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Der tiefe Graben zwischen Generation YouTube und den „Altmedien“

Johnny Haeusler 28.02.2017

Eigentlich dachte unser Kolumnist, dass die Grabenkämpfe zwischen Journalisten und Bloggern längst vorbei wären. Doch die Reaktionen auf seinen offenen Brief an den umstrittenen YouTuber PewDiePie zeigten Johnny Haeusler: Die Gräben zwischen „alten“ und „neuen“ Medien sind tiefer denn je.

Mitte der 2000er Jahre lagen sich Autorinnen und Autoren verschiedenster Hintergründe in den Haaren. Im Netz und auf Podiumsdiskussionen ging es um Journalisten und Blogger, es tobte ein Streit um Glaubwürdigkeit, Gatekeeping und Deutungshoheit. Während sich manche Journalistinnen und Journalisten durch honorarfrei arbeitende Blogger in ihrer Profession angegriffen fühlten, hielten einige ebendieser Amateurautorinnen und -autoren ihre Blogs für die wahre Zukunft der Medien.

Zudem standen viele große Medienhäuser mit dem Rücken zur Wand. Die Umsätze im Printbereich waren massiv eingebrochen und für die Online-Ableger lagen oft noch keine funktionierenden Revenue-Modelle vor. Und nun kamen auch noch irgendwelche Anfänger daher und meinten, den Profis was vormachen zu können!

Wie so oft entwickelte sich das Ganze irgendwo zwischen den Extremen weiter. Medienhäuser führten Blogs ein, Blogs professionalisierten sich, manche Bloggerinnen und Blogger begannen, für größere Medien zu schreiben, Journalistinnen und Journalisten entdeckten wiederum die Freiheiten eigener Blogs. Alles vermischte sich und gute Online-Ideen verschiedenster Herkunft begannen, Geld abzuwerfen. Eine Medien-Evolution fand (und findet) also statt und man könnte meinen: Die größten Gräben sind überbrückt.

Für die YouTube-Generation steht fest: Hier wollen alte Leute einen jungen Star fertig machen und daran verdienen

Doch seit der vergangenen Woche, nachdem ich meinen offenen Brief an den YouTuber PewDiePie geschrieben habe und mit Jugendlichen darüber diskutieren konnte, glaube ich: Nichts ist überbrückt. Ganz im Gegenteil, die Gräben sind tiefer denn je. Sie verlaufen nur nicht mehr so sehr zwischen Blogs und Medienhäusern, nicht mehr zwischen Online und Print. Sondern zwischen einer YouTube- und einer „Altmedien“-Generation.

Nur sehr wenige Menschen unter 25, mit denen ich über PewDiePie gesprochen habe und zu denen auch meine eigenen Söhne gehörten, haben meine Kritik an den mindestens als unvorsichtig zu bezeichnenden Gags des bekanntesten YouTubers der Welt ohne weitere Erklärungen akzeptiert. Geschlossen stehen die Fans hinter PewDiePie und erklären mir, dass ich nur nicht begreifen würde, dass der YouTuber das alles doch nur als Witz meint.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED Germany geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen noch mehr Software in unserem Leben brauchen.

Natürlich verstehe ich das, habe ich erklärt. Doch die grenzenlose Akzeptanz von in ihrer Absicht nicht immer klaren Witzen aller Art kann meiner Meinung nach zu einer völligen Ignoranz gegenüber tatsächlich bestehenden gesellschaftlichen und politischen Missständen führen. Sie kann in die Belanglosigkeit führen und damit auch zum Verlust von Empathie, habe ich erklärt. Wenn alles egal ist, dann ist nichts mehr wichtig.

PewDiePies jüngste Abrechnung mit der Kontroverse um ihn vermeidet weiterhin einen simplen Satz wie: „Ich distanziere mich von rechten Gruppierungen und Antisemiten“. Und ich frage mich, was eigentlich so schwer ist an einer klaren Haltung diesbezüglich. Junge Menschen, zumindest die, mit denen ich gesprochen habe, sehen das offenbar anders. Für sie sind – der Argumentation von PewDiePie folgend – die Berichte der „alten Medien“, allen voran des Wall Street Journals, das wahre Problem. Sie seien ein unfairer Angriff auf jemanden, den die Journalisten einfach nicht verstehen. Auf einen, der sich eben über alles und jeden lustig mache und der selbstverständlich keine rechte Gesinnung habe.

Woher diese Sicherheit kommt, das kann mir allerdings niemand erklären. Und wenn ich frage, wie die ganze Sache aussehen würde, wenn PewDiePie bei Fiverr nicht das Schild „Death to all jews“ hätte hochhalten lassen, sondern zum Beispiel „Rape every girl“ – dann kommt die Diskussion kurz ins Stocken, bevor sich die jungen Menschen sicher sind, dass ihr Held „sowas nicht machen würde“.

Es gibt also offenbar doch Humor-Grenzen. Und an dieser Stelle wurde die Diskussion meist spannend und auch sinnvoll. Es zeigte sich, dass die Sache eben doch nicht ganz so einfach ist. Wer und wie PewDiePie genau ist und was er tun und nicht tun würde, das bestimmt wie bei anderen Celebrities eben auch jeder Fan selbst. PewDiePie ist Projektionsfläche. Der Star selbst scheint sich dessen sehr bewusst zu sein, spielt mit der Tatsache und füttert mit seinen Clips jeden Geschmack. Videos wie dieses kann eigentlich jeder lustig finden, selbst wenn er Nazi ist:

Dennoch: Die Kritik von PewDiePie und seinen Fans an den „klassischen“ Medien ist nicht ganz unberechtigt. Der YouTuber hat Recht, wenn er feststellt, dass Kunst (und auch Humor) nicht ohne Kontext bewertet werden darf. Die Clickbait-Überschriften, die an vielen Stellen unfairen, weil aus dem Zusammenhang gerissenen Videoschnipsel und die vielen zur Sicherheit mit Fragezeichen versehenen Unterstellungen. All das lässt die großen Medien aus Sicht von PewDiePie und seinen Fans nicht besonders glaubwürdig wirken – selbst wenn sich YouTuber der haargenau gleichen Medienmechanismen bedienen.

Nimmt man dann noch die von PewDiePie sehr geschickt gespielte Karte der rückläufigen Einnahmen des WSJ hinzu – neben der Unterstellung, die Zeitung wolle mit ihren Vorwürfen Werbeeinnahmen generieren – steht für die YouTube-Generation eigentlich fest: Hier wollen alte Leute einen jungen Star fertig machen und sogar noch daran verdienen.

Es geht also, wie immer im Medienbereich, um Vertrauen. Den großen Marken, so schallte es in den vergangenen Jahren immer wieder aus den Verlagen, würden die Leute eben mehr vertrauen und deshalb müsse man sich keine Sorgen machen. Und es stimmt ja auch. Nur, dass die großen Marken für eine ganze Generation eben nicht mehr Wall Street Journal heißen. Sondern, zum Beispiel, PewDiePie.

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