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Wie können wir Eliten wieder vertrauen?

Johnny Haeusler 02.02.2018 Lesezeit 5 Min

Warum haben die Menschen kein Vertrauen mehr in Wissenschaftler, Journalisten und Politiker? Unser Kolumnist Johnny Haeusler glaubt – sowohl die Eliten als auch die Menschen selbst sind schuld. Aber es ist noch nicht zu spät.

In einem lesenswerten Interview beim Deutschlandfunk äußert sich Martin Stratmann als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft so selbstkritisch wie pragmatisch:

„Es ist uns und anderen nicht wirklich gelungen, die Bevölkerung so für Wissenschaft zu begeistern, wie das notwendig wäre. Ich denke, wir sind immer noch zu sehr unseren eigenen Themen verhaftet, wir haben unsere eigene Sprache. Wir haben die Bevölkerung nicht so mitgenommen, wie man das machen muss. Die Kritik, die an Wissenschaft generell geäußert wird, die haben wir nicht wirklich befriedigen können. (…) Es ist, glaube ich, eine Glaubwürdigkeitskrise der gesellschaftlichen Eliten ganz allgemein.“

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es  an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Auch, wenn ich bei diesen Aussagen nicht die gesamte Bevölkerung einbeziehen würde, geben soziale Medien, Interviews und Gespräche mit Teilen der Bevölkerung Herrn Stratmann Recht. Es scheint an überdurchschnittlich vielen Stellen ein generelles Misstrauen gegenüber Eliten zu bestehen, gegenüber den Medien (besonders den öffentlich-rechtlichen), gegenüber der Politik, der Wirtschaft, durchaus hin und wieder auch gegenüber IT-Fachleuten und eben der Wissenschaft. Allgemein gesagt: Es herrscht in Teilen der Bevölkerung Misstrauen gegenüber Expert_innen.

Was fatal ist. Denn wenn ausgebildeten Fachleuten nicht wenigstens prinzipiell vertraut wird (blindes Vertrauen oder Kritiklosigkeit sollte niemand fordern), bedeutet das im Umkehrschluss, dass auf emotionaler Basis empfundenen Wahrheiten und den Meinungen von Amateuren mehr Glauben geschenkt wird als eben denjenigen, die es besser wissen sollten oder könnten. Und genau das erleben wir ja gerade auch. In Extremfällen gibt es dann halt Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass Impfungen mehr schaden als nützen, oder dass die Erde flach sei.

Selber Schuld!, könnte man raunen. Erleben wir nicht jeden Tag unsaubere Arbeit von ausgebildeten Journalist_innen, blanke Lügen von Personen der Politik, schamlose Selbstbereicherung von Managern und leere Versprechungen oder ethische Verfehlungen von Wissenschaftlern? Stellen Eliten nicht jeden Tag unter Beweis, dass man ihnen nicht vertrauen darf?

Nein. Tun sie nicht.

Stattdessen erleben wir unbeabsichtigte Fehler, Patzer und Irrtümer, sowie bewusst falsche oder gar kriminelle Handlungen von einzelnen, manchmal auch mehreren kollaborierenden Menschen aus verschiedenen Bereichen. Aber weder von ganzen Bevölkerungsgruppen noch ganzen Branchen oder Wissensbereichen. Und wir erleben eine Aufmerksamkeitsmaschinerie, die sich aus Verallgemeinerung und Empörung nährt und sich deshalb häufig der Fehler, aber selten der Korrektheiten oder Korrekturen annimmt.

Wir fordern, dass ein Manager in den Knast geht, wenn er sich strafbar gemacht hat, aber es interessiert uns nicht, wenn er das auch tatsächlich tut, weil er angeklagt und verurteilt wurde. Wir schütteln den Kopf über eine fatale Fehldiagnose durch einen Arzt, haben aber keine Ahnung, wie unfassbar viel mehr Ärzte täglich Menschenleben retten. Und die Un- oder Halbwahrheiten in Interviews mit der hochrangigen Politik sorgen dafür, dass wir die aufreibende und gute Arbeit derjenigen gering schätzen, die für medienwirksame Auftritte gar keine Zeit haben.

Bevor ich nun aber diesen Artikel mit lizenzfreien Pianoklängen unterlege und die Heiligsprechung von Helmut Kohl verlange: Natürlich tragen die oben erwähnten Eliten dennoch eine Mitschuld am aktuellen Zerfall ihrer Glaubwürdigkeit, Martin Stratmann deutet es im Zitat bereits an.

Die Überheblichkeit der eigenen Wissens- und Sprachblase, die sich viel zu selten darum schert, ob sie außerhalb ihrer eigenen Existenz überhaupt verstanden wird – oder dies sogar bewusst verhindert – ist ein Teil des Problems. Diese Arroganz und Wichtigtuerei ist ganz besonders dann fehl am Platz, wenn die Finanzmittel für die eigene Arbeit von denen kommen, die kein Wort mehr verstehen. Dabei muss es nicht gleich der allerkleinste gemeinsame Nenner sein, an dem man sich orientiert.

Martin Stratmann schlägt vier Schritte vor, um für ein besseres Ansehen der Wissenschaft in der Bevölkerung zu sorgen. Er hält insgesamt weniger Publikationen für sinnvoll, dafür aber höhere Qualität – Klasse statt Masse also; er plädiert für Transparenz und Ehrlichkeit, um leere Versprechungen und (Ent-) Täuschungen zu verhindern; er fordert die Unabhängigkeit der Wissenschaft von Politik und Wirtschaft sowie Standards für wissenschaftliche Studien, die einer kritischen Analyse zu oft nicht standhalten; und er will einen gut kommunizierten öffentlichen Diskurs.

Und damit hat Stratmann eigentlich alle wichtigen Schritte zusammengefasst, die auch für alle anderen genannten Bereiche gelten, die sich um ihr Ansehen und ihre Akzeptanz in der Bevölkerung sorgen. Eine Politik, die nachvollziehbar und ehrlich kommuniziert, kann Wählerinnen und Wähler überzeugen. Wirtschaft, die auf Klasse statt Masse setzt (auch bei Managervergütungen), wird glaubhafter. Und Medien, die ihre Arbeit transparent machen, verzeiht man Fehler schneller.

Natürlich wird damit nicht alles plötzlich super. Gerade, wenn viel Geld im Spiel ist, benehmen sich einige Menschen ekelhaft, pfeifen auf Moral und Ethik und gefährden damit auch den Ruf ganzer Bereiche und Branchen, wenn ihnen der eigene schon egal ist. Daran wird auch mehr Transparenz, Ehrlichkeit und Demut leider nicht viel ändern.

Wird aber offen und pragmatisch kommuniziert, dass es eben einige sind, und nicht alle, und dass diese für ihre Handlungen auch gerade stehen müssen und zur Verantwortung gezogen werden, dann können Verallgemeinerungen eingedämmt und Grundvertrauen wieder hergestellt werden.

Ich bin davon überzeugt, dass sich viele Menschen in Wirklichkeit nach Verlässlichkeit und durchaus auch politischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen „Leitfiguren“ sehnen (nein, nicht so!). Nach Menschen in wichtigen Positionen, denen man zutraut, dass sie ihre Macht bedacht und zum Wohl der Allgemeinheit ausüben und an ihr nicht ihrer selbst Willen kleben, nach Menschen, die Fehler zugeben und Sachverhalte unprätentiös und verständlich darstellen können. Und die so ehrlich wie echt sind.

Ein großer Teil des Misstrauens in alles und jeden bei Teilen der Bevölkerung scheint mir in bitterer, oft sehr verständlicher Enttäuschung begründet zu sein, und in dem Gefühl einer Machtlosigkeit gegenüber Ungerechtigkeiten. Doch Vertrauen lässt sich wieder aufbauen und zurückgewinnen. Mit ein paar Leuten, welche die Herausforderungen klar erkennen, sie benennen und die die Lösungen dann auch tatsächlich angehen.​