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Mobil betrachtet: Berliner schlafen am längsten

Karsten Lemm 05.01.2018 Lesezeit 5 Min

Die O2-Mutter Telefónica hat ihren Schatz an Handy-Daten ausgewertet, um zu zeigen, wie Deutschland reist und pendelt. Ergebnis: Der Osten steht früher auf, Hamburg hat das größte Einzugsgebiet, Berlin feiert gern – und schläft sich aus.

Früh am Morgen, wenn der Großteil Deutschlands noch mit Zähneputzen beschäftigt ist, zieht es die Magdeburger bereits auf die Straßen. Sie steigen ins Auto, aufs Fahrrad oder in den Bus, um von A nach B zu kommen. Üblicherweise brechen Menschen, die im PLZ-Gebiet 39116 wohnen, bereits um 7:03 Uhr in den Tag auf – 26 Minuten früher als ihre Landsleute im Bundesdurchschnitt und fast zwei Stunden, bevor Berlin Mitte mobil wird: Dort beginnt der Tag erst um 9:02 Uhr.

Solche Erkenntnisse ergeben sich aus der Analyse von Milliarden an Mobilfunkdaten, die der Telekom-Konzern Telefónica Deutschland in der Studie So bewegt sich Deutschland veröffentlicht hat. Auf der dazugehörigen Website zeigen animierte Lichtpunkte, wie sich Verkehrsströme bilden und Menschen – über sieben Tage hinweg – durch die Republik reisen. Für jede Postleitzahl illustriert das Projekt mit einer Grafik, wann besonders viele kommen oder gehen, ob sie auf dem Weg in die Stadt sind oder hinaus aufs Land fahren.

Die Analyse zeigt für jede Postleitzahl, wie sich die Verkehrsströme über den Tag verteilen – hier Magdeburg.

„Die Daten kommen zustande, wenn SIM-Karten mit unserem Mobilfunknetz kommunizieren“, erklärt Alexander Lange, Business Developer bei Telefónica NEXT, einer Tochterfirma, die der Telekom-Konzern im Herbst 2016 gegründet hat, um Datenanalysen zu vermarkten – ähnlich, wie es auch die Telekom-Tochter Motionlogic tut.

Durch Eigenmarken wie O2, Blau und Base, aber auch Partner wie 1&1 oder Tchibo, zählt Telefónica 48 Millionen Anschlüsse, auf deren Mobilfunkinformationen die Analysten zugreifen konnten – ohne die Identität einzelner Nutzer zu kennen, wie Lange versichert: „Als erstes werden die Daten anonymisiert, dann aggregiert und ausgewertet.“ Die Software-Plattform, die Telefónica aufgebaut hat, erlaube zudem nur Analysen, wenn sich Informationen von mindestens fünf Nutzern bündeln lassen, erklärt Lange. Telefónica verweist auf eine TÜV-Zertifizierung für die hauseigene Technologie zur Daten-Anonymisierung.

Pendelbewegungen: Mecklenburger haben im Durchschnitt den weitesten Weg zur Arbeit.

Das System protokolliert für jeden Anschluss so genannte „Events“, wann immer ein Mobilgerät mit der Funkzelle Kontakt aufnimmt – zum Beispiel, weil Nutzer eine Nachricht verschicken, den Browser aufrufen oder telefonieren. Im Durchschnitt kommen täglich etwa einhundert Events pro Anschluss zusammen. „Das gibt uns eine sehr gute Datengrundlage“, sagt Lange.

Zwar liegen die Informationen nicht in Echtzeit vor – anders als GPS-Daten aus Handy-Apps – und sind durch die Beschränkung auf Funkzellen relativ grobkörnig. Dennoch sehen Telefónica und Motionlogic in der Analyse der Mobilfunkdaten eine wertvolle Ergänzung zu herkömmlichen Methoden, Verkehrsströme besser zu verstehen. Denn bisher verlassen Verkehrsplaner sich vor allem auf Befragungen und automatische Zählstellen.

Auch das Stuttgarter Fraunhofer IAO-Institut kommt in einer Studie zu dem Schluss, die Auswertung der Handydaten biete „die Chance, wertvolle Informationen für die Gestaltung unserer Verkehrssysteme zu erhalten“. In Berlin und Brandenburg arbeitet Teléfonica seit einigen Monaten mit der Bahn daran, das Angebot an Regionalzügen zu verbessern. In München soll die Nutzung von Park & Ride-Flächen optimiert werden.

Nachtaktiv: In Berlin feiert am Samstagabend vor allem das Zentrum, in München verteilen sich die Party-People stärker.

Normalerweise verlangt der Telekom-Konzern für den Zugang zu seinem Datenschatz Geld – etwa von Händlern, die wissen wollen, wo sich eine neue Filiale lohnen könnte. So bewegt sich Deutschland dagegen sei ein Projekt aus eigenem Antrieb gewesen, „um zu zeigen, was wir mit diesen Informationen anfangen können“, erklärt Lange.

In Hamburg St. Pauli geht zuletzt das Licht aus – wenn überhaupt.

Für die Studie schauten sich die Analysten alle Daten aus dem März 2017 an: einen typischen Monat ohne größere Feiertage, Sommerferien oder Herbststürme – lauter Ereignisse, die die Aussagekraft der Ergebnisse beeinflusst hätten. Die Auswertung bestätigt in mancher Hinsicht das Offensichtliche: Große Städte ziehen morgens Pendler an, abends fahren die Menschen zurück ins Umland. Hamburg St. Pauli schläft nie. An der Grenze zu Polen ist weniger los als im Rheinland.

In anderen Fällen machen die Daten sichtbar, was sonst wohl nur Fachleute wussten – etwa, dass Landbewohner in Mecklenburg-Vorpommern den weitesten Weg zur Arbeit haben. Sie müssen im Durchschnitt 29,6 Kilometer zurücklegen, während Pendler in Baden-Württemberg nach nicht mal 15 Kilometern am Ziel sind. Schaut man auf die Einzugsgebiete, zieht die Datenwolke um Hamburg herum weit größere Bahnen als um Städte wie Köln oder München.

Insgesamt kommen laut der Studie an einem typischen Wochentag 161 Millionen Reisen zusammen, die länger als zwei Kilometer sind. Auch Flüge können die Analysten erkennen, wenn Handys sich in kurzer Zeit von weit entfernten Orten melden – eben noch aus München und eine Stunde später aus Frankfurt oder Berlin. Bei Zugfahrten orientieren sich die Daten-Detektive daran, ob ein Mobilgerät vorwiegend zu Funktürmen entlang einer Bahnlinie Kontakt hält.

Hamburg, die Stadt mit dem größte Umland, dehnt sich deutlich weiter in ihre Region aus als zum Beispiel Köln oder München.

An ihre Grenzen stößt die Methode, wenn der Blick zu sehr ins Detail gehen soll. „Zu den schwierigsten Fragen“, erklärt Lange, „gehören Dinge wie: ,Sagt uns mal, wie viele Leute in diesem Bus saßen.‘ Großflächige Analysen sind besser machbar.“

In den gigantischen Datenmengen, die bei knapp 8.200 PLZ-Gebieten und 31 Tagen à 24 Stunden zusammengekommen sind, dürften sich noch wichtige Einsichten verbergen, vermutet der Telefónica-Analyst: „Wir hoffen, dass informierte Menschen, die sich das anschauen, mit Fragen und Anregungen auf uns zukommen“, sagt Lange. „Wir haben sicher noch nicht jedes Detail entdeckt, das spannend für den Verkehr sein könnte. Es war ein Kraftakt – wir reden hier wirklich über Big Data.“