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„Quantum Break“ ist die perfekte Mischung aus Fernsehserie und Videospiel

Benedikt Plass-Fleßenkämper 01.04.2016 Lesezeit 7 Min

Sind Videospiele die neuen Filme? Zumindest beim Umsatz haben Spiele wie „Call of Duty“ Hollywood längst abgehängt. Kein Wunder, dass sich die beiden Industrien immer mehr annähern. Der neueste Crossover-Versuch ist der lang erwartete Actiontitel „Quantum Break“: Im Spiel werden klassisches Shooter-Gameplay und eine TV-Serie mit Star-Besetzung zu einer digitalen Symbiose. WIRED-Autor Benedikt Plass-Fleßenkämper hat sich das Spiel mal näher angeschaut.

Schon in der Frühzeit der Wohnzimmerunterhaltung versuchten kreative Köpfe, Videospiele und Filme miteinander zu verbinden. 1983 wagte sich Disney-Designer Don Bluth an den interaktiven Zeichentrickfilm „Dragon’s Lair“, in den 1990er Jahren zelebrierten Abenteuer-Games wie „The 7th Guest“ oder der „Star Wars“-Shooter „Rebel Assault“ das damals neue Speichermedium CD — mit ausufernden Videosequenzen und echten Schauspielern.

Erst in der jüngeren Vergangenheit aber rücken Hollywood und Spieleindustrie immer näher zusammen. Im Adventure „Beyond: Two Souls“ etwa wirken Ellen Page und Willem Dafoe als prominente Hauptdarsteller mit. In aufwendigen Motion-Capturing-Aufnahmen wurden die Mimik und die Bewegungen der Schauspieler digitalisiert.

„Quantum Break“ gelingt perfekt der Spagat zwischen Serie und Videospiel.

Mit „Quantum Break“ geht das finnische Studio Remedy Entertainment noch einen Schritt weiter: Die Entwickler erzählen die Story ihres Action-Abenteuers nämlich sowohl in traditionell gerenderten Spiele-Sequenzen als auch in vier Folgen einer aufwendig produzierten TV-Serie. Die Hauptrollen übernehmen Stars wie Shawn Ashmore, bekannt durch seine Rolle als Iceman in „X-Men“, und Aidan Gillen, der Kleinfinger in der Serie „Game of Thrones“ spielt. Außerdem mit dabei sind der Darsteller von Merry aus dem „Herrn der Ringe“, Dominic Monaghan, und Lance Reddick, der durch seine Rolle als Polizeichef Cedric Daniels in „The Wire“ glänzte.

Die Idee dahinter: Was man als Spieler während der Gameplay-Passagen macht, beeinflusst die Live-Action-Serie — und was man dort sieht, wirkt sich auf das Game aus. Xbox-One-Besitzer dürfen sich die Episoden in verschiedenen Qualitätsstufen bis maximal 1080p herunterladen. PC-Spieler können die Folgen lediglich streamen, erhalten im Gegenzug aber die überlegene 4K-Auflösung.

Die Hintergrundgeschichte von „Quantum Break“ dreht sich um ein misslungenes Zeitreise-Experiment an der fiktiven Riverport University. Protagonist Jack Joyce (Shawn Ashmore) und sein Gegenspieler Paul Serene (Aidan Gillen) erlangen dadurch Superkräfte, allerdings bringt die Katastrophe auch die Zeit gehörig durcheinander. Das Ende der Welt steht bevor, und Serenes Megakonzern Monarch Solutions versucht, Profit aus dem Desaster zu schlagen.

Was dabei schnell auffällt: Die Handlung von Spiel und Serie folgt unterschiedlichen Spannungsbögen. „Im Game stehen die Helden im Mittelpunkt, in der Serie hingegen die Schurken“, erklärt Remedys PR-Chef Thomas Puha in einem Interview mit DualShockers den bewusst gewählten Kontrast. „Ich denke, wenn die Leute ‚Quantum Break’ spielen, werden sie schnell in den Flow kommen und sich auch die Live-Action-Episoden anschauen.“

„The Wire“-Star Lance Reddick spielt seine Rolle als machthungriger Intrigant Martin Hatch ausgezeichnet. Er gehört zu den wichtigen Hauptpersonen der vier Live-Action-Episoden.

Tatsächlich schadet diese unterschiedliche Gewichtung der Handlungsstränge „Quantum Break“ nicht. Zwar wundert man sich anfangs, wieso Held Jack in der Serie kaum auftaucht, doch diese Überlegungen weichen schnell der Freude, weil man einen tieferen Einblick erhält. Die Serie legt den Fokus eben stärker auf die Geschehnisse innerhalb von Monarch Solutions. Vor allem Lance Reddick überzeugt als intriganter Machtmensch Martin Hatch und spielt selbst den gut aufgelegten Aidan Gillen alias Paul Serene schnell an die Wand.

Die Überschneidungen zwischen Videospiel und den vier TV-Folgen — jede 22 Minuten lang — treten an sogenannten Knotenpunkten auf. An diesen Stellen der Geschichte, die insgesamt fünf Kapitel umfasst, können die Spieler selbst bestimmen, welchen Weg die Handlung nehmen soll.

Bei alledem bleibt „Quantum Break“ ein sehr lineares Spiel: Zwar entscheidet man mit, wie die folgende Serienepisode und der nächste Level aussehen. Eine eigene Geschichte wird daraus aber nur in Grenzen. Rund 40 verschiedene Versionen der Serie drehten die Spielemacher — ein Ansatz, der an Adventure-Games wie „Life is Strange“ oder „The Walking Dead“ erinnert. Spiele, die letztlich mehr Einfluss vorgaukeln, als man tatsächlich hat.

Im Test variierten Levels und Serienepisoden leicht — abhängig davon, welche Entscheidungen ich zuvor getroffen hatte. Obwohl die Unterschiede nicht riesig sind, lohnt sich gerade für Neugierige ein zweites Durchspielen, zumal die reine Spielzeit mit knapp sechs Stunden recht knapp ausfällt. Die Erzählung von „Quantum Break“ ist einen zweiten Durchgang in jedem Fall wert, sie hält so manche Überraschung bereit.

Als Action-Game ist „Quantum Break“ nichts Besonderes: Man kämpft unter anderem auf einem Universitätscampus, in Lagerhäusern und Laboranlagen. Gefeuert wird mit typischen Waffen wie Schrotflinte, Sturmgewehr und Pistole. Remedy hat das Motiv der Zeitreise jedoch geschickt in die ebenfalls sehr filmisch inszenierten Level eingebaut.

Die Fähigkeit „Zeitexplosion“ ersetzt in „Quantum Break“ Granaten. Mit dem kleinen Unterschied, dass Gegner nach dem Knall einfach in der Zeit beziehungsweise der Luft stehen bleiben.

Immer wieder stößt man im Spielverlauf auf Zeitanomalien, die dafür sorgen, dass Objekte sich bewegen. Eine Tür geht ständig auf- und zu, oder ein Gebäude stürzt ein, um sich wie von Geisterhand wieder selbst aufzubauen. Auch Jack nutzt seine insgesamt sechs übermenschlichen Fähigkeiten zur Manipulation der Zeit: Er kann sie nach Belieben anhalten, verlangsamen oder zurückspulen.

Die wichtigste Fähigkeit ist der Zeitblick, mit dem man einen Moment lang durch Wände sehen kann. Gegner sind dann rot, benutzbare Objekte und der Weg zum nächsten Missionsziel gelb markiert. Sowohl bei den Kämpfen als auch bei der Erkundung der Areale ist der Zeitblick eine große Hilfe. Mit dem Zeitstopper hingegen friert man Gegner oder auch Umgebungsobjekte vorübergehend ein, per „Flashen“ oder „Woosh“ bewegt sich Jack innerhalb der Zeit und wechselt so blitzschnell die Position.

Hindernisse räumt der Spieler aus dem Weg, indem er die Zeit einfach zurückspult.

Die Actionpassagen gewinnen durch die speziellen Fähigkeiten des Helden an Tempo. Zwar kommt in „Quantum Break“ ein ähnliches Deckungssystem wie in „The Division“ zum Einsatz, doch anders als in Ubisofts MMO-Shooter gibt es nur kleinere Verschnaufpausen. Hat man den Bogen mit den Superkräften erst einmal raus, schießt man blitzschnell über das Schlachtfeld, feuert MG-Salven in Zeitlupe und verprügelt chancenlos Gegner in Sekundenbruchteilen. Das ist nicht gerade anspruchsvoll, macht aber ordentlich Spaß — und sieht bisweilen furios aus. Der Spielfluss hinter „Quantum Break“ erinnert auf angenehme Weise an die Remedy-Hits „Max Payne“ und „Alan Wake“.

Wieso die Entwickler dem Spiel allerdings noch ein neumodisches Upgrade-System aufzwängen mussten, bleibt ein Rätsel. Die durch versteckte Chrononquellen verbesserten Fähigkeiten haben nahezu keinen Einfluss aufs Gameplay und wirken auch sonst eher wie ein künstliches Anhängsel, das „Quantum Break“ gar nicht nötig hätte.

„Max Payne“ lässt grüßen: Jack Joyce versetzt das Geschehen mit seinen Superkräften in Zeitlupe und legt mitunter beeindruckende Choreographien hin. Die vorbeirauschenden Kugeln zerschneiden die Luft förmlich.

Das Film-Videospiel-Crossover fasziniert ohnehin weniger aufgrund spielerischer Finesse, sondern punktet vor allem mit seinem Kinostil. Selbst in den normalen Spielszenen geizt Remedy nicht mit Anleihen an das Medium Film. In der Anfangsphase erinnert „Quantum Break“ fast schon an einen typischen ersten Teil einer Superhelden-Story: Jack entdeckt seine Fertigkeiten mehr zufällig und lernt später erst, seine Kräfte zu kontrollieren. Dieser schrittweise Aufstieg zur Action-Ikone macht den „Quantum Break“-Protagonisten sympathisch und schafft eine unmittelbare Bindung zu der Figur. Man will als Spieler unbedingt herausfinden, ob Jack die Welt vor Monarch Solutions retten kann.

Wäre „Quantum Break“ lediglich ein Action-Game und müsste ohne die Live-Action-Serie auskommen, es würde schnell in der Masse untergehen. Ja, das Experimentieren mit Jacks Superkräften macht Spaß, und die audiovisuelle Qualität ist hoch. Doch die kurze Spielzeit und die recht linearen Level stören den positiven Gesamteindruck.

Shawn Ashmore — alias Protagonist Jack Joyce — hat in der Live-Action-Serie von „Quantum Break“ nur einen kurzen Gastauftritt. Diese dreht sich vor allem um den machthungrigen Konzern Monarch Solutions. 

Letztlich aber macht gerade die Mischung zweier Medien den unbestreitbaren Reiz dieses Blockbusters aus. Die Serienepisoden geben dem Actionspiel „Quantum Break“ zusätzliche Tiefe und die Entscheidungen des Spielers schaffen eine emotionale Verbindung zu den Charakteren beider Erzählstränge. Remedy liefert mit seinem jüngsten Werk ein durchaus wegweisendes Unterhaltungsformat ab, das überraschend gut funktioniert — es trifft einfach perfekt den Zeitgeist.

„Quantum Break“ erscheint am 5. April 2016 für Xbox One und PC (Windows 10 wird vorausgesetzt) und kostet knapp 70 Euro.