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„Privatautos sind ein Desaster“: Soziologe Sennett will andere Städte

Chris Köver 05.12.2016

Der Soziologe Richard Sennett erforscht seit Jahrzehnten das urbane Leben. WIRED spricht mit ihm über smarte Städte – und dumme Bewohner. Widerstände zu überwinden, sei für den Menschen nötig, sagt Sennett im Gespräch. Technologie erleichtere zu vieles.

Dieses Interview erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des WIRED Magazins im Mai 2016. Wenn ihr die Ersten sein wollt, die einen WIRED-Artikel lesen, bevor er online geht: Hier könnt ihr das WIRED Magazin testen.

Es ist ein angemessen grauer Tag in London, als Richard Sennett, der wohl bekannteste Soziologe der Gegenwart, sich in seiner Wohnung im fünften Stock eines ehemaligen Bürogebäudes zum WIRED-Interview niederlässt: Die britische Hauptstadt ist noch vom Brexit-Beben erschüttert. Sennett und seine Frau, die ebenfalls weltbekannte Soziologin Saskia Sassen, leben gleichsam im Auge des Sturms, nur ein paar Gehminuten entfernt vom Finanzdistrikt und der London School of Economics, wo er unterrichtet.

Sennett forscht seit mehr als 30 Jahren zur Frage, wie Menschen in Städten zusammenleben und arbeiten. Erst tat der gebürtige Amerikaner das in New York, am von ihm gegründeten Institute for the Humanities der NYU; seit 1999 lehrt er in London. Sennett ist einer der großen Intellektuellen, einer, der sich politisch positioniert, ganz in der Tradition seiner einstigen Lehrerin Hannah Arendt. Die Finanzkrise und die aus seiner Sicht verfehlte Stadtentwicklungspolitik Londons kommentiert Sennett ebenso wie die Macht von Google und IBM.

Sennetts Überthema ist der Mensch – oder eher die Frage, warum es einigen Menschen sehr viel besser geht als anderen. Dass er selbst in den 40er-Jahren als Sohn von Einwanderern in den monströsen Sozialbauten von Cabrini-Green in Chicago aufwuchs, bevor er in die feineren Zirkel aufstieg, spielt sicher eine Rolle. In seinem Buch Der flexible Mensch (1998) kritisierte Sennett das Leben unter den Bedingungen des globalen Kapitalismus, der seinen Subjekten eine gummiartige Elastizität abverlangt; in Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält (2012) riet er zu mehr Kooperation als Mittel gegen Ungleichheit. Sennetts Bücher sind elegant formuliert und voller persönlicher Geschichten. Soziologie liest sich bei ihm wie ein Roman (auch davon hat er zwei geschrieben) oder eine gute Reportage.

Fast wäre Richard Sennett Cellist geworden. Erst als eine Handverletzung seine Musikkarriere beendete, entschloss er sich für ein Studium – in Chicago und Harvard.

Sennett arbeitet gerade an einem neuen Buch über das, was er die offene Stadt nennt. Zusammen mit Sassen und Joan Clos, dem ehemaligen Bürgermeister von Barcelona, hat er beim UN-Weltsiedlungsgipfel in Quito im Oktober ein gemeinsames Zukunftskonzept zur Stadt im 21. Jahrhundert vorgestellt; im Dezember wird es unter dem Titel Quito Papers veröffentlicht. Ansätze aus der Systemtheorie werden darin mit Städteplanung, dem globalen Immobilienmarkt und den Debatten um Big Data und Smart Cities verwoben.

Sennetts Analyse läuft auf die Forderung heraus, dass Städte offene Systeme sein müssen, um flexibel auf Veränderungen reagieren zu können. Je starrer der Organismus einer Großstadt konzipiert sei, je klarer gesellschaftliche Schichten voneinander getrennt in Städten lebten, desto weniger Reibung entstehe. Und je weniger Reibung, desto schneller scheitere die Stadt an den Herausforderungen. Schulen und Märkte, Orte also, an denen sich Menschen begegnen, sollten deshalb nicht ins Zentrum eines Quartiers gebaut werden, sondern immer an die Grenzen zu anderen Nachbarschaften: So begegneten sich Menschen verschiedenster Hintergründe.

Neubauten, fordert Sennett, sollten am besten unvollendet bleiben – damit man sie später flexibel nutzen kann. Und Technologie? Die sollte es dem Menschen nicht abnehmen, die Stadt selbst zu erkunden, inklusive der damit verbundenen Störungen der eigenen Bequemlichkeit.

Denn wenn Technik selbst zu einem geschlossenen System werde, glaubt Sennett, verwandele das auch unsere vernetzte Erfahrung der Stadt in eine Black Box. Die vermeintlich smarten Technologien machten uns dumm, wir verarmten sensorisch inmitten der Stadt, die doch eigentlich von Austausch lebe – und auch ein bisschen von der Unordnung, die es bedeute, wenn viele Menschen an einem Ort wohnen.

WIRED: Mr. Sennett, Sie behaupten, die zunehmend smarteren Städte machten uns dumm. Wieso sollte das so sein?
Richard Sennnett: Menschen schärfen ihre induktive Kognition, also ihre Fähigkeit, vom Einzelfall aufs Allgemeine zu schließen, wenn sie mit Widerständen konfrontiert sind. Ist hingegen etwas leicht zu benutzen, denkt man nicht weiter darüber nach. Diese Reibungslosigkeit führt zu einer Art Abstumpfung der kognitiven Sinne. Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist, aber die meisten Menschen, die einen Computer nutzen, wollen einfach nur, dass er funktioniert. Das ist nachvollziehbar, wir aber sollten unsere Städte nicht nach diesem Vorbild modellieren.

WIRED: An welchen Stellen kommt Ihnen die Stadt zu reibungslos vor?
Sennett: Wenn man zum Beispiel Google Maps öffnet, bekommt man eine bevorzugte Route vorgeschlagen – und die meisten Menschen folgen dieser Route. Das heißt: Jemand bei Google entscheidet darüber, wie wir die Stadt erleben.

WIRED: Ist das nicht in unser aller Sinne?
Sennett: Nein, das ist nicht nur reduktiv, es bringt auch Probleme mit sich, die ich als Soziologe schlimm finde. Will man sich etwa in New York von A nach B bewegen, wird Google Maps einen davon abhalten, eine Route durch eine Nachbarschaft zu wählen, in der zum Beispiel viele Schwarze leben. Das ist eine Entscheidung, die jemand für dich getroffen hat. Generell gilt: Die Technologie ist auf Reibungslosigkeit programmiert, Probleme werden verschleiert. An Linux hingegen liebe ich sehr, dass es Probleme offensichtlich macht, während man es benutzt. Es ist ein offenes System.

WIRED: Sollten wir also aufhören, Google Maps zu nutzen?
Sennett: Ich bin nicht gegen Technologie. Ich bin nur gegen Monopole. Unser Umgang mit Computern, wie sie von Monopolisten entwickelt wurden, ist zutiefst autistisch. Du kommunizierst nicht auf eine ergebnisoffene Art mit anderen Menschen. Du drückst deine Wut aus, sie drücken ihre Wut über dich aus. Es ist sehr schwer, ein Gespräch zu führen. Eine meiner Studentinnen beschäftigt sich gerade mit Facebook und der Frage, ob das Problem von Online-Belästigung im Grunde in die Technologie von Facebook eingebaut ist. Weil sie eher Aggression fördert statt Kooperation.

Das Mobiltelefon sollte eigentlich befreien, aber es schränkt uns  eher ein.

Richard Sennett

WIRED: Google, Facebook und Apple sagen, sie wollen unser Leben als Nutzer einfacher machen. Was ist schlecht an mehr Effizienz?
Sennett: Effizienz ist nicht per se schlecht. Problematisch wird es erst, wenn Effizienz dein ganzes Leben bestimmt und es nur noch darum geht, Dinge einfach zu machen. Das ist eine Form von politischer und kognitiver Tyrannei. Wenn man etwas selbst erforschen muss, erlangt man ein viel tieferes Verständnis der Sache.

WIRED: Wir werden dumm, weil uns die Tech-Konzerne die Notwendigkeit eigener Erfahrungen abnehmen?
Sennett: Was ich beanstande, das ist die Reduktion unserer Erfahrung im Netz auf etwas, das vermarktbar, wechselwirkungsarm, unterwerfend ist. Das ist eine Einschränkung der Möglichkeiten, die Technologie uns bieten kann. Wir bewegen uns derzeit von offenen Systemen in Richtung geschlossene. Das Mobiltelefon sollte im Vergleich zum Computer eigentlich befreiend sein, es sollte viel mehr Apps geben, die uns neue Möglichkeiten eröffnen. Stattdessen werden wir vom Smartphone eher eingeschränkt.

WIRED: Wie das?
Sennett: Wenn man etwas auf dem Mobiltelefon googelt, erhält man nur eine Liste dessen, was am leichtesten verfügbar ist.

WIRED: Sie erforschen auch, wie sich Menschen durch die Stadt bewegen. Dank smarter Technologien können wir heute aufs eigene Auto verzichten. Apps helfen uns, mit dem Rad, mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Carsharing ans Ziel zu kommen. Freut Sie das?
Sennett: In diesem Fall ermächtigt uns die Technologie. Aus stadtsoziologischer Sicht ist das private Fahrzeug ein Desaster für Städte. Nicht nur für die Umwelt, sondern auch kognitiv betrachtet. Als ich für die New Yorker Stadtplanungskommission arbeitete, machten wir eine Studie: Wir versuchten, Menschen dazu zu bringen, Fahrgemeinschaften zu bilden. Aber sie taten es einfach nicht. In London dasselbe. Egal, wie viele Anreize man setzt, wie hohe Strafen man androht: Die Idee, dass man allein im Auto sitzen möchte, ist zu fest in den Köpfen verankert. In den allermeisten Autos in New York befindet sich je nur eine Person. Das liegt daran, dass eine kulturelle Gleichung von Freiheit und Individualismus aufgestellt wird: Du bist frei, wenn du genau dorthin gehen kannst, wo du als Individuum hinwillst. Die Vorstellung, dass man diese Freiheit aufgeben muss, weil das besser für die Stadt wäre: Gott bewahre!

WIRED: Stadtmenschen wollen eben nicht zu viel miteinander zu tun haben. Jeder ist lieber allein in seinem Auto, seiner Wohnung.
Sennett: Auch das ist ein großes Thema für mich und Saskia (Sassen, Sennetts Ehefrau – Anm. d. Red.). Wir würden nie alleine leben wollen. In Paris zum Beispiel tun das heute 43 Prozent der Bevölkerung. Als wir jung waren, haben wir beide in Kommunen gewohnt. Ich mag das. Am jetzigen Punkt in unserem Leben passt es nicht so gut, doch wenn wir wirklich mal alt sind, werden wir es vermutlich wieder tun.

WIRED: Was wäre Ihrer Meinung nach die klügste Option, sich durch die Stadt zu bewegen?
Sennett: Aus soziologischer Sicht ist Fahrradfahren die beste Art der Fortbewegung. Das hat wieder kognitive Gründe: Bei höheren Geschwindigkeiten gehen uns periphere Informationen verloren. Unser Gehirn ist nur auf das fokussiert, was vor uns liegt. Es wäre zu riskant, die Ränder des Sichtfeldes mit in die Aufmerksamkeit einzubeziehen. Auf dem Rad nehmen wir dagegen viel mehr wahr. Fahrräder sind also nicht nur gut für die Umwelt. Sie sind auch gut fürs Gehirn. In meinem Alter sollte man nicht mehr Rad fahren, meine Frau sagt mir, ich soll’s lassen. Aber ich gehe gerne zu Fuß. Jemand sagte neulich zu mir: „Na ja, wir haben ja bald selbstfahrende Autos.“ Aber dann werden die Leute während der Fahrt vermutlich wieder nur auf ihr Mobiltelefon starren. Denen ist dann eh egal, wo sie gerade sind.

WIRED: Was ist schlecht daran?
Sennett: Du lernst nichts über deine Umwelt. Du schaust stattdessen nur auf den Bildschirm, und der Bildschirm weiß mehr über deine Umgebung als du.

WIRED: Wenn ich mich in einer Stadt nicht auskenne und an ein Ziel will, freue ich mich, wenn mein Navigationssystem mehr weiß als ich.
Sennett: Ja, aber die Technologie, die etwa IBM für seine Navigationssysteme einsetzt, ist immer auf Geschwindigkeit ausgelegt: Welche ist die schnellste Route, um mich durch die Stadt zu bewegen? Und je schneller ich fahre, desto mehr CO2 wird zumindest derzeit noch ausgestoßen – und umso weniger nehme ich wahr.

WIRED: Sie sagen, dass unsere Städte zu geschlossenen Systemen werden, liege auch am Immobilieninvestment, dem sogenannten „Core Investing“. Warum ist das schlecht für eine Stadt?
Sennett: Es gibt verschiedene Arten von Investoren in unserer globalen Ökonomie. Die Opportunity Investors erkennen in einem spezifischen Ort oder Gebäude Potenziale, die andere nicht sehen. Eine andere Möglichkeit ist das Core Investment: Da steckt jemand Geld in Eigenschaften einer Immobilie. Diese Leute wollen zum Beispiel in 30.000 Quadratmeter Büroraum in guter Lage investieren – und suchen dann nach einem Ort, an dem sie das tun können. Die erste Art von Investition erfordert, dass sie die Umgebung kennen, die zweite Art nicht, das könnte in Berlin oder in Singapur geschehen. Donald Trump arbeitet so. Core Investing behandelt alles als Tabula rasa. Was um dieses Gelände herum passiert, ist egal. Es ist kontextbefreit. Sehen Sie, wie das in die gleiche Psychologie von Geschwindigkeit passt? Sie sind sich ihrer Umgebung nicht bewusst. Aber in diesem Fall ist das getrieben von der Ökonomie.
 

Neuere Bürogebäude sind extrem schwer in Wohnungen umzuwandeln. Ein offenes System muss anpassungsfähig sein.

Richard Sennett

WIRED: Das Problem ist, dass sich solche Investoren nicht mit dem Ort und seinen Bewohnern beschäftigen?
Sennett: Das Problem ist vor allem die Homogenisierung. Die Infrastruktur der meisten core-finanzierten High-End-Gebäude ist gleich, egal, ob es Wohnungen oder Büros sind. Nur die Details im Interieur können individuell angepasst werden. Das macht diese Gebäude aber extrem unflexibel in der Nutzung. Ein Beispiel: In New York schrumpft die Wall Street. Deswegen versucht man, Büros in Wohnungen umzuwandeln. Je älter die Bürogebäude sind, umso besser geht das. Die neuen Gebäude hingegen haben so gut wie keine redundanten Systeme: Die Wasserrohre zum Beispiel verlaufen nur an der einen Stelle entlang, wo die Toiletten und die Teeküche auf dem Büroflur waren. Solche Gebäude sind sehr schwer in Wohnungen zu verwandeln.

WIRED: Klingt eher nach einem Problem für Architekten als für Soziologen.
Sennett: Menschen sind immer erstaunt, dass ich mit diesen Dingen so viel Zeit verbringe. Sie finden das trivial, aber das ist es nicht. Es ist die Essenz dessen, was ein offenes System ausmacht: dass es plastisch und anpassungsfähig ist.

WIRED: Es ist also nicht so sehr die Technologie, die unsere Städte zu geschlossenen Systemen macht – der Kapitalismus ist wieder mal an allem schuld?
Sennett: Es spielen immer mehrere Faktoren eine Rolle, man kann Technologie nicht isoliert betrachten. Wenn Sie zum Beispiel Angst vor Fremden haben, werden Sie Technologie verwenden, die Sie davor bewahrt, mit Fremden interagieren zu müssen. Aber nicht die Technologie hat Sie dazu gebracht – Ihre Angst vor Fremden war es. Das ist Teil des Problems, diese Vorstellung, dass Technologie eine unabhängige Variable sei und alle anderen Dinge abhängige Variablen. Dabei sind alle Teil eines Systems. Deswegen mag ich keine Menschen, die technophob sind. Diese Art von Luddismus ist lächerlich. Als ich mein Buch Handwerk veröffentlicht habe im Jahr 2008, hatte das viele Leser, die ich gar nicht gewollt hatte: Es waren die, die davon ausgingen, dass die Betonung auf Langsamkeit in dem Buch bedeute, dass ich gegen neue Technologien sei.

WIRED: Diese Menschen haben aber offensichtlich Ihr Buch nicht gelesen. Denn Sie beschreiben gleich im ersten Kapitel, dass Sie mit dem englischen Begriff „Craftsman“ ebenso Linux-Entwickler und Ingenieure meinen wie eben wörtlich Handwerker.
Sennett: Ja, aber so sind Menschen eben. Sie haben den Titel gesehen und dachten, sie wüssten, wovon das Buch handelt.

WIRED: Aber noch mal zurück zur Angst vor Fremden: In Deutschland werden gerade auffallend viele Apps entwickelt, die aus Krisengebieten Geflüchteten dabei helfen sollen, sich in der Stadt zurechtzufinden, Ämter, Wohnungen, Jobs oder Freunde zu finden.
Sennett: Das ist toll. Diese Apps werden nie kommerziell sein, weil sie oft von Betroffenen selbst für ihre eigenen Bedürfnisse entwickelt werden. Und die Algorithmen werden sich ändern, so, wie es sich ändert, was es heißt, ein Flüchtling zu sein. Wer zum Beispiel von einem Flüchtlingscamp oder Aufnahmelager in eine Wohnung zieht, hat ein komplett neues Set an Parametern: Wo finde ich einen Spielplatz, und zwar einen, auf dem es unwahrscheinlich ist, dass die anderen Kinder meines wegen seiner Herkunft belästigen? Dafür müsste es eine App geben. Aber das ist kompliziert. Es braucht sehr viel kollektive Intelligenz, um so eine App zu schaffen. Ich vermute, dass selbst gebaute, offene Plattformen für solche Aufgaben besser geeignet sind.

WIRED: Sie leben jetzt seit 20 Jahren in London. Wie hat sich die Stadt in dieser Zeit verändert?
Sennett: Core Investing ist auch hier ein Problem, gerade entlang der Themse im Osten der Stadt. Die Königsfamilie von Katar besitzt mittlerweile mehr von London als die Queen.

WIRED: Machen Sie sich Gedanken darüber, wie Sie selbst zur Gentrifizierung Ihres Viertels beitragen?
Sennett: Meine Frau und ich sorgen uns die ganze Zeit, dass wir dieses Virus in uns tragen. Das hier ist eine Nachbarschaft mit gemischter Nutzung, teils findet man Gewerbe, teils Wohnungen. Aber die Antwort auf die Gentrifizierung ist sehr unkompliziert. Sie lautet: Begrenze den freien Markt. Wenn man nicht will, dass ein Viertel gentrifiziert wird, dann verbietet man es einfach.

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WIRED: Mit Gesetzen?
Sennett: Ja, mit Gesetzen, die etwa die Zahl der Luxuswohnungen begrenzen. Oder man zieht einen Deckel für den Preis ein, für den Wohnungen verkauft werden dürfen. Das ist nicht schwer. Es wird im Kapitalismus aber als Erbsünde betrachtet.

WIRED: Wir brauchen mehr Regulation?
Sennett: Das ist mehr als Regulation. Was wir brauchen, sind Verbote. Ich nenne Ihnen ein praktisches Beispiel: Ich habe so gut wie nichts für meine Wohnung bezahlt, vorher waren hier ein paar Büros drinnen. Ich könnte heute ein reicher Mann sein, wenn ich diese Wohnung verkaufen würde, ich könnte das Fünffache dessen kriegen, was ich ursprünglich bezahlt habe. Diese Möglichkeit kann man verbieten. Man könnte bestimmen: Du hast die Wohnung für die Summe X gekauft, du darfst den potenziellen Verkaufspreis nicht mehr als fünf Prozent pro Jahr anheben. Wenn du also nur drei Jahre darin gewohnt hast, was viele tun, kannst du sie nach dieser Zeit lediglich 15 Prozent über dem Ausgangspreis verkaufen.

WIRED: Ist Berlin Ihrer Meinung nach noch eine offene Stadt?
Sennett: Der Bezirk Neukölln ist es vielleicht noch, Mitte schon eher nicht mehr. Was uns beruhigen sollte: Die Welt ist kein endloses Füllhorn, aus der die Menschen an der Spitze der Gesellschaft schöpfen können. Einer der Auslöser der Finanzkrise war, dass Leute dachten, man könne alles endlos refinanzieren – doch es gibt immer ein Ende. Berlin ist gerade in einer neoliberalen Phase, aber das Geld wird ausgehen.

WIRED: Welche Möglichkeiten haben wir, uns in Ihrem Sinne gegen diese Entwicklungen zu wehren?
Sennett: Wir müssen viel innovativer darin werden, uns die Dinge wieder selbst anzueignen. Wir versuchen das gerade hier bei uns im Viertel. Starbucks und andere Ketten bedrohen hier die örtlichen Händler. Wir versuchen herauszufinden, welche Läden konkret betroffen sind: Welche Unterstützung benötigen sie? Woher könnten wir das Geld organisieren, das sie zum Überleben brauchen? Das ist ein Big-Data-Projekt, aber getrieben von unten. Wir machen dieses Projekt gemeinsam mit anderen Bewohnern aus unserem Viertel. Zwei Straßen von hier entfernt ist die sogenannte Leather Lane, der größte Straßenmarkt für die Arbeiterklasse in London. Wir wollen dazu beitragen, dass er erhalten bleibt. Ich bin optimistisch, dass wir das schaffen.

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