertragen, weil der Sprecher Klischees herunterbetet, die auf Videospiele zutreffen sollen — und sie mit blumigen, nein, blutigen Worten untermalt. Es wirkt fast so, als hätten die Autoren seit der Hochphase der Debatte ihre Meinung zum Thema nicht angepasst. Als hätten sie vergessen (oder gar nicht mitbekommen), wie weit Spiele im letzten Jahrzehnt gekommen sind, wie sie sich vom Ursprung fortentwickelt haben. Selbst wenn Videospiele es einst gewesen sein sollten, haben sie sich längst von den digitalen Schießbuden zum vollwertigen Kulturgut entwickelt.

Killerspiele ist ein Kampfbegriff. Man darf ihn eigentlich nicht verwenden.

Gunnar Lott, ehemaliger GameStar-Chefredakteur

Eine Aufarbeitung der vergangenen Debatte ist gut, wenn nicht sogar notwendig, um zu verstehen, warum Videospiele in Deutschland in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer so negativ behaftet sind. Doch sollte sie nicht mit den Kampfbegriffen derer stattfinden, die sich eine Welt ohne solche Spiele wünschen würden. Genau diesen nötigen Abstand nimmt die Dokumentation vor allem zu Beginn nicht ein. So bezeichnen die Autoren etwa „Doom“ und „Wolfenstein“ als Killerspiele. Beide sind Spiele, die Gewalt zeigen, so neutral könnte man es beschreiben. Wer ein Signalwort benutzt, setzt damit aber Assoziationen frei, die nur schwer wieder eingefangen werden können.

Pong, das erste kommerziell erfolgreiche Videospiel, war wohl noch kein Killerspiel.

Es ist verständlich, dass eine Dokuserie mit dem Wort Killerspiele im Titel um Aufmerksamkeit buhlt und über Zuspitzung Interesse zu wecken versucht. Doch inhaltlich müsste dann sehr viel differenzierter vorgegangen werden. Vor allem während der ersten Viertelstunde bestätigt der Film nur jene längst abgenutzten Klischees von Videospielen als Medium, das Kinder zur Gewalt aufhetzt. Sogar der nur sehr vage Zusammenhang zum Amoklauf 2002 in Erfurt wird erneut heraufbeschworen und nicht ausreichend hinterfragt.

Es ist ein gewöhnlicher Vorgang bei der Einführung und Verbreitung eines neuen Mediums, dass Kritiker es zuerst als gefährlich für die gesellschaftliche Ordnung einstufen, besonders als Gefahr für die Jugend. Es war so mit dem Tonfilm, mit Comics und dem Fernsehen. Im Lauf der Jahre relativiert sich dann alles, spätestens dann, wenn die angeblich verdorbene Jugend erwachsen wird und selbst Kinder hat. An diesem Punkt müssten wir in der Gesellschaft eigentlich längst auch in Bezug auf Videospiele angekommen sein.

„Doom“ hat Ego-Shooter zum eigenen Genre gemacht.

Natürlich ist es wichtig, Videospiele kritisch zu betrachten, in denen das Töten von menschlichen Figuren im Zentrum steht. Doch eine differenzierte Betrachtung findet eben nur dann statt, wenn man den Begriff Killerspiele vermeidet — weil er so vieles zudeckt.

Spiele wie „Doom“ oder „Mortal Kombat“ provozierten von Anfang an mit möglichst drastischer Gewaltdarstellung und bekamen so viel Aufmerksamkeit. Und tun es noch immer, wie der neue Trailer zur „Doom“-Neuauflage zeigt, in dem Dämonen in Blutfontänen zerplatzen und dem Spieler möglichst in Nahaufnahmen gezeigt wird, wie seine Spielfigur Gegnern Augen und Gliedmaßen aus dem Körper reißt.

Der Zugang von Kindern zu diesen Spielen sollte diskutiert und eingeschränkt werden. Man darf diese Spiele auch als das bezeichnen, was sie sind: Spiele mit unnötiger oder gar verherrlichender Gewaltdarstellung. Das Wort Killerspiele hingegen erzeugt das Bild von einer digitalen Ausbildung zum Attentäter, von Spielen, die Menschen zu seelenlosen Amokläufern machen. Ein Zusammenhang der so nicht belegt werden kann. Denn der menschliche Geist funktioniert komplexer, wird nicht einfach durch Videospiele konditioniert. So wird heute etwa als Auslöser für den Amoklauf in Erfurt eher die Perspektivlosigkeit des 19-jährigen Robert S. angesehen, der ohne Abschluss von der Schule geschmissen wurde. Ein Detail, das die ZDF-Doku unerwähnt lässt.

Nach der damaligen Argumentation hätten wohl auch Risiko und Stratego indiziert werden müssen.

Nach dem misslungenen 15-Minuten-Einstieg kommt der eigentlich spannende Teil der ersten Dokufolge: der historische. Der Film beleuchtet detailliert die Hintergründe der Debatte und viele ihrer Nebenschauplätze. Legendäre Videospieledesignern wie „Doom“-Erfinder John Romero kommen zu Wort, aber auch Spielejournalisten, Kulturwissenschaftler und die Mitarbeiter der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Sie alle beschreiben die Vergangenheit aus ihrer Perspektive als Zeitzeugen. Vor allem zeigt der erste Teil der Serie, wie die Bundesprüfstelle in den 80ern gearbeitet hat. Und erklärt, warum viele eigentlich primitive Spiele schon eine Indizierung bekamen.

„Die Anwendung einer List und die Hinzuziehung staatlicher Vollzugsorgane ist durch die Gestaltung des Spiels ausgeschlossen“, kritisierte etwas 1987 die Bundesprüfstelle am Spiel „Barbarian“. Meist ist die größte Kritik also die Alternativlosigkeit der Spiele. Gewalt als einzige Lösung könnte die Jugend zu Kriegsbefürwortern machen, war die Furcht der Prüfer. Es erscheint fast surreal, wenn man heute betrachtet, wie reduziert auf einige Grundmechaniken die meisten der Titel waren. Nach der damaligen Argumentation hätten wohl auch die Brettspiele „Risiko“ und „Stratego“ indiziert werden müssen.

Der Film entfernt sich so immer mehr von seiner anfänglich reißerischen Aufmachung. Lässt mehr und mehr die Zeitzeugen zu Wort kommen. Lässt etwa John Romero seine Motivation für „Doom“ erläutern.

Interessant ist, dass die Doku von Christian Schiffer produziert wurde, dem Herausgeber des Videospiel-Bookazines WASD, das sonst eine sehr positive Einstellung zu Videospielen in all ihren Ausprägungen aufweist. Es scheint fast so, als habe er eine eigentlich differenzierte und großartige Dokumenation produzieren wollen, die dann im Schnitt von anderen auf die Killerspiel-Rethorik zurechtgestutzt wurde. Damit eben der geneigte ZDFinfo-Zuschauer am Anfang auch dran bleibt und sich nicht von pixeligen Atari-Games gelangweilt fühlt. Inwiefern also die Doku-Serie sich in Teil zwei oder drei wendet und zeigt, wie die Wahrnehmung von Videospielen sich verändert hat, bleibt abzuwarten.

Der erste Teil der Dokumentation „Killerspiele" wird am wird am Samstag den 6. Februar auf ZDFinfo um 23.15 Uhr unter dem Titel „Der Streit beginnt“ ausgestrahlt. Davor beschäftigt sich das Abendprogramm ab 21 Uhr mit dem Thema Videospiele. Hier findet ihr die Doku in der Mediathek