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Nilz on Moviez / Die Filme und Serien der Woche

Nilz Bokelberg 26.03.2015 Lesezeit 7 Min

Donnerstag ist Kinotag. Genau richtig für Nilz Bokelbergs neue WIRED-Kolumne über die wichtigsten Filme und Serien der Woche. Stay tuned!

#1 Victoria

Die Kritik ist sich einig: der deutsche Film hat endlich wieder seinen, vermutlich nach „Oh Boy“, lang ersehnten Indie-Hit: „Victoria“.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Victoria lebt in Berlin. Aber seit sie ihre spanische Heimat verlassen hat, ist sie irgendwie nie richtig angekommen. Sie spricht kein Deutsch, hat einen mässig spannenden Job in einem Café und die großen Freundschaften hat sie auch nicht gefunden. Dann muss man eben alleine ausgehen.

 

Kann so eine Nacht alles verändern?

Nach einer dieser Solonächte im Club lernt sie vor der Tür einen Typen namens Sonne und seine Kumpels kennen. Schon ab der ersten Begegnung ist klar: Die Jungs sind in Ordnung, aber halt auch nicht die braven Chorknaben, die von Schwiegermüttern zum Tee eingeladen werden. Victoria und Sonne kommen sich schnell näher: Sie sucht Freunde, Abenteuer, eigentlich alles, was das Leben verspricht, wenn man es fragt. Er erliegt ihrem fast Amelie-esquen Charme und kann sich ein bisschen beschützerish fühlen.

Aber die Nacht hat noch etwas anderes mit dieser Clique vor und so befinden sie sich auf einmal in einer Situation, die für alle Beteiligten ein paar Nummern zu groß zu sein scheint. Kann so eine Nacht alles verändern?

Sebastian Schipper, Regisseur des Kultfilms „Absolute Giganten“, hat sich „Victoria“ ausgedacht und inszeniert — und wenn man die Geschichte so liest, denkt man, ja, ist vielleicht echt ganz nett. Sehr Berlin, mit Technoclub und ein bisschen Gangster, warum nicht? Auch wenn man den Trailer sieht, hat man einen ähnlichen Eindruck — bis auf eine Kleinigkeit.

Klar, diese Herzpump-Schwarzblenden kennt man mittlerweile aus wirklich jedem Kinotrailer. Aber da stand eingeblendet: One Shot. Das ist das primäre Alleinstellungsmerkmal des Films: In Victoria gibt es keinen Schnitt. Die ganze Geschichte wird erzählt ohne die Kamera einmal abzustellen.

Das ist nicht mit unsichtbaren Schnitten getrickst.

Das ist nicht, wie beispielsweise zuletzt in Birdman, mit unsichtbaren Schnitten getrickst: Das ganze „Buch“ hatte wohl zwölf Seiten, entlang derer sich die Schauspieler durch den Film bis ans Ende improvisiert haben. Ein unfassbarer Aufwand, technisch eine Meisterleistung. Die Sets alle bereit zu haben, die Schauspieler, die ganze Logostik dahinter. Die Vorbereitung muss unzählige Stunden, Tage, Wochen und Monate gekostet haben.

Ein technisches Muckispiel, aber das Experiment ist gelungen: Alles geht auf, alle sind da, wo sie sein sollen und niemand scheint aus seiner Rolle zu fallen. Frederik Lau, der Sonne kann dafür nicht genug gelobt werden, wie er sich in den Film, in seine Figur wirft. Das ist beeindruckendes, physisches Spiel. Lau verliert nie die Spannung seiner Halbschluffi-Figur und vefügt über so ein unbedarftes Improvisationstalent, dass man nicht eine Sekunde Zweifel an seiner Figur hegt. Er ist als Sonne der Dreh- und Angelpunkt und die Säule, auf die sich alles stützt. Selbstlos, uneitel, megapräsent. Das ist vielleicht tatsächlich eine der besten schauspielerischen Leistungen im hiesigen Film. Beeidruckend.

Und jetzt kommt das Aber.

Und jetzt kommt, was nicht hätte sein müssen: Das Aber. Denn so viel „Victoria“ auch richtig macht, es gibt etwas, das nicht funktioniert und das ist die Geschichte, also das Herz eines jeden Films. Bei dem Experiment „Victoria“ muss sich zwangsläufig alles der Technik unterordnen und nicht der Geschichte. Das merkt man.

Es gibt mehrere Strecken, zwischen jeweils zwei wichtigen erzählerischen Punkten, die gefüllt werden müssen. Und da verliert die Handlung regelmässig an Drive. Mich hat das auch nicht näher an die Figuren gebracht. Ich habe einfach gewartet, bis die Handlung weiter geht. Klar, bei diesem Experiment ist das natürlich imament, aber vielleicht auch der Grund, warum man sagen muss, dass es nicht so gut funktioniert.

Der Erzählung der Geschichte hat sich alles unterzuordnen.

Mir tut das leid: Ich sehe den Aufwand, die Spielfreude, die Lust aller Beteiligten am Experiment. Und ich will das 100 Prozent gut finden. Aber bei mir geht die Geschichte über alles. Der Erzählung der Geschichte hat sich alles unterzuordnen. Wäre „Victoria“ geschnitten, wäre es ein schöner, dreckiger Gangsterfilm geworden. Aber dann hätte ihn wohl niemand bemerkt. So wie zum Beispiel die großartige, aber völlig unbeachtete Genreperle „Stereo“ mit Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu im letzten Jahr.

„Victoria“ wird sein Publikum finden und seine Preise abräumen — völlig berechtigt. Aber es ist und bleibt ein Experiment, so wie Geruchsfilme in den 60ern.

#2 Tyrant

Es gibt viele Serien, die unheimlich schnell ihren Reiz für mich verlieren. Einerseitz ermöglicht die Form der Serie es den Machern, einzelne Figuren detailleirter zu erzählen. Andererseits hat man auch mehr Platz zu füllen und da lauern oft die Fallstricke. Oftmals werden die falschen Figuren oder Handlungsstränge weitererzählt, wenn andere eigentlich interessanter wären.

Umso erstaunlicher, wenn es eine Serie schafft, mich zu fesseln.

Umso erstaunlicher also, wenn es eine Serie schafft, mich zu fesseln, so dass ich ihrer nächsten Staffel entgegenfieber wie ein Schüler der großen Pause. „Tyrant“, schon vor einger Zeit in Amerika veröffentlicht, mittlerweile im Playstation-Store verfügbar, ist so ein Fall:

Kinderarzt Bassam, genannt Barry, lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern seit 20 Jahren im selbstgewählten Exil in Amerika, weil er mit seiner Familie nichts mehr zu tun haben wollte. Sein Vater ist der Diktator eines Landes im Nahen Osten und sein jüngerer Bruder dessen willfähiger Helfer. Als Barrys Neffe heiratet, lässt er sich breitschlagen die Krisenregion doch noch einmal mit seiner Familie zu besuchen. Als überraschend Barrys Vater nach dessen Ankunft stirbt, wird dieser unfreiwillig in die Innenpolitik des Landes mir hineingezogen.

Barrys jüngerer, impulsiverer Bruder soll die Führung des tief gespaltenen Landes übernehmen. Doch an dessen Horizont riecht es nach Revolution, nach dem arabischen Frühling. Barry sieht die Chance, dass sich im Land seines Vaters alles änder, hofft auf einen Neuanfang. Aber dafür muss er erstmal kapieren, wer mit wem welche Pläne schmiedet, um was zu erreichen. Und das ist ziemlich unübersichtlich.

Ich bin durch Zufall bei einem Screening auf diese Serie der „Homeland“-Macher gestossen. Vielleicht hätte ich sie sonst nie angeschaut, vielleicht hätte mich die Thematik abgeschreckt oder die Befürchtung, es mit einer schlimmen Klischee-Aneinanderreihung zu tun zu haben. Aber, Lord, hatte ich Glück: "Tyrant" ist plausibler als man denkt und eigentlich dient das Setting nur als Rahmen einer herrlichen Intriege.

Vielleicht muss man sich die Serie am ehesten wie eine Art „Dallas“ im nahen Osten vorstellen.

Vielleicht muss man sich die Serie am ehesten wie eine Art „Dallas“ im nahen Osten vorstellen, nur das es weniger um Öl als um Macht geht. Es ist aufregend zuzusehen, wie Barry sich von der Macht korrumpieren lässt, wie sein entschlossener Widerstand von Folge zu Folge bröckelt, allerdings niemals ohne ihn das Gefühl verlässt, „das Richtige“ zu tun. Und natürlich läuft er deswegen in viele offene Messer, die wir als Zuschauer kommen sehen. Was ja am meisten Spaß macht.

Natürlich ist „Tyrant“ horizontal erzählt, die Folgen bauen aufeinander auf. Aber die Handlung wird dadurch kaum komplexer, wie etwa bei „Breaking Bad“, sondern es wird einfach nur versucht, die Eskalationsspirale noch weiter zu spinnen und noch schneller zu drehen. Was für ein Spaß! Und nach der letzten Folge habe ich meinen Fernseher angebrüllt, weil ich nicht wahr haben wollte, ein Jahr warten zu müssen, um zu erfahren, wie es weiter geht. Hab ich ein Glück, dass es nicht abgesetzt wurde. Dann wär ich wirklich verzweifelt gewesen.