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Die sieben Stufen der großelterlichen Internetnutzung

Johnny Haeusler 08.02.2018 Lesezeit 7 Min

In fast jeder Familie gibt es sie. Die Generation der Älteren, je nach eigenem Alter sind es die Eltern oder Großeltern, die neben natürlich ebenfalls existierenden, überraschend fitten Online-Senioren, die digitale Komplettverweigerung zelebrieren. Seit Jahren. Und irgendwie findet man das auch ein bisschen sympathisch. Doch irgendwann schlägt auch ihnen die Stunde des Netzes. Dass alle anderen Großeltern durch Smartphones und in erster Linie via WhatsApp mit ihren Kindern und Enkeln in Kontakt stehen … das können sie nicht lange tatenlos mitansehen. Und so kommt der Tag, an dem auch sie zum Smartphone greifen. Und in sieben Stufen lernen, damit umzugehen.

Stufe 1: Wo muss ich jetzt was machen?

Stufe eins beginnt besonders häufig bei Weihnachtsfesten, an Geburtstagen und bei allen anderen Gelegenheiten, zu denen sich ältere Menschen, die bisher nicht einmal einen Computer hatten, ein Smartphone schenken lassen oder sich selbst eines zugelegt haben (nicht selten wurden dabei das ausrangierte, alte Modell eines Bekannten für einen überteuerten Preis erstanden und sämtliche Empfehlungen der Jüngeren ignoriert).

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es  an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Bei diesem ersten Schritt wird der Versuch eines halbwegs sachkundigen Hobby-Nerds (w/m) der jüngeren Generation, das gesamte Internet zu erklären, nach etwa drei Stunden und dauerhafter Wiederholung von Begriffen wie „Browser“, „E-Mail“, „WLAN-Passwort“ oder „SIM-Karte“ erfolglos und frustriert abgebrochen, der alleinige Fokus verschiebt sich nun auf die Installation von „WhatsApp“ als möglichst einzige App auf dem Home-Screen, um weitere Verwirrungen zu vermeiden. Alles, was man will, ist schließlich, dass Mama oder Papa oder Oma oder Opa nicht mehr dauernd anrufen, sondern einfach kurz eine Nachricht schicken. Von der man später behaupten kann, dass man sie nicht erhalten hat.

Noch immer im Rahmen von Stufe eins folgen drei weitere Stunden der Erklärung von WhatsApp mittels SMS-Analogien, die aber schiefgehen, da die (Groß-) Eltern nie SMS benutzt haben. Der Einfachheit halber einigt man sich auf den Begriff „schetten“ für alle Funktionen und erkennt mit Schrecken, dass man leider auch nicht umhinkommt, das Fotografieren und den Zugriff auf die Fotogalerie zu erklären. In den meisten Fällen lässt sich der Bereich „Video“ jedoch vermeiden. Noch.

Unzählige Tests zwischen allen am Küchentisch vorhandenen Smartphones sind in den drei Stunden inbegriffen („Isses jetzt angekommen?“ — „Nein, du musst die Nachricht noch absenden.“ — „Hab ich!“ — „Nein, hast du nicht, du hast die App geschlossen.“ — „Welche App?“), direkt danach wird es ernst. Die frisch gebackenen Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzer begeben sich in die freie Wildbahn und müssen erstmalig allein klarkommen.

Stufe 2: Mein Smartphone ist kaputt!

Stufe zwei startet etwa zwei bis drei Tage nach Stufe eins. Sie wird eingeläutet mit einem abendlichen Festnetzanruf und den aufgeregten Worten „Mein Smartphone ist kaputt!“. Genaueres Nachfragen ergibt in 112% der Fälle, dass das Gerät keineswegs kaputt ist, sondern ein Nutzerfehler vorliegt.

Entweder ist das heimische WLAN nicht verbunden (die telefonische und von Sätzen wie „Woher soll ICH denn das wissen?“, „Sowas haben wir nicht“ oder „Ich ruf mal bei der Post an, die wissen das sicher“ begleitete Passwortsuche nimmt durchschnittlich eine halbe Stunde in Anspruch) oder das WhatsApp-Icon wurde versehentlich vom Home-Screen entfernt (Reparatur: ca. eine Stunde). In den allermeisten Fällen ist aber nur die Batterie des Geräts leer. Aufladen erklären: Fünf Minuten.

Stufe 3: „Lustige“ Bilder und Videos

Wer die ersten beiden Stufen als anstrengend empfunden hat, hat Stufe drei noch nicht erlebt. Denn die ersten Nachrichten treffen ein. Doch statt netter kurzer Sätze senden die (Groß-) Eltern vermeintlich witzige Videos mit Dateigrößen von mindestens 387 Megabyte, in denen hierzulande völlig unbekannte und sehr hässliche Cartoonfiguren aus vermutlich asiatischer Massenproduktion mit Heliumstimmen beteuern, dass sie den oder die Empfänger von Herzen und ganz, ganz, ganz, ganz doll lieb haben.

Screenshots von mit mindestens zwölf verschiedenen Fonts geschriebenen, unangenehm zotigen Texten konfrontieren die Empfänger zudem erstmalig und schmerzvoll mit der Tatsache, dass auch für (Groß-) Eltern Sex mal ein Thema war, offenbar aber in den Humorgrenzen von 1954. Streits über sexistische Kackscheiße brechen aus, für einige Tage liegt der WhatsApp-Traffic komplett brach. Versöhnung, Erklärungen und die Bitte, keine Bilder mehr von Onkel Rudolf aus dem Sauerland weiterzuleiten, erfolgen via Festnetztelefon.

Zur Wiedergutmachung werden von den neugeborenen und sich ihrer Internetpflichten inzwischen sehr bewussten Smartphone-Nutzern in den folgenden Tagen ausschließlich WhatsApp-Viruswarnungen („Auf keinen Fall Hannes Bochtler als Kontakt bei WhatsApp aufnehmen, er zerstört die Festplatte eures Handys!“ und streng geheime Gutscheintipps verschickt („Nur heute: H&M verschenkt 250-Euro-Gutscheine, schnell hier klicken!“). Gerne auch mal an neu gegründete WhatsApp-Gruppen voller den Empfängern unbekannten Mobilfunknummern, die sich in den Wochen darauf entweder lauthals bei allen beschweren oder die Gruppe verlassen, worüber alle informiert werden.

Informationen über die richtige Nutzung von Gruppen sowie über Kettenbriefe, Phishing, Abofallen und darüber, wie man eine Drittanbietersperre für seinen Mobilfunkvertrag einrichten lässt, werden am Festnetztelefon ausgetauscht.

Stufe 4: Let the Chat begin!

Auf Initiative der jüngeren Generation werden nach und nach tatsächliche Textnachrichten ausgetauscht, deren Inhalte immer häufiger an ganze Sätze erinnern und in den Abendstunden sogar Live-Chat-Charakter bekommen (Opa: schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. schreibt …. „ja“). Erste kleine Plauschrunden entstehen.

Die Sache mit den Häkchen für Lesebestätigungen ist aufgeflogen. „Hab ich nicht bekommen“ oder „Hab ich nicht rechtzeitig gelesen“ zieht nicht mehr. Das Abschalten der Lesebestätigung wird durch subtile Vorwürfe unmöglich gemacht („Naja. Wenn du mir nicht vertraust …“).

Beschwerden darüber, dass die Enkelkinder, die doch schließlich sonst die ganze Zeit an diesem Ding hocken, nicht schnell genug auf WhatsApp-Nachrichten antworten, werden am Festnetztelefon geäußert. Nach erbärmlichen Rechtfertigungsversuchen eben dieser Enkelkinder („Ich bin um 11 Uhr in der Schule, da ist mein Telefon ausgeschaltet!“, „Was soll ich denn auf eine singende Katze antworten?“) einigt man sich darauf, dass man Oma ja mal ab und zu wenigstens ein Emoji als Antwort schicken kann.

Dies führt fatalerweise bei der älteren Generation zur Entdeckung von Emojis. Nicht aber ihrer Bedeutung.

Das Missverständnis nebst folgendem Drama in der Familiengruppe, bei dem Oma Trude mit dem tränenlachenden Emoji auf den Tod von Tante Erna reagiert hat („Ich dachte, der weint!“) wird in nur acht Festnetztelefonaten innerhalb weniger Stunden geklärt.

Stufe 5: Hier komm’ die WhatsApper

Die Entdeckung, dass man mit WhatsApp auch telefonieren kann, sorgt für großes Hallo insbesondere durch die Lautsprecherfunktion, bei der Oma und Opa beide gleichzeitig mit den Kindern sprechen können, indem sie das Smartphone zwischen sich auf den Tisch legen. Die Tatsache, dass Opa dabei immer den Button für Telefonie mit dem für Videoanrufe verwechselt, führt zu mehreren Videocalls mit der großelterlichen Wohnzimmerdecke.

Eines der Enkelkinder hat aus Zeitgründen mit einer Sprachnachricht auf das Video einer singenden Katze geantwortet und damit eine neue Nutzungseskalation ausgelöst, minutenlange Berichte über die Erlebnisse von den Empfängern völlig unbekannten, angeblich engen Verwandten und Nachbarn sind die Folge („Hallo, ich bin’s, Mama, ich rufe mit WhatsApp an, du kennst doch den Dieter, der früher mal eine Straße weiter gewohnt hat, dessen Frau 1982 gestorben ist, aber die hätte auch wirklich schon viel früher zum Arzt gehen müssen, das haben alle gesagt, der hat ja später dann wieder geheiratet, aber die hat ihn dann verlassen, wann war das, das ist jetzt auch schon wieder fünf Jahre her, mein Gott, wie die Zeit vergeht, Papa müsste auch mal wieder zum Arzt, aber der sagt ja immer, er hat nichts, bis es dann zu spät ist, jedenfalls der Dieter, du musst dich an den erinnern, der war auch mal mit auf Rügen, als seine Frau, also die erste, als die noch gelebt hat, aber da warst du noch ganz klein, das war schön auf Rügen, da hast du dir noch den Zeh an einem scharfen Stein aufgerissen, das hat vielleicht geblutet …“).

Beschwerden darüber, dass Sprachnachrichten nicht schnell genug beantwortet werden, werden am Festnetztelefon geäußert.

WhatsApp-Nachrichten pendeln sich auf ein erträgliches Niveau von wenigen Dutzend Messages pro Tag ein.

Am Festnetztelefon: „Wie schalte ich die Taschenlampe aus?“

Stufe 6: Es gibt noch mehr wie WhatsApp

„Du hast zwei neue Freundschaftsanfragen bei Facebook.“

Stufe 7: Armageddon

„01761234567 folgt dir jetzt auf Twitter.“