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Der Hype um Vero ist nur ein geschickter psychologischer Trick

Michael Förtsch 01.03.2018 Lesezeit 6 Min

Das bessere Instagram soll die neue App Vero sein. Denn das Social Network biete eine Timeline ohne Algorithmus, ist frei von Werbung und sammelt keine Daten – so zumindest das Versprechen. Doch die Begeisterung für die Plattform wurde mit einem geschickten psychologischen Trick erzeugt.

Manchmal dauert der Erfolg eben ein bisschen länger. So auch bei der App Vero, die gerade als das neue Instagram gefeiert wird. Das soziale Netzwerk ist nämlich ziemlich alt. Bereits seit Juli 2015 ist das vom Milliardär Ayman Hariri gegründete Unternehmen am Start. Vero wird als „einzigartige Plattform“ beworben, die die „Echtwelt-Beziehungen online spiegele“ und „die Kunst der Kommunikation“ hinein in ein Social Network trage. Es sei „True Social“.

Im Grunde ist Vero aber zunächst nur eine Melange aus Instagram und Facebook - eine simple Plattform, um Bilder, Aktivitäten und Links zu teilen. Es geht darum, Sammlungen von Erlebnissen und Eindrücken anzulegen. Also welche Bücher man gelesen oder welche Filme man gesehen hat – mehr nicht. Sonderlich viel Aufmerksamkeit bekam Vero dafür 2015 nicht.

Daher hat Hariri prominente Nutzer als Markenbotschafter engagiert und bietet exklusive Inhalte – was nicht ganz ohne Erfolg war. Im September 2017 etwa veröffentlichte der Batman-v-Superman- und Watchmen-Regisseur Zack Synder dort exklusiv seinen Kurzfilm Snow Steam Iron. So richtig den Bruchbuch brachten diese Inhalte jedoch nicht. Die Fans von Synder luden den Kurzfilm binnen Stunden auf Youtube hoch. Vero konnte nur wenige Nutzer als Social Network begeistern – geschweige denn halten.

Das hat sich seit Montagabend geändert: Die App steht oben in den Charts des Apple App Store und des Google Play Store. Die App ist dort erfolgreicher als Youtube, Instagram, Snapchat und sogar Facebook.

Die Gründe? Vielfältig. Die Versprechungen von Vero klingen wie ein Gegenentwurf zu anderen Netzwerken. Die Plattform soll vollkommen werbefrei sein. Stattdessen will Vero sich über Abonnements finanzieren. Wer das Netzwerk nutzt, soll also eine Gebühr zahlen – ähnlich wie im Online-Rollenspiel World of Warcraft. Wie viel? Das ist noch nicht entschieden.

Wer als Marke direkt über Vero verkaufen will, der muss ebenso zahlen – also irgendwie gibt es doch Werbung. Dabei will Vero an jedem Verkauf mitverdienen – ähnlich wie Apple bei iTunes. Deswegen soll Vero nach eigenen Angaben auch kein Interesse daran haben, die Timeline mit einem Algorithmus zu kuratieren oder Daten zu sammeln. Die Nutzer sehen alle Beiträge in chronologischer Abfolge. So einfach.

Vero bietet durchaus auch einige interessante Ansätze: Statt alle Nutzer in einen einheitlichen Beziehungsstatus einzusortieren, lassen sich Menschen hier als „enge Freunde“, „Bekannte“ oder „Follower“ unterteilen. Inhalte können entsprechend nur in einzelnen Zirkeln geteilt werden – ein gute Idee, die es schon bei Google+ gab oder bei Facebook über Freundeslisten realisierbar ist.

Durch diese Listen sollen Nutzer befreiter oder offener agieren und vielleicht auch Bilder posten, die sie auf Instagram nicht veröffentlichen würden. Dort sind auch Arbeitskollegen und der Chef unterwegs. Auf Vero – so das Versprechen – sei das kein Problem. Insgesamt eine nette aber alles andere als revolutionäre Kombination.

Und viel wichtiger: Gibt es Menschen, die dafür zahlen? Wie Vero angekündigt hat, kriegen die ersten eine Million Mitglieder eine kostenlose Mitgliedschaft auf Lebenszeit – und nun, nachdem diese Grenze überschritten und die Macher offenbar überfordert sind, auch bis auf Weiteres alle neuen Nutzer. Wer später kommt, muss dann eine kleine Gebühr zahlen. Mehrere Künstler und einige bekannte Youtuber, Instagrammer und Influencer sind bereits auf Vero gewechselt. Viele von ihnen schreiben begeistert auf Twitter, Facebook und Instagram über die „ehrliche“ Plattform. Es gibt jedoch bereits erste Anschuldigungen, dass dieses Lob und die Empfehlungen gekauft wären, um der Plattform endlich Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Ob die erste Begeisterung gekauft war oder nicht, ist längst egal: Das New Yorker Unternehmen erlebt einen heftigen Schneeballeffekt. Und setzt geschickt auf den FOMO-Effekt (Fear of missing out). Also die Angst vieler Menschen, etwas zu verpassen, weil die Plattform plötzlich kostenpflichtig werden könnte.

Vero hat geschickt eine digitale Goldgräberstimmung inszeniert und macht seine Kostenlos-Accounts zu einer künstlich verknappten Ressource. Ein Account bei Vero hat den Anschein, etwas Besonderes und Wertvolles zu sein. Daraus resultiert der Ansturm, der wiederum noch mehr Aufmerksamkeit und Medienberichte nach sich zieht. Das geschickte Marketing von Vero macht die Plattform interessant, nicht die Versprechen der Macher oder die ungewöhnliche Nachtclub-Optik der App. Und dennoch: Der Hype scheint gerade so heftig umzuschlagen, wie er aufkam.

Bereits seit Tagen kämpfen die Entwickler von Vero mit technischen Problemen und überlasteten Servern. Vor allem die Registrierung – bei der angeblich aus Sicherheitsgründen eine Telefonnummer verlangt wird – und das Posten von Inhalten, verläuft alles andere als reibungslos. Aber nicht nur das: Wer seinen Account wieder löschen will, der sieht in vielen Fällen nur eine Fehlermeldung oder erhält lediglich eine Bestätigung, dass die Anfrage auf Löschung sobald als möglich bearbeitet werde.

Ebenso irritiert viele Nutzer der Umstand, dass das Kernteam offenbar aus russischen Entwicklern besteht. Wobei die Gerüchte über Verbindungen zur russischen Regierung derzeit tatsächlich nur Gerüchte sind – mehr nicht.

Auch die Biographie von Vero-Gründer Ayman Hariri lässt das angeblich so „ehrliche“ und ethisch blütenweise Startup eher zweifelhaft erscheinen. Hariri war stellvertretender Geschäftsführer der saudi-arabischen Baufirma Saudi Oger, die über Monate ausländischen Arbeitern den Lohn verweigert hat und sie nur mangelhaft mit Wasser, Nahrung und Medizin versorgte. Seinem Vater Rafiq al-Hariri, der zwei Amtszeiten lang Ministerpräsident des Libanon war, wurde mehrfach Korruption vorgeworfen – bevor er 2005 bei einem Anschlag ums Leben kam.

Viele Vero-Nutzer wollen das Social Network daher nun wieder so schnell wie möglich verlassen und propagieren den Hastag #DeleteVero. Es kann also gut sein, dass vor allem diese Zweifel und die technischen Probleme von Vero in Erinnerung bleiben. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass die Plattform keiner nachhaltige Relevanz entwickeln wird.

Eine Million Mitglieder – aber auch zwei oder drei – werden eine zu kleine Gruppe sein, um einen wirksamen Netzwerkeffekt zu erzeugen. Genau den bräuchte Vero jedoch. Denn Werbefreiheit und eine chronologische Timeline sind ein zu kleiner Mehrwert, um ein Abo zu rechtfertigen – so günstig es auch angesetzt sein mag. Dafür ist die Frustration über und der Vorteil gegenüber Facebook, Twitter und Instagram einfach nicht groß genug. Vero hat künstliche Hürden errichtet, die den Zirkel der Nutzer begrenzen und damit auch den Hauptgrund negieren, um ein Social Network zu nutzen: Nämlich dass alle Freunde, Bekannten und Fans auch dort sind.

Der Hype um Vero ist beachtlich. Die App wird aber lediglich eine Nische besetzen – wenn überhaupt. Ganz ähnlich wie es einst andere gehypte Social-Media-Hoffnungen wie Ello, Peach, Diaspora und App.net taten – die längst vergessen sind. Deshalb ist es auch unwahrscheinlich, dass Vero seine hehren Ziele von Werbefreiheit und einer „True Social“-Erfahrung dauerhaft einlösen kann.

Einen echten Grund, sich bei Vero anzumelden, gibt es also nicht. Jegliche Angst, etwas verpassen zu können, ist unbegründet. Was bleibt, ist ein interessantes Spektakel, das anschaulich zeigt, wie schnell sich Menschen im Internet begeistern und enttäuschen lassen.