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Dezentral und sicher: Diese Projekte zeigen das Internet der Zukunft

Michael Förtsch 09.03.2018 Lesezeit 10 Min

Das Internet ist ein Raum der steten Evolution. Zahlreiche Entwickler und Enthusiasten arbeiten daran, das Web, seine Struktur und auch die Wege, wie es uns erreicht und wie wir es nutzen, zu verändern. WIRED präsentiert neun Projekte, die das Internet der Zukunft erahnen lassen.

Die erste Website der Welt ist immer noch im Netz. Auf ihr hatte Tim Berners-Lee, seinerzeit Informatiker am Kernforschungszentrum CERN, seine 1989 erdachte Idee für ein weltweites und einfach zu nutzendes Informationsnetz abgefasst. Also ein World Wide Web basierend auf dem Hypertext-Format, das es zunächst Wissenschaftlern, Universitäten und Forschungseinrichtungen erleichtern sollte, Informationen und Daten auszutauschen. Damit hatte Berners-Lee das Internet erfunden, wie wir es heute verstehen – etwas, das ihn weder reich machte, noch zu einer Legende wie Bill Gates oder Steve Jobs werden ließ. Seitdem hat sich das Netz mit Skript- und Programmiersprachen, Streaming, modernen Browsern und schnelleren Möglichkeiten zur Datenübertragung weiterentwickelt.

Derzeit zeichnen sich neue Wege ab, in deren Richtung sich das Internet fortentwickeln könnte. Vor allem soll es über die kommenden Jahre und Jahrzehnte dezentraler werden. Inhalte sollen nicht mehr auf wenigen Servern und in Rechenzentren liegen, sondern verteilt auch auf privaten Geräten zum Abruf bereitstehen. Zensur und Datenverlust sollen so unmöglich werden. Und klar, in vielen Fällen gehts natürlich nicht ohne die Hype-Technologie Blockchain. Kryptowährungen sollen dazu die Machtverteilung umkehren und Nutzer für ihre Zeit bezahlen, die sie in Dienste investieren. Ebenso sollen sie wieder mehr Kontrolle über ihre privaten Daten erlangen, diejenigen entlohnen können, deren Inhalte sie gerne konsumieren. Aber auch, wie, wann und wo wir ins Internet gelangen können, soll sich wandeln.

InterPlanetary File System

Das InterPlanetary File System wird seit 2015 entwickelt. Erdacht hat es der Informatiker Juan Benet. Das Ziel des Projektes ist es, mit Peer-to-Peer-Methodik ein dezentrales und damit „nicht abschaltbares“ Netzwerk im Internet zu schaffen. Jeder Rechner kann über das IPFS zu einem Quasi-Webserver werden, der Bilder, Videos, Websites und andere Daten für Nutzer im Netz bereithält. Nicht der Ablageorte, sondern die Dateien selbst werden mit dem IPFS-Protokoll adressiert. Dazu erhält jedes Datenfragment einen Fingerabdruck, der es ermöglicht, es gegen neue Versionen auszutauschen oder Duplikate zu tilgen. Dabei kann der Nutzer selbst entscheiden, welche Sorte von Dateien er gerne auf seinem Speicher für andere bereithalten würde – Filme, Musik, Texte oder Forschungsdaten.

All das soll möglich sein – natürlich – auch dank der Blockchain, die als Protokoll und Linkspeicher für das IPFS herhalten würde. Dadurch könnten Inhalte im Netz des IPFS nicht verloren gehen oder blockiert werden. Auch wären tote Links ein Ding der Vergangenheit. Dazu kann die Frage nach einer Datei an jedes Teilnehmergerät des IPFS gerichtet werden. Dadurch ließe sich die Datenauslieferung in diesem dezentralen Netz – ganz im Gegensatz etwa zum Freenet-Projekt – deutlich beschleunigen und die benötige Bandbreite für Audio- und Videostreaming drastisch verringern. Genutzt wurde IPFS unter anderem schon von der katalanische Piratenpartei, um Websites trotz Netz-Sperren der spanischen Regierung zugänglich zu halten. Die Macher hoffen, dass das IPFS irgendwann das HTTP ersetzt. Ein ähnliches Projekt verfolgt das auf Bitcoin und Bittorrent basierte ZeroNet.

Solid

Der Informatiker Tim Berners-Lee hat einst das Web erfunden, so wie wir es heute kennen. Derzeit arbeitet er am MIT mit dem Projekt Solid daran, das nochmal zu tun. Damit will er es möglich machen, persönliche Daten zu klassifizieren und Nutzern die Möglichkeit geben, zu entscheiden, wo ihre Informationen auftauchen und wie sie genutzt werden. Persönliche Kontakte, selbstverfasste Texte, Bank- oder auch Standortdaten sollen dafür in jeweils eigenen virtuelle Container gespeichert werden. Für jeden davon sollen sich individuelle Zugriffsrechte definieren lassen – egal, wo sie liegen. Damit soll es möglich werden, dass, wenn jemand von einem zu einem anderen Social Network wechselt, die über ihn gespeicherten Daten für den alten Dienst zu sperren – und die Rechte auf den neuen Anbieter zu übertragen. Integriert ist das noch rudimentäre Prinzip unter anderem in dem offenen Micro-Blogging-Dienst Cimba.

Steem

Eine neue Generation der Social-Media-Netzwerke soll Steem möglich machen. Die Daten sollen hier nicht in einer zentralen Serverstruktur gespeichert werden, sondern dank InterPlanetary File System in einem Peer-to-Peer-Netz, wodurch sie niemals verloren gehen würden und Zensur nahezu unmöglich werde. Die Essenz von Steem ist jedoch die Idee, dass die Nutzer den eigentlichen Wert eines Social Networks darstellen. Daher soll jeder Post und jeder Kommentar, der in einer Blockchain sicher verzeichnet wird, belohnt werden – mit Geld, das in hauseigenen Kryptowährungen daherkommt. Die lassen sich wie Bitcoin, zCash oder Ether in traditionelle Devisen tauschen und auszahlen. Wer also Dienste auf Basis der Plattform Steem nutzt, der wird bezahlt!

Ob das System funktioniert, das erproben die Macher bereits mit dem Reddit-ähnlichen Blogging- und Social-Media-Dienst Steemit. Bislang soll hier Kryptogeld in Wert von 30 Millionen US-Dollar an die Nutzer ausgeteilt worden sein. Wobei das Projekt nicht unumstritten ist. Unter anderem ist der Wert der Kryptowährungen sehr stark an den Erfolg und die Reputation der Dienste gekoppelt, die sie nutzen. Das Akasha Project, das in der zweiten Jahreshälfte starten soll, verfolgt eine ähnliche Idee und nutzt die gleiche technische Basis wie Steem. Jedoch stellen deren Macher vor allem die Zensur- und Datensicherheit in den Vordergrund.

Storj

Wer große Datenmengen oder sein Backup sicher lagern will, der setzt aktuell auf die Cloud-Lösungen von Google, Amazon oder Dropbox. Storj verspricht eine Alternative. Hier werden die Daten, die gesichert werden sollen, Ende-zu-Ende-verschlüsselt, zerteilt und als Kopien in idealerweise weltweit verteilten Speicherknoten abgelegt. Wie und wo die Daten liegen? Das weiß die Blockchain. Aber der Schlüssel zu den Daten? Den hat alleine der Nutzer selbst – nicht das Unternehmen, das den Dienst anbietet. Der Speicherplatz? Der liegt bei anderen Nutzern – das können professionelle Anbieter sein aber auch Privatleute –, die diesen gegen Platz in der dezentralen Cloud tauschen oder vermieten. Natürlich gegen Beträge in einer Kryptowährung, den Storj Coin. Ähnliche Konzepte wie Storj, das auf Ethereum-Entwickler Vitalik Buterin zurückgeht, werden ebenso von MaidSafe, Sia und Filecoin angeboten.

Autonome Netze

Nicht nur digitale Projekte können das Internet verändern. Nach dem Erdbeben in Haiti im Jahre 2010 fiel über weite Strecken das Internet aus. Freunde und Familie über Facebook, WhatsApp oder andere Messenger-Dienste zu erreichen, war nicht mehr möglich. Paul Gardner-Stephen wollte dafür eine Lösung finden – und tat das auch. Mit Serval entwickelte er einen Messenger, der Nachrichten über ein Peer-to-Peer-Netz weiterleitet, das über WLAN-Verbindungen zwischen einzelnen Smartphones gebildet wird. Denn moderne Telefone besitzen die Möglichkeit, gänzlich autonome Mesh-Netze zu bilden – nur wird diese Option kaum genutzt. Dieses Konzept kann im größeren Kontext ganze Landstriche mit Netz versorgen.

WLAN Slovenija ist ein Mash-Netz-Projekt in Slowenien, das durch verbundene WLAN-Stationen und Funkstrecken versucht, Dörfer ohne jegliche Breitbandverbindung an die Internet-Zugänge von freiwilligen Spendern zu holen. Vergleichbare Initiativen existieren auch in den Vereinigten Staaten und weiteren Nationen, in denen große Telekomunternehmen es beispielsweise verweigern, Stadtteile und Regionen mit zeitgemäßem Breitbandinternet auszurüsten. Bei Projekten wie NYC Mesh oder der Equitable Internet Initiative umgehen Vereine zudem gänzlich etablierte Internet Service Provider und stellen nebst flächendeckender WLAN-Abdenkung und Funkstrecken auch einen direkten Zugang zu einem Internet-Backbone her, um Netzneutralität sicherzustellen und staatliche Überwachung zu umgehen.

SingularityNet

Das Internet als Motor und Treibstoff für Künstliche Intelligenz? Klingt ziemlich nach SkyNet aus den Terminator-Filmen. Aber eben das will SingularityNet zumindest auf eine gewisse Weise Realität werden lassen. Was das Start-up tun will, ist nämlich, jedem die Kraft Künstlicher Intelligenz zur Verfügung zu stellen. Dabei will SingularityNet mehrheitlich als Vermittler gleich UBER fungieren. Über die Plattform des Start-up sollen Einzelentwickler, Firmen und Universitäten die Dienste ihrer eigenen Künstlichen Intelligenz anbieten können. Je nach Aufgabenfeld soll sich so das richtige System finden und von Kunden anzapfen lassen – beispielsweise für Sprach-, Bilderkennung oder medizinische Diagnosen.

Via Blockchain sollen sich auch komplexe Aufgaben abkommandieren lassen. Kann eine Künstliche Intelligenz alleine sie nicht bewältigen, wird sie in Teilaufgaben gebrochen, die automatisch delegiert werden. Dafür handeln die artifiziellen Intelligenzen untereinander Verträge aus. Soll beispielsweise ein handschriftlicher Text übersetzt und eingesprochen werden, wird dieser von einer KI transkribiert, einer weiteren übersetzt und an eine KI für Sprachsynthese weitergereicht. Nach und nach soll dadurch eine im Internet lebende Super-KI entstehen, die irgendwann ähnlich komplexe Aufgaben erledigen könne, wie bislang nur das menschliche Gehirn. Allerdings soll es bis dahin noch Jahrzehnte dauern. Ein vergleichbares Projekt ist Hadron. Hiermit soll es machbar werden, Ressourcen auf ungenutzten Geräten für KI-Berechnungen zu vermieten.

Starlink

Der umtriebige Elon Musk will nicht nur zum Mars, sondern nebenbei auch noch das irdische Internet revolutionieren. Mit Starlink soll sein Raumfahrtunternehmen SpaceX ein, die Erde umspannendes Netz aus 11.943 Satelliten aufbauen, die in einem niedrigen Orbit platziert werden. Das soll vor allem Bewohnern in dünner besiedelten oder weit abgelegenen Gebieten einen schnellen Internetzugang garantieren. Die Idee selbst ist dabei nicht neu aber die angepeilte Dimension, Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit schon. Nahezu immer und überall soll dadurch ein Zugang ins Internet verfügbar werden – egal ob in der Großstadt oder inmitten der Wüste.

Am 22. Februar sind mit Tintin A und Tintin B die ersten beiden Test-Satelliten für Starlink ins All gestartet. Zwischen 2019 und 2025 soll das gesamte Netz aufgebaut werden, dessen Funktionsmodell später für den Mars adaptiert werden könne. Dabei hat Elon Musk durchaus Konkurrenz. Das Unternehmen OneWeb will SpaceX zuvorkommen und bereits ab diesem Jahr ein aus bis zu 882 Satelliten bestehendes Netz aufbauen, das später weiter aufstockt werden soll. Samsung hatte vor zwei Jahren Interesse an einem identischen Konzept gezeigt. Der koreanische Konzern hat einem Thesenpapier zufolge vor, rund 4.600 Satelliten im Orbit zu stationieren, die fünf Milliarden Nutzer bedienen könnten. Aber ein Zeitplan existiert hier nicht.

Decentraland

Ein klingt ein bisschen wie die Oasis, die virtuelle Welt aus Ready Player One, oder ein viel weiter gedachtes Second Life, was die Entwickler von Decentraland planen. Sie wollen eine digitale Welt erschaffen, in die die Nutzer mit Virtual-Reality-Brille eintauchen können, um zu forschen, andere Nutzer zu treffen, in einem Auto herum zu düsen oder Spiele zu spielen. Dabei sollen die Nutzer aber auch Land kaufen können, um es mit eigenen Gebäuden, Attraktionen oder Themendistrikten wie einer Cyberpunk-Kulisse zu bebauen. Die können dann nicht nur schick oder repräsentativ ausschauen, sondern ebenso Umsatz generieren. Beispielsweise, wenn es sich um ein Casino handelt, in dem Spieler an Pokerrunden teilnehmen. Ebenso ließen sich virtuelle Fahrzeuge, Klamotten und Baupläne erschaffen und handeln – natürlich, klar, via Kryptowährung und Ethereum-Blockchain. Bereits in diesem Jahr könnte Decentraland als einfacher Mehrspieler-Prototyp starten.

Brave

Mit Brave haben der Mozilla-Co-Gründer Brendan Eich und Brian Body einen Browser auf Basis von Googles Chromium entwickelt, der zahlreiche Konventionen des Netz angreifen soll. Unter anderem ist er von vornherein dafür konzipiert, Werbung und Tracking zu unterbinden. Nicht nur um das Surfen im Netz schneller, klarer, sondern vor allem sicherer und privater zu gestalten. Dafür tilgt Brave Anzeigen oder ersetzt teils gefährliche durch seriöse Ads und teilt den Erlös mit den Nutzern und Publishern – eine nicht unumstrittene Taktik. Aber vor allem bringt Brave eine Plattform mit, die es vergleichsweise unkompliziert möglich macht, Websites und einzelnen Personen eine Spende zukommen zu lassen.

Das in Brave integrierte Brave Payments gibt es bereits seit September 2016 und basiert auf Ethereum. Nutzer können hier eine Wallet eröffnen, mit Geld in Form von Basic Attention Token füllen und – ähnlich Flattr – einen Betrag festlegen, den sie über den Monat hinweg verteilen wollen. Auf Wunsch registriert Brave, wie viel Zeit der Nutzer auf welcher Seite oder welchem Youtube-Kanal verbringt und kann daraus automatisch die Verteilung berechnen – in die selbstverständlich auch eingegriffen werden kann. Freilich müssen die Empfänger auch selbst bei Brave Payments angemeldet sein. Aber dann läuft die Zahlung beiläufig und unkompliziert. Das macht Brave derzeit bei Youtubern beliebt, die sich vielfach durch neue Werberichtlinien gegängelt fühlen. Tatsächlich könnten Brave mit seinem Payments-System und ähnliche Dienste wie Stream oder Satoshipay, neue Finanzierungswege im Web erschließen.