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Mit dieser News-App könnt ihr euch unterhalten

Timo Brücken 11.02.2016

Das Wirtschafts-Portal Quartz versucht, seine Nachrichten auf neuem Wege an die User zu bringen. Statt sie nur zu lesen, unterhält man sich in seiner neuen iOS-App über die News — so als würde man mit der Redaktion chatten. WIRED-Redakteur Timo Brücken hat einen ersten Blick darauf geworfen, ob und wie gut das Ganze funktioniert.

Ich bin ein Nachrichten-Messie. Tolle Textempfehlung bei Facebook? Auf Twitter an einer Headline hängengeblieben? Leider keine Zeit, ab damit in Pocket, les' ich später. Oder auch nicht, spätestens am Abend fliegen 80 Prozent der Leseliste ungelesen wieder raus. Für Messenger-Nachrichten ist hingegen fast immer Zeit zwischen Meeting, Mittagspause und nächstem Artikel. Die paar Zeilen machen ja nix.

Eine Erkenntnis, die das Wirtschafts-Newsportal Quartz jetzt zum Prinzip macht. Dessen neue iOS-App ist keine aufgehübschte Version der Website mit ein paar mehr Funktionen, sondern quasi ein Messenger. „Hey there“, begrüßt einen die erste Sprechblase. „Thanks for trying the new app. It's a conversation about the news — sort of like texting.“ Was folgt, ist ein Gespräch über die Wehwehchen von Twitter oder die Rekordvorräte der weltgrößten Diamantenhändler, angereichert mit Börsenkurven, Donald-Trump-Porträts und GIFs von hinfallenden Footballspielern.

Als User hat man maximal zwei Antwortmöglichkeiten, keine wirkliche Unterhaltung.

Quartz veröffentlicht eigentlich relativ gewöhnliche Artikel, mal eher kurz, mal ausufernde Hintergrundtexte, einige davon dürften es über die Jahre auf meine Leseliste und wieder runter geschafft haben. Für die neue App werden die News zerhackt, in kleine Häppchen, die sich als Kurznachricht im Messenger konsumieren lassen.

Ein Beispiel: „Die Fed (die amerikanische Bundesbank, Anm. d. Red.) macht einen großen Fehler.“ Ich frage: „Wieso?“ Quartz antwortet sinngemäß, dass die Bank nicht genug gegen die Inflation tue, was man etwa am fallenden Ölpreis sehe, und das sei Gift für jede Volkswirtschaft, siehe Japan. In zwei Vierzeilern Plus Grafik. Ich könnte noch mehr erfahren, durch mehr Messages oder die Weiterleitung zum Artikel auf der Quartz-Website, entscheide mich aber mit „Anything else?“ für das nächste Thema.

Denn eine wirkliche Unterhaltung ist das hier nicht, als User hat man maximal zwei Antwortmöglichkeiten, „erzähl mir mehr“ oder „erzähl mir was anderes“, und spätestens nach dem dritten Austausch ist das Thema meistens abgehandelt. Dezent eingestreute GIFs und Emojis sollen das Messenger-Feeling unterstreichen. Werbung gibt es auch, irgendwann taucht die Nachricht „Übrigens, diese App wird euch präsentiert von MINI“ auf, gefolgt von einem Autobild. Und wenn es gerade keine neuen News zum Chatten gibt, bietet Quartz mir als Alternative eine Quiz an.

Die App schafft es gut, mich als Leser bei der Stange zu halten, weil sie mir zumindest das Gefühl von Interaktion gibt. Quartz hat das Nachrichten-als-Häppchen-Prinzip, mit dem es zum Beispiel schon Circa erfolglos versucht hat, weitergedacht und in die vielbeschworene Messenger-Ära überführt. Wirklich revolutionär ist das noch nicht, am Ende hat es immer noch das Ziel, Leute auf die Website zu locken, wo Klicks Werbeeinnahmen erzeugen. Man könnte die neue Quartz-App also auch als komplexere Form des Social-Media-Postings verstehen, das schreit: „Klick diesen Artikel an!“ Aber eine, die Spaß macht. 

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