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Dieser Award soll verhindern, dass Kinder an Chemtrails glauben

Dominik Schönleben 11.09.2015

Am 30. Oktober wird die wichtigste Trophäe der deutschen Verschwörer-Szene in Berlin verliehen. Unter den Preisträgern könnten dann Musiker Xavier Naidoo, die Homöopathen ohne Grenzen oder die Wrage GmbH stehen, letztere für ihre Heilarbeit mit der Lichtenergie der Einhörner. Doch für Giulia Silberberger, Organisatorin des „Goldenen Aluhuts“ geht es nicht nur darum, Verschwörungstheorien ins Lächerliche zu ziehen. Sie will Menschen vor ideologischem Missbrauch schützen.

Verschwörungstheorien kommen und gehen mit dem Nachrichtenzyklus. Heute glaubt fast niemand mehr an Alien-Entführungen, den Big Foot oder die gefakte Mondlandung. Heute dreht sich in den Kreisen der Verschwörungstheoretiker alles um Ebola, die Islamverschwörung und Flüchtlingsströme. Und ein Thema ist in Deutschland noch immer ein wahnwitziger Dauerbrenner: Chemtrails, die vermeintlich giftigen Kondensstreifen von Flugzeugen.

Deutschlands derzeit berühmtestem Verschwörungstheoretiker, Axel Stoll, wurde jetzt ein Award gewidmet, der die wirrsten und verrücktesten Theorien mit dem „Goldenen Aluhut“ ehrt. Eine Anspielung auf den Verschwörungs-Klassiker, dass man sich mit selbstgebastelten Kopfbedeckungen aus Alufolie vor gefährlichen Strahlen oder Gedankenkontrolle schützen müsse. Diese Trophäe in Gold hätte auch dem vor Kurzem verstorbenen Neuschwabenland- und Flugscheiben-Phantasten Stoll gut gestanden, weswegen sie auch am 30. Oktober verliehen werden soll, seinem Geburtstag. Eine zweifelhafte Ehre.

Giulia Silberberger hält am 30. Oktober die Laudatio für all jene Preisträger, die ihren Preis nicht selbst in Empfang nehmen.

Vergeben wird der Oscar der Verschwörungstheorien von Giulia Silberberger. Sie ist Teil der Skeptiker-Bewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat die Lügen und Fehler in Verschwörungstheorien zu entlarven und die Menschen, die sie verbreiten, in einen Diskurs zu verwickeln. Silberberger fürchtet vor allem die Professionalisierung der Verschwörungstheorien, etwas das mit den Veröffentlichungen des Kopp Verlages begann und heute durch krude Blogs und Medien wie RT Deutschland fortgesetzt wird — dagegen möchte ihr Award ein Zeichen setzen. Vor allem Kinder sieht Silberberger als die Leidtragenden von Verschwörungstheorien, da sie oft von den eigenen Eltern indoktriniert werden, so wie es ihr selbst passiert ist. Mit 8 Jahren wurde sie durch ihre Mutter Mitglied der Zeugen Jehovas, der Ausstieg gelang ihr erst über 15 Jahre später. Die in der Sekte vermittelten Ideologien vergleicht sie selbst damit, wie auch Verschwörungstheorien funktionieren. Der „Goldene Aluhut“ soll deshalb auf die Gefahr von solchem ideologischen Missbrauch hinweisen. Damit andere von dem verschont bleiben, was Silberberger erfahren musste.

Wir haben mit Silberberger über ihren Award und die erfolgreichsten und verrücktesten Verschwörungstheorien des Jahres gesprochen.

WIRED: Eine klassische Verschwörungstheorie in der Popkultur betrifft Außerirdische, wieso werden die von eurem Award überhaupt nicht repräsentiert?
Giulia Silberberger: Die sind nicht mehr so im Trend. Das wird heute sogar von Verschwörungstheoretikern belächelt — da fliegt ihnen sozusagen der Aluhut vom Kopf. Die Ufos sind von der Flache-Erde-Theorie abgelöst worden.

WIRED: Wieso ist die dann auch nicht auf der Nominierungsliste?
Giulia Silberberger: Die Vertreter haben sich zerstritten. Deswegen gibt es derzeit keine zentrale Persönlichkeit, die wir auszeichnen könnten.

Wir wollen die Menschen durch Unterhaltung aufklären.

WIRED: Wer hatte dieses Jahr den größten Einfluss unter den Verschwörungstheoretikern?
Silberberger: Xavier Naidoo war wegen seinen Reichsbürger-Geschichten in aller Munde. Obwohl er ja schon Ende letzten Jahres damit erstmals Schlagzeilen gemacht hat. Jetzt wurde das aber noch mal aktuell, da er rechtlich dagegen vorgegangen ist, dass er aufgrund seiner Aussagen als Antisemit bezeichnet wurde.

WIRED: Xavier Naidoo ist der berühmteste Deutsche unter den Nominierten. Spielt es für den Award eine Rolle, dass er durch seine Prominenz viele Menschen erreichen kann?
Silberberger: Definitiv. Er ist durch seine Prominenz eine ziemlich wichtige Figur für die Reichsbürger-Bewegung. Durch ihn werden Menschen überhaupt erst auf die Bewegung aufmerksam. Die Reichsbürger verbreiten Aussagen wie: „Deutschland ist kein freies Land, wir sind eine GmbH, die unter der Fuchtel der Alliierten steht.“ Das hört sich im ersten Moment nicht sehr dramatisch oder gefährlich an. Aber da stehen ganz klar verfassungsfeindliche und faschistische Strukturen dahinter. Das fängt mit einfachen Sachen wie Steuerhinterziehung oder der Behauptung an, der Führerschein sei nicht gültig, und gipfelt in Aktionen wie ihrem Versuch, den Reichstag zu stürmen, oder einem eigenen Polizeihilfswerk, das sich der Polizei entgegenstellt. Solche Dinge propagiert natürlich dann auch Herr Naidoo.

WIRED: Gibt es schon Prognosen? Wer hat Chancen, zu gewinnen?
Silberberger: Xavier Naidoo natürlich — und der Kopp-Verlag. Aber ein ganz besonderer Leckerbissen ist auch die Wrage GmbH für Heilarbeit mit der Lichtenergie der Einhörner.

WIRED: Warum verleiht ihr den Award?
Silberberger: Wir wollen die Menschen durch Unterhaltung aufklären. Sie sollen bei uns lachen und Spaß haben und, wenn sie privat mit solchen Theorien konfrontiert werden, eben merken, dass sie die schon vom „Goldenen Aluhut“ kennen.

WIRED: Aber könnte man die Verschwörungstheoretiker nicht einfach ignorieren?
Silberberger: Ich weiß nicht ob das zielführend ist. Man sieht, dass sich Verschwörungstheorien immer weiter in der Gesellschaft ausbreiten. Manche, etwa die, dass die Amerikaner den 11. September selbst inszeniert haben, sind sogar gesellschaftsfähig. Desto mehr Falschinformationen im Internet frei zugänglich sind, umso mehr Menschen gibt es, die sie einfach glauben, ohne zu reflektieren.

WIRED: Wieso beschäftigt dich das so?
Silberberger: Ich selbst bin Sektenaussteigerin von den Zeugen Jehovas und meine Kollegin war früher Chemtrail-Gläubige. Wir kennen das aus unserer eigenen Perspektive. Wir wissen, wie es ist, wenn man an etwas glaubt und beschwurbelt wird.

WIRED: Wie ist es für dich als Aussteigerin, wenn du mit Menschen zu tun hast, die immer noch in ihrer Verschwörungstheorien-Welt gefangen sind?
Silberberger: Es gibt Gründe, warum Menschen so etwas glauben wollen. Sie möchten sich die Welt erklären, obwohl sie vieles nicht verstehen. Anstatt manchmal zu akzeptieren, dass die Welt scheiße ist und es Kriege und Krankheiten gibt — und es dafür keinen Grund gibt —, werden Verschwörungstheorien erfunden. Wenn Menschen sich ihres Weltbildes nicht entledigen können, weil sie Angst haben eine Ideologie loszulassen, dann gehen sie natürlich zum Angriff über. Deswegen nehme ich es in Diskussionen nicht persönlich, wenn mich jemand angreift, weil ich ganz genau weiß, in welcher Situation dieser Mensch ist. Weil ich es selbst mal war.

Wir wissen, wie es ist, wenn man an etwas glaubt und beschwurbelt wird.

WIRED: Es gibt also eine Ähnlichkeiten zwischen den Zeugen Jehovas und Verschwörungstheoretikern?
Silberberger: Es ist viel Elitedenken dabei. Das sieht man bei Verschwörungstheoretikern genau so wie bei den Zeugen Jehovas. Sie haben die Wahrheit, sie wissen Bescheid und sind erwacht. Deswegen können sie auf andere Menschen herabsehen. Und wenn man versucht, diesen Menschen die Faktenlage zu erklären, dann sagen sie: „Du willst das nicht sehen, wach erst mal auf, du Schlaf-Schaf!“

WIRED: Was heißt es für dich, Skeptikerin zu sein?
Silberberger: Ich versuche nicht, diese Menschen zu retten. Ich versuche nicht, Hardliner oder Gläubige zu überzeugen. Das ist auch so nicht möglich, denn das muss immer von der Person selbst kommen. Ich möchte diejenigen, die noch nichts mit der Szene zu tun haben, warnen. Damit sie nicht Gefahr laufen, darauf hereinzufallen. 

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