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YouTube ist auf dem Weg zum Desinformationsportal

Johnny Haeusler 15.03.2018

Derzeit gibt es viel Kritik am Empfehlungsalgorithmus von YouTube. Der soll Nutzern mit jedem Klick radikalere Inhalte zeigen. Darauf hat Google reagiert und will Links der Wikipedia unter Videos einblenden. Unser Kolumnist Johnny Haeusler sagt: Das reicht nicht, wenn YouTube nicht zum Desinformationsportal verkommen soll.

Zeynep Tufekci, Autorin bei der New York Times, nennt YouTube in einer ihrer aktuellen Kolumnen „den großen Radikalisierer“. Diese Bezeichnung basiert auf Recherchen von Tufekci zum Empfehlungsalgorithmus von YouTube. Also der Mechanik, die bestimmt, welche Videos dem Zuschauer als nächste Empfehlung angezeigt werden. Die Autorin ist dabei natürlich nicht die Erste, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat.

Guillaume Chaslot hat als Entwickler drei Jahre lang für YouTubes Mutterfirma Google gearbeitet – auch an den streng geheimen, sich konstant ändernden Algorithmen, welche die Empfehlungen bestimmen. Bei diesem Prozess, behauptet Chaslot, „überragt Fiktion die Wahrheit“ und verzerrt diese.

Wer YouTube-Videos schaut sagen Chaslot, Zeynep Tufekci, der Guardian und andere, bekommt immer krassere, immer radikalere „weiterführende“ Clips empfohlen. Hierzu gehören vor allem bei politischen Themen Verschwörungstheorien und Fake News. Wer sich beispielsweise Nachrichten-Videos zum Amoklauf an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida ansieht, landet schnell bei anderen Clips, die behaupten, die Tragödie hätte nie stattgefunden und wäre ein Hoax.

Der Grund für diese mehr als zweifelhaften Empfehlungen: YouTube verdient sein Geld mit der Aufmerksamkeit seiner Besucherinnen und Besucher. Und die Statistiken zeigen: Menschen, denen immer krassere Meinungen und Behauptungen präsentiert werden, verweilen länger auf den Seiten des Portals und schauen mehr Videos. So einfach, so profan, aber auch so zynisch ist das.

Guillaume Chaslot musste Google 2013 verlassen – das Unternehmen gibt als Grund seine schlechte Performance an. Er selbst glaubt, dass ihm seine Bemühungen um abwechslungsreichere Inhalte für YouTube-Nutzerinnen und -Nutzer zum Verhängnis wurden. „Es gibt viele Möglichkeiten für YouTube, die Algorithmen zu verändern, um Fake News zu unterdrücken, oder die Qualität und Vielfalt der Videos zu verbessern, die den Leuten angeboten werden. Ich habe versucht, YouTube von innen zu verändern, aber das hat nicht funktioniert.“

Gemeinsam mit fünf anderen Codern hat Chaslot daher das Portal AlgoTransparency ins Leben gerufen. Es zeigt die am meisten empfohlenen YouTube-Videos zu bestimmten Themen und Suchanfragen. Obwohl das Portal detailliert erklärt, wie es arbeitet und warum die Ergebnisse korrekt seien, haben meine eigenen Tests sehr unterschiedliche Ergebnisse gebracht. So bekam ich bei der Frage „Is the earth flat or round?“ – die schon bei der Eingabe schmerzt – kaum Videos empfohlen, die eine flache Erde nachweisen wollen. Vielleicht dreht YouTube also bereits am Algorithmus.

Sind Wikipedia-Links eine Lösung?

Der Druck auf das Videoportal ist in letzter Zeit gewachsen. Auf der gerade stattfindenden Konferenz South by Southwest in Austin, Texas, verkündete YouTube-CEO Susan Wojcicki ein neues Feature, das derzeit „Informationshinweise“ genannt wird. Unter Videos zu bestimmten Themen oder besonders kontrovers diskutierten Behauptungen will YouTube in den kommenden Monaten weiterführende Wikipedia-Links einblenden.

Selbstverständlich wird auch dieses Outsourcen von Verantwortlichkeiten früher oder später an seine Grenzen stoßen. Tagesaktuelle Geschehnisse werden oft noch nicht in der Wikipedia vorhanden, denn bei der Wissensplattform geht es nicht um Geschwindigkeit. Zudem können Artikel schnell editiert werden und Minuten, manchmal aber auch Tage vergehen, bis Fehler korrigiert sind. Ob die Wikipedia-Gemeinde der neuen Herausforderung gewachsen ist und zum neuen Faktencheck von YouTube werden will, ist daher ungewiss.

Und auch andere aktuelle Herausforderungen werden in Sachen YouTube, Google, Facebook und Twitter bleiben, wenn keine Lösungen im Sinne der Allgemeinheit gefunden werden. Geheime und schnell veränderbare Algorithmen können die Qualität von Informations- oder Wissensvermittlung und damit die öffentliche Meinungsbildung detailliert beeinflussen. Algorithmen können sich schnell den Interessen derjenigen anpassen, die sie bestimmen. Derzeit mögen die in erster Linie bei der Maximierung von Werbeeinnahmen liegen – schlecht genug – doch auch der Reiz zur politischen Einflussnahme existiert.

Ohne Regeln wie dem Presserecht, ohne freiwillige Übereinkünfte und ohne Einnahmequellen jenseits von Anzeigen verkommen werbefinanzierte Portale wie YouTube zu reinen Aufmerksamkeitsfressern. Im schlimmsten Fall werden sie zu Desinformationsplattformen.