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#Bashtag / Tweets von Konferenzen sind das Grauen!

Anja Rützel 24.04.2015

Die Twittertrends: Manchmal hochsensibles Messgerät für jede Zeitgeist-Zuckung, dann wieder Anspülstelle für hochgewirbelte Wunderlichkeiten. Unsere Autorin seziert in dieser Kolumne den seltsamsten Hitparaden-Hashtag der Woche. Dieses Mal: Konferenz-Hashtags.

Obacht bei Hashtags, die aus unverständlichen Buchstabenkürzeln bestehen! Als Faustregel kann man sich merken: Sie verweisen immer auf schlimme Dinge, meistens irgendweche Konferenzen. Nur in sehr seltenen Fällen verbirgt sich hinter einem Buchstabenbatzen wie GVVB eine so hilfreiche Einrichtung wie die Geschlechtsverkehrverhinderungsbrigade. Eine gemeinnützige Aktionsgruppe, deren Mitglieder in Tübinger Bars des vergangenen Jahrhunderts gerne eingriffen, wenn sich unpassende Verpaarungen anbahnten — indem sie einen der beiden Schmuseanwärter durch beherztes Ohrläppchenzupfen oder andere Despektierlichkeits-Moves vor dem anderen Kuschelmuschler komplett unmöglich machte, worauf beide schließlich doch getrennte Wege gingen. Happy times, aber nun zurück zu Unerfreulichem.

Der Konferenz-Badge erinnert frappant an einen Brustbeutel mit 80 Pfennig Caprisonne-Geld.

Noch schlimmer als Konferenzen sind nur Tweets von Konferenzen. Sie waren in dieser Woche gleich unter mehreren Trend-Hashtags zu finden: #AMaze2015, #nmk2015, #TNWEurope — das Grauen. Dabei lassen sich — egal wie groß, bedeutend oder eierköpfig die Veranstaltung — die twitternden Konferenzgimpel stets in fünf Untergruppen teilen. Hier die Doofmanntypologie, geordnet nach aufsteigendem Wutfaktor:

#1 Der Badge-Blödi:
Twittert voller Trägerstolz direkt mal ein Foto seines Akkreditierungsausweises. Trug früher schon einen laminierten Ausweis für seinen Detektivclub bei sich, bei dem nur er alleine Mitglied war. Kann es auch nach seiner fünften re:publica noch nicht fassen, dass er jetzt tatsächlich offiziell irgendwo dazugehört — der Ausweis beweist das ja wohl! Und bemerkt nicht, dass die Art und Weise, wie der Plastikbadge an zwei Schnüren vor seiner oder ihrer Brust baumelt, frappant an einen Brustbeutel mit 80 Pfennig Caprisonne-Geld drin erinnert. Also doch alles wie früher.

Er stellt sich schon das erste Bierchen rein, bevor auf der Konferenz zum ersten Mal das Wort ‚disrupt‘ gefallen ist.

#2 Der Büffet-Begrapscher:
Scheint zunächst eng verwandt mir dem Badge-Blödi, weil er ähnlich stolz auf seinen Konferenzbesuch zu sein scheint — immerhin twittert er schon lange vor dem Beginn Fotos oder Statustrivialitäten von seiner Anreise, seinem Hotel, der Verpflegung vor Ort (in vier von fünf Fällen: dürre Wraps oder Klimbim in zu kleinen Gläschen) oder der Bühne. Allerdings können diese Tweets auch die Werke einer dummfrechen Bauernschläue sein: Wer so penetrant mitzuteilen sucht, dass er sich Auf! Einer! Konferenz! befindet, geht vermutlich spätestens nach der Hälfte der Eröffnungskeynote, horcht im Hotel noch ein bisschen an der Matratze (nicht im Bild) und stellt sich weitab vom Konferenzgelände schon das erste Bierchen rein, noch bevor dort zum ersten Mal das Wort „disrupt“ gefallen ist. Um seinen Nepp zu Hause vor den Kollegen aufrecht erhalten zu können, checkt er einfach kurz Twitter und merkt sich ein paar Bullshitsätze. Denn zum Glück gibt es ja...

#3 Die Banalitätenschleuder:
Sie exzerpiert für ihre Tweets aus den Talks und Diskussionen zielsicher die plattesten Plattheiten, um sie mit großer Geste als brandheißesten Business-Scheiß in die Welt zu plärren: „Tu das, was du einigermaßen gerne machst, dann ist dein Tagwerk nicht ganz so schrecklich!“, „Umgebe dich bei deiner Arbeit möglichst nicht mit kompletten Vollidioten, dann hast du weniger Ärger!“ — so groß ungefähr ist der Erkenntnisgewinn. Die Banalitätsschleuder twittert auch beim fünfzigsten Auftritt fadester Dauerspeaker aufgeregt mit, die ihren ohnehin schon dumpf müffelnden Content-Kaas unverdrossen von Auftritt zu Auftritt noch ein bisschen platter treten: „Deeply inspiring talk from @schnupsi: ,There is no I in Team!’ #sdhjewk2015“. In „debil“ aber schon — Zufall?

#4 Der Satzanreißer:
Wer nicht selbst zur Konferenz geht, darf auch nicht erwarten, in die dort geteilten Geheimnisse eingeweiht zu werden, denkt sich der Satzanreißer. Und twittert willkürlich aus dem Zusammenhang gerissene Vortragszitate, als pflücke er oder sie Champignons von einer feist belegten Spezialpizza. Das bringt den Followern natürlich rein gar nichts, schreit dafür laut: „Hallo, ich bin da, und du nicht! Und ich höre mir manchmal sogar Vorträge auf Englisch an. Hallo! Hallo?“

Noch hat sich das #Speakie nicht durchgesetzt, ein Fanfoto mit dem angeschleimten Konferenzsprecher.

#5 Der Ranschmierer:
Ihm genügt es nicht, nur seine Follower zu Hause zu belästigen, auch die Speaker, deren Vorträgen er eben mehr oder minder helle gelauscht hat, werden penetrant angetwittert — in der Hoffnung, vielleicht eine Antwort und damit so etwas wie einen Schulterschlag unter Experten zu bekommen. Noch hat sich gottlob das #Speakie nicht durchgesetzt, ein anschließendes Fanfoto mit dem angeschleimten Konferenzsprecher. Doch es wird kommen, man darf sich da keine falschen Hoffnungen machen.

In der letzten #Bashtag-Folge forderte Anja Rützel die Oma von YouTuberin Bibi auf: Wehren Sie sich gegen Ihre Enkelin! 

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