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Die WIRED-Woche: Du hast die Realität selbst in der Hand!

Domenika Ahlrichs 03.06.2016

Stellt euch vor, wir wären Figuren in einem Computerspiel. Was nach Gedankenexperiment klingt, könnte schon Realität sein, vermutete in dieser Tech-Woche Elon Musk. Ein Rück- und Ausblick von WIRED-Vizechefin Domenika Ahlrichs.

Ich war sieben Jahre alt, als ich mich zum ersten Mal fragte: Woher weiß ich eigentlich, dass ich existiere? Vielleicht erträumt mich ja auch nur irgendwer, dachte ich dann, oder noch irrer: Vielleicht bin ich nur eine Figur in einer Fernseh-Serie. Mein Magen zog sich bei solchen Gedanken immer zusammen. Offenbar nicht nur meiner: Dank des Films Matrix beschäftigte sich später eine ganze Generation mit der Frage: Ist das alles überhaupt echt oder nur eine Computer-Simulation? Als ich sieben war, gab es den Film natürlich noch nicht. Die Vorstellung aber schon, sie ist so alt wie die Philosophie. Ich jedenfalls kam mir damals ausgeliefert vor. Ziemlich orientierungslos. Dann entschied ich: Egal.

Ich erinnerte mich an diese Entscheidung, als ich in dieser Woche SpaceX-Tesla-Millionär Elon Musk ähnlich achselzuckend bei der Code Conference auf die Frage eines Zuschauers reagieren sah: Könnte es sein, dass wir Figuren in einer Simulation sind? „Klar“, antwortete er. Klar! Und begründete es mit der unglaublichen Entwicklung von Computerspielen in den vergangenen Jahrzehnten. „Bald werden wir Spiele haben, die nicht mehr zu unterscheiden sind vom Alltagsleben“, sagte Musk. Die Chance, dass wir bereits in einer dieser Realitäten leben, sei klein, aber da.

Zumal die Grenze zwischen Realität, Traum oder Parallelwelt sowieso schwer zu ziehen ist: „Die Realität ist nur eine Interpretation des Gehirns“, lese ich bei den Kollegen von ZEIT ONLINE. Ein Zitat des Psychotherapeuten und Professors für Psychologie Erich Karsten. Und Mathias Mertens, Autor des Buchs „Ladezeit. Andere Geschichten von Computerspielen“, sagt im gleichen Beitrag: „Realität ist, was wir mit Mitteln wahrnehmen können, die uns selbstverständlich geworden sind.“ Neue Technik etwa vermittle uns erstmals das Gefühl, uns vom unmittelbar Erlebbaren zu entfernen, doch sobald wir mit ihr vertraut seien, gehöre sie zum „echten Leben“ selbstverständlich dazu.

Telefone, Fernseher, Radios – Auch Virtual Reality ist lediglich im Namen virtuell, wenn man in sie eintaucht und in ihr agiert. Mein Kollege Dirk Peitz etwa, als er testete, wie sich Alkohol und VR vertragen oder Thorsten Wiedemann, der 48 Stunden die VR-Brille trug und es genoss, abends unter Sternen einzuschlafen. Künstlich? Nun, nicht künstlicher als die Zimmerdecke, oder? Denn, siehe oben, wie wir Realität definieren, ist stets subjektiv. 

Was ein Mensch erlebt, ist für Thomas Metzinger, Neuroethiker an der Universität Mainz, eine „biologische virtuelle Realität“. Unsere Augen seien im Prinzip eine Art-VR-Brille, sagt er in der neuen Ausgabe des WIRED-Magazins, die ihr ab Dienstag, 7. Juni im Kiosk und online lesen könnt. Unser Redakteur Max Biederbeck fragt darin, handeln wir bald mit einer „Virtual Psychology“?

Als ich die Überschrift zu Musks Gedankenexperiment bei Vox.com las „Elon Musk glaubt, dass wir Figuren im Computerspiel einer weit entwickelten Zivilisation sind“, dachte ich: Bingo, da hat er sich selbst sehr treffend beschrieben. Denn was hält der immerhin erst 45-Jährige nicht so alles für möglich und probiert es gegen die Nörgelei von Bedenkenträgern einfach aus?! Er definiert seine Realität selbst, dehnt die Grenzen dessen, was machbar scheint. Er wäre der perfekte Adventurer eines Computerspiels, der an Herausforderungen wächst. Menschen auf den Mars bringen? Musk will das in neun Jahren ermöglichen. Wenn dann nach seinen Berechnung unten auf der Erde bereits alle mit den Autos fahren, mit denen er das Weltklima zu retten hofft: Teslas E-Wagen. Autonom, selbstverständlich.  

Das kann alles schiefgehen, und das mit großem Brimborium angekündigte und massenhaft vorbestellte Model 3 von Tesla zum Beispiel wird sicher wieder später ausgeliefert als geplant. Aber was für eine Energie und ein Glauben an Möglichkeiten! Virtuell oder Real? Musk ist das einfach egal, so wie mir es als Kind egal wurde. 

Und Musk ist bei weitem nicht der Einzige, der die Grenzen zwischen Echt und Unecht verschiebt. Ähnlich beeindruckend war diese Woche für mich Viktoria Modesta, die Singer-Songwriterin und „Bionic-Artist“. Auch sie fordert mit ihrer Arbeit immer wieder Definiertes heraus – vor allem, wenn es angeblich Grenzen gibt dessen, was man mit einer Behinderung vermeintlich tun und was man nicht tun kann.

Viktorias linker Unterschenkel ist amputiert. „Ich fand das immer faszinierend: Andere Menschen entscheiden deshalb, wer du bist oder was du erreichen kannst, während du selbst noch so jung bist. Ich dachte immer: Ihr seht es nur einfach nicht. Ich sehe Dinge, die weit darüber hinaus gehen“, erzählt Modesta unserer Autorin Anna Schughart. „Ich bin fest entschlossen, eine andere Realität zu erschaffen und zu zeigen, dass nichts dauerhaft und identitätsstiftend ist.“

Eine andere Realität schaffen. Oder auch: offen sein für unterschiedliche Arten von Realität. Das haben uns in dieser Woche auch Kinder vorgemacht, die für die Aktion Mensch gefilmt wurden. Sie reagieren auf Prothesen und die Menschen, die auf sie angewisen sind mit „cool“ und anerkennend „krass“ und akzeptieren Technik als ganz echten Bestandteil des Lebens. Vielleicht wird ihnen sich der Magen niemals so zusammenziehen wie mir. Viele Realitäten werden ihre Realität sein.  

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