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Binaural Bits / „Blank on Blank“ erweckt die Stimmen der Vergangenheit zu neuem Leben

Miriam Sandabad 23.06.2015

Was sollte spannend daran sein, alte Interviews auszugraben, die zwanzig oder sogar fünfzig Jahre als sind? Die Macher der Video-Reihe „Blank on Blank“ tun genau das, und wir müssen ihnen dankbar sein: Sie retten intime und spannende Geschichten vor dem Vergessen. Unsere Autorin Miriam Sandabad hat sie für euch gefunden.

Miriam Sandabad arbeitet im Berliner Radiobüro mit anderen JournalistInnen, AutorInnen und PodcasterInnen an Audio-Projekten. Die Kolumne „Binaural Bits“ befasst sich auf WIRED Germany wöchentlich mit allem, was hörbar ist.

Laura Galloway hat ihren Großvater nie kennengelernt — aber er begleitet sie seit ihrer Kindheit als Fotografie. Auf dem Bild sitzt er auf einem Sofa, ein Notizbuch und ein Aufnahmegerät in den Händen und spricht mit einem bärtigen Mann, der eine Schirmmütze trägt. Es ist das Jahr 1959, und der US-Reporter Clark Galloway interviewt Kubas neuen Regierungsschef Fidel Castro.

Jahrzehnte später findet seine Enkelin Laura die Kassette mit der Aufnahme und gibt sie David Gerlach. Gerlach ist Journalist und Fernsehproduzent — und er hat ein Herz für Fundstücke wie das von Laura Galloway: Seine hauseigene Non-Profit-Firma Quoted Studios will „das amerikanische Interview freigeben, aufbewahren und neu denken“, so ihr Claim. Und das gelingt hervorragend: Zusammen mit dem US-Sender PBS haben Quoted Studios die Reihe „Blank on Blank“ erschaffen. Ein Kleinod des Internets, das es sich zum Ziel gesetzt hat, alte Interviews vor dem Vergessen zu bewahren. „Famous Names, Lost Interviews“ lautet der Untertitel.

Gerlach und sein Team illustrieren die Gespräche aus der Vergangenheit mit skizzenhaften, sehr charmanten und einfallsreichen Zeichnungen und schaffen so beeindruckende, jeweils knapp fünfminütige Filmgeschichten — und erweckt die alten Interviews damit zu neuem Leben im Hier und Jetzt.

Das kann ziemlich lustig sein, etwa wenn die Country-Legende Dolly Parton im Jahr 1978 erzählt, wie sie sich als Kind mit ihrer Familie mit selbstgemachter Seife im Fluss wusch und sich lachend erinnert, oder wie fasziniert sie von der ersten richtigen Toilette zu Hause und einem funktionierenden Fernsehgerät war.

In einer anderen Folge unterstreichen die comicartigen Illustrationen die ohnehin schon sehr bildhaften Erzählungen des im letzten Jahr verstorbenen Schauspielers Robin Williams: In einem Interview aus dem Jahr 1991 spricht er über sein persönliches Verständnis von Comedy — und beweist es auch gleich, wenn er interpretiert, wie absurd Gesichtsausdrücke beim Sex sind.

„Blank on Blank“ erinnert an Musiker, Schauspieler und andere Persönlichkeiten, die ihr Zeit maßgeblich geprägt und mit ihrem Tod eine Lücke hinterlassen haben. Das Besondere: Durch die intime Atmosphäre der Interviews und die liebevoll-skurrilen Illustrationen erfährt man eine neue, unbekannte Seite der vemeintlich so Berühmten. Zum Beispiel, wenn Philip Seymour Hoffman sehr selbstironisch und gleichzeitig entwaffnend offen darüber spricht, wie glücklich er ist, wenn er mit seinen drei Kindern zusammensein kann — und wie sehr er dennoch mit dem Unglücklichsein kämpft. „Learning how to die is learning how to live“, sagt er. Währenddessen jagen ihn gezeichnete Schattenmonster.

Und dann ist da noch die Folge, in der Kurt Cobain von seiner anfangs glücklichen Kindheit erzählt — und von seiner Sehnsucht nach einer Bilderbuchfamilie nach der Scheidung seiner Eltern. Er endet damit, wie glücklich er nun mit eigener Familie sei. Ein Dreivierteljahr nach dem Interview erschießt er sich.

„Blank on Blank“ bedient sich aus dem PBS-Archiv, aber Journalisten sind ausdrücklich dazu aufgerufen, ihre eigenen alten Aufnahmen einzuschicken. Und so können wir nicht nur fast verschollene Radio- oder Fernsehinterviews hören, sondern auch Gespräche wie das von Clark Galloway mit Fidel Castro: Ursprünglich für Zeitungen oder Magazine mit einem einfachen Recorder aufgenommen, mitsamt historischem Rauschen drumherum.

Wir hören die gemütliche Intimität eines Hotelzimmers oder die trubelige Atmosphäre eines amerikanischen Diners in den Sechzigern, inklusive Zigarettenanzünden und Gläsergeklapper. Und für einen Moment haben wir das Gefühl, wir wären mit dabei gewesen, in den Fünfziger- oder Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts.

In der letzten Folge „Binaural Bits“ stellte Hendrik Efert den Podcast „Reply All“ vor, der die wirklich wichtigen Geschichten des Internets erzählt. 

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