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Botschaft des 33c3: Das Technologische ist politisch

Chris Köver 29.12.2016

Was sind die linguistischen Tricks der Populisten? Und wie können wir verhindern, dass „Sicherheit das Privileg einiger Weniger“ ist? Der CCC war schon immer politisch. Dieses Jahr besonders drängend.

Politisch war der Chaos Computer Club schon immer – zumindest einzelne seiner Mitglieder. Das Künstlerduo padeluun und Rena Tangens betrieb in den 1990er Jahren eine Mailbox in seinem Bielefelder Büro, über die im jugoslawischen Bürgerkrieg Nachrichten zwischen Serbien und Kroatien hin und hergeschickt werden konnten. Der Hacker Stephan Urbach stellte 2011 eine sichere Internetverbindung für syrische Dissidenten zur Verfügung. Und gegen die Vorratsdatenspeicherung oder andere Eingriffe in die Privatsphäre sind die meisten der 5000 Mitglieder des Clubs sowieso.

So explizit politisch wie in den vergangenen zwei Jahren ging es auf dem Jahreskongress des Vereins allerdings noch nie zu. 2015 eröffnete die aus Somalia geflüchtete Fatuma Musa Afrah den Kongress, das passte zum Motto „Gated Communities“, mit dem eben ganz explizit nicht nur die digitale Abschottung gemeint war, sondern auch diejenige an den Grenzen Europas.

In diesem Jahr ist besonders der zweite Tag auffallend stark von politischen Vorträgen bestimmt – ­ und dabei geht es nicht unbedingt nur um Hackerperspektiven. Aber auch. Etwa forderte Claudio Guarnieri die Hackergemeinschaft dazu auf, sich stärker zu politisieren. „Sicherheit darf nicht länger das Privileg einiger weniger sein“, sagt Guarnieri, der für Amnesty International und das Citizen Lab in Toronto arbeitet. Sicherheit und das Recht auf Privatsphäre seien zu Voraussetzungen für Demokratie geworden. Mit Können komme daher auch Verantwortung. Gerade diejenigen, die technisch in der Lage seien, für die Sicherheit von Dissidenten und Journalisten zu sorgen, müssten das auch als ihre Aufgabe sehen.

Guarnieri forderte einen neuen „Sicherheits-Aktivismus“. Analog zu Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen müsse es in in Zukunft auch Sicherheit ohne Grenzen geben, damit Aktivisten und Journalisten in repressiven Regimen ihre Arbeit tun könnten. Das eigene Ego müsse man dafür auch mal an den Haken hängen, denn diese Arbeit sei oft gar nicht heldenhaft, sondern besonders dröge, wie Guarnieri aus eigener Erfahrung weiß.

Man kann dann auch einfach weggehen

Martin Haase

Ein Vortrag aus anderer Perspektive war der des Bamberger Linguisten Martin Haase. Der erklärte zum Beispiel, mit welchen rhetorischen Kniffen Populisten arbeiten, um Begriffe umzudeuten und Debatten zu steuern. „Demokratisch“ bedeutet dann auf einmal nicht mehr, den Schutz von Minderheiten zu gewährleisten, sondern den Willen der Mehrheit durchzusetzen. Kampfbegriffe wie „Frühsexualisierung“ oder „Genderfaschismus“, so Haase, arbeiteten mit ungerechtfertigten Unterstellungen – etwa, dass Sexualerziehung in der Schule Kinder manipuliere und politsch korrektes Sprechen und Denken die Gesellschaft terrorisiere. Die Populisten selbst nähmen für sich dagegen in Anspruch, „die Wahrheit“ zu sagen.

Dass auch die Presse diese Köder viel zu häufig schlucke, kritisiert er am Beispiel der Endung „kritisch“. Denn wenn von „islamkritischen“ oder „schwulenkritischen“ Äußerungen die Rede sei, werde in der Regel nichts kritisiert. Man sei einfach dagegen. „Dann sollte man es auch als das benennen, was es ist“, rät Haase. Diskussionen mit Menschen, die sich in ihrer eigenen etymologischen Filterblase befinden, sagt Haase, seien im Grunde zwecklos, es fehle einfach an der gemeinsamen Sprache, um sich sinnvoll zu verständigen. „Man kann dann auch einfach weggehen.“

Wer meint, die Kongressbesucher, darunter viele IT-Experten und Softwareentwickler, interessierten sich nicht für solche Themen: Beide Vorträge fanden im voll besetzten Saal 1 eins statt, der 3000 Sitzplätze bietet und bis in die obersten Ränge belegt war. Später am Abend wurden hier noch die NSU-Monologe gezeigt, ein dokumentarisches Theaterstück, das auf Interviews mit den Familien der Mordopfer des nationalsozialistischen Untergrunds basiert. Die Vorführung passte bestens ins Programm.

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