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Der „Techno Viking“ zeigt, wie realitätsfern der Wunsch nach Vergessen im Netz ist

Dominik Schönleben 15.10.2015

Es war eines der ersten global erfolgreichen Video-Memes: 2007 ging der während der Berliner Fuckparade aufgenommene Clip „Techno Viking“ um die ganze Welt. Für den Urheber Matthias Fritsch hatte das ein teures Nachspiel. In einer Dokumentation erzählt der Künstler nun, warum der zufällige Internet-Ruhm des bärtigen Techno-Fans von damals aktueller ist denn je.

Der vierminütige Clip des Künstlers Matthias Fritsch ist ein Stück Internet-Kulturgeschichte. Die verpixelte Videoaufnahme von 2000 zeigt den legendären Krieger der elektronischen Tanzmusik: den „Techno Viking“. Ein bärtiger, barbrüstiger, muskelbepackter Riese feiert darin mit unverwechselbarem Tanzstil auf der Fuckparade in Berlin — und wurde so zur Internetsensation.

Obwohl Fritschs Clip fast 15 Jahre alt ist, steht er beispielhaft für eine gesellschaftliche Frage, die heute im Social Web so präsent ist wie nie: Was ist privat, was öffentlich? Und wie erkennt man im Wust aus Selbstinszenierung und viralem Marketing noch, was real ist?

Matthias Fritsch

Während heute virale Videos zur Normalität gehören, war der mit dem „Techno Viking“ verbundene Kontrollverlust für die Beteiligten völlig neu. Fritsch war begeistert über den Erfolg seines Videos, das er eigentlich unter dem Namen „Kneecam No.1“ veröffentlicht hatte. Doch seinem Protagonisten stieß der unfreiwillige Ruhm sauer auf. Der Techno Viking fühlte sich in seiner Privatsphäre gestört.

„Als Entschuldigung muss man sagen: Im Jahr 2000 kannte ich noch keine Viral-Videos — und der Protagonist noch weniger“, sagt Fritsch, wenn er an die Aufnahme seines Videos in der Rosenthaler Straße in Berlin Mitte zurückdenkt. „Niemand konnte ahnen, wie sich die Technik und die Vernetzung weiterentwickelt und so ein Video dann über den ganzen Globus rollt.“ Er habe den Clip 2006 auf YouTube hochgeladen, weil er so surreal gewesen sei, voller zufälliger Ereignisse, die wie gestellt wirken. Fritsch wollte, dass sich der Zuschauer die Frage stellt: Ist dieses Video eine Inszenierung oder nicht?

Dass der Techno Viking keine von Fritsch erfundene Kunstfigur war, bestätigte sich spätestens 2013, als der Künstler vom Landgericht auf Unterlassung verurteilt wurde. Die 8000 Euro, die er mit seinem YouTube-Video verdient hatte, musste er an den Protagonisten ausbezahlen. Doch zu diesem Zeitpunkt war der Kontrollverlust bereits in vollem Gange: Das Video war tausendfach geremixed, neu interpretiert und nachgestellt worden — es hatte sich längst zum vollwertigen Viral-Hit entwickelt.

Matthias Fritsch kehrte zusammen mit WIRED an den Ort zurück, an dem er das „Techno Viking“-Video 2000 gefilmt hat: Gipsstraße, Ecke Rosenthaler Straße, Berlin.

Nicht Fritsch, sondern das Netz gab dem Elektro-Krieger seinen Namen: „‚Techno Viking‘ als Label kam aus der Community“, erzählt Fritsch. 2007 sei die Bezeichnung Techno-Wikinger (damals noch auf deutsch) nach seiner Recherche zum ersten Mal von Leuten aus dem Ruhrgebiet genutzt worden. Aber erst Ende 2007 landete das Video im Mainstream, weil es auf break.com gepostet wurde.

Danach erlebte Fritsch den völligen Kontrollverlust: „Da sitzen wir beide im selben Boot. Sowohl der Techno Viking, der die Kontrolle über sein Abbild verloren hat, als auch ich, der die Kontrolle über sein Kunstwerk verloren hat. Aber ich habe das nicht als etwas Negatives gesehen“, sagt er. Der Techno Viking hingegen schon. Seine unfreiwillige Berühmtheit habe ihm berufliche Probleme bereitet und sein Abbild sei von Menschen aus dem rechten politischen Spektrum missbraucht worden, teilte der Mann Fritsch später über einen Anwalt mit.

Während eine solche unfreiwillige Berühmtheit im Jahr 2000 noch unabsehbar war, leben wir heute in einer Welt, in der diese Dinge nicht mehr zu verhindern sind. Viele Menschen inszenieren sich genau deshalb erst auf bestimmte Weise, damit sie wiedererkannt und in sozialen Netzen gefeiert oder diskutiert werden. Das Outfit des Techno Viking wirke fast schon wie eine Inszenierung, gibt Fritsch zu bedenken. Wer sich so in der Öffentlichkeit verkleide, müsse damit leben, dass er Aufmerksamkeit erregt und gefilmt wird.

Matthias Fritsch sieht den Techno Viking heute als Kunstfigur, die sich komplett von der Person dahinter gelöst hat.

Das mag vor 15 Jahren noch nicht so gewesen sein. Aber heute, da jeder Mensch permanent mindestens eine Kamera in der Tasche trägt, muss man quasi damit rechnen im Netz verewigt zu werden, wenn man in der Öffentlichkeit auffällt. Die Gefahr, unfreiwillig zum Internet-Star zu werden ist beinahe allgegenwärtig. Ob das positiv oder negativ ist, liegt im Auge des Betrachters. Nicht umsonst fordern viele von Google das Recht auf Vergessen. Einen Wunsch den anscheinend auch der Techno Viking seinerzeit hegte. Und der mittlerweile realitätsfremd erscheint.

Fritsch nahm das Video 2009 aus dem Netz, um guten Willen vor Gericht zu zeigen, schaltete er es bei YouTube auf „privat“. Bis zu sechs Jahre Gefängnis und 250.000 Euro Strafe drohen ihm seit 2014, wenn er es wieder zeigen sollte. „Das Ganze ist natürlich in gewisser Weise absurd, weil ich der Einzige bin, der wirklich darin beschränkt wurde, etwas mit dem Video zu machen“, sagt Fritsch. Tausende Menschen haben seinen Clip auf verschiedensten Plattformen neu hochgeladen und das Abbild des Techno Viking in Memes, Skulpturen oder Musikvideos verwandelt.

Diese Techno-Viking-Skulptur stammt vom japanischen Künstler Shinya Yamaoka, der sie Matthias Fritsch zum Geschenk gemacht hat.

Der Techno Viking ist für Fritsch zu einer Art Comicfigur geworden. Für ihn hat der Wikinger das Recht an den aus ihm entstandenen Werken verloren: „Man muss das trennen: Es gibt die bürgerliche Person, mit einem Namen und einer Adresse — und es gibt die Kunstfigur Techno Viking. Das sind zwei verschiedene Dinge“, sagt Fritsch. Die Löschung des Memes aus dem kollektiven Zeitgeist, durch seine Entfernung aus dem Google-Suchindex sieht er nicht als Lösung für das Problem. Denn so würden auch die künstlerischen Schöpfungen tausender Menschen gleich mit zerstört.

Matthias Fritschs Video zog weite Kreise: Snowden-Papiere zeigten, dass der britische Geheimdienst ein Spähprogramm namens „Techno Viking“ betreibt, bei dem er LinkedIn Daten abzugreift.

„Privatsphäre im öffentlichen Raum existiert per se nicht mehr — das können wir abhaken“, glaubt Fritsch. Wir alle könnten zufällig gefilmt werden und unabsichtlich zum Massenphänomen werden: „Die Vernetzung und Digitalisierung hat eine Realität geschaffen, die nicht mehr mit der aktuellen Gesetzeslage übereinstimmt.“ Mit dieser neuen Realität beschäftigt sich auch Fritschs heute veröffentlichte Dokumentation zum Meme. Fritsch will die Frage neu stellen, was wirklich noch privat ist und was nicht.

Seine Thesen über das Ende der Privatssphäre hätte Fritsch gerne auch mit dem Wikinger besprochen: „Lass uns einfach mal zusammen setzen und darüber reflektieren, wie es gelaufen ist“, sind heute seine Worte an den Techno-Krieger. Dass es nie ein klärendes Gespräch gab, bedauert Fritsch bis heute — der Techno Viking suchte das Gespräch genau so wenig wie den Ruhm.

Die Dokumentation „The Story of Technoviking“ von Matthias Fritsch erscheint gekürzt am 15. Oktober als kostenloser Vimeo-Stream. Die Langfassung wurde zuvor bereits auf Filmfestivals gezeigt und läuft das nächste Mal am 29. Oktober im Internet-Museum in Stockholm.

Was ist überhaupt noch privat? Gedanken zum Ende der Privatssphäre in der aktuellen Ausgabe von WIRED

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