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Urbaner Soundtrack von Chatty Maps: So klingen Metropolen

Cindy Michel 29.03.2016

Großstädte rauschen: Motorengeräusche, Gehupe, Stimmgewirr, Bahnquietschen. Kein Wohlklang. Doch es gibt auch im urbanen Kessel Idylle für die Ohren: Das Forschungsprojekt Chatty Maps entwickelte interaktive Karten von zwölf Städten, die zeigen, wie einzelne Straßen klingen, samt Ruheorten und Krach-Locations.

„Urbaner Sound hat einen mächtigen Einfluss darauf, wie wir Städte wahrnehmen“, erklären die Forscher des Projekts Chatty Maps. „Bisher haben sich Städteplaner hauptsächlich mit der negativen Seite von urbanen Geräuschen beschäftigt, die angenehmen Klänge weitgehend ignoriert. Obwohl sie sich positiv auf die Gesundheit von Städtern auswirken können.“ Dieser Gedanke sowie die Studie „The World Soundscape Project“ aus den 1970er Jahren seien ausschlaggebend für die Wissenschaftler Daniele Quercia, Luca Maria Aiello, Rossano Schifanella und Francesco Aletta gewesen, um Chatty Maps zu starten.

Bei diesen Landkarten, die die Sounds einer Stadt zeigen, handelt es sich um ein Spin-Off-Projekt von Happy Maps. Denn schon im vergangenen Jahr entwickelte das Forscherteam ein Mapping-Tool namens Happy Maps, mit dem der User nicht nur den kürzesten Weg von A nach B findet, sondern auch den visuell angenehmsten. Routenvorschläge durch malerische Gegenden seien zwar bei Probanden und Teilnehmern der Studie gut angekommen, doch hätten diese immer wieder angeregt, die Karten um weitere Sinneseindrücke zu erweitern.

Das taten die Wissenschaftler, sammelten olfaktorische Daten von Online-Plattformen wie Freesound oder Flickr und kreierten Smelly Maps – ein Tool, das definiert, wo die einzelnen Städte am meisten stinken, wo sie nach Blumen duften und wo nach Essen riechen. Nachdem die Forscher die Augen und den Geruchssinn in ihren Karten bedient haben, folgt jetzt das Ohr mit Chatty Maps.

Auf der Queensboro Bridge überwiegt der typische Sound der Stadt: 73,2 Prozent Verkehrsgeräusche.

Und so wurde Happy Maps Schritt für Schritt zu Chatty Maps:
Zuerst sammelten die Wissenschaftler Wörter, die mit Geruch assoziiert werden in Freesounds, dem größten öffentlichen Online-Archiv für Audio-Samples. Anschließend analysierten sie Bilder mit Georeferenzen, die mit diese Wörtern getagged wurden. Um eine einheitliche Art der Kategorisierung zu finden, eruierten die Forscher anhand von Flickr-Daten, wie oft Wörter gemeinsam gepostet werden, denn die Hypothese lautete: Wenn zwei Wörter häufig zusammen auftreten, gehören sie zur gleichen Kategorie. Ein Algorithmus suchte die Cluster von Wörtern, die oft in Kombination vorkommen.

So produzierten die Wissenschaftler das erste „Urban Sound Dictionary“ und legten darin sechs Hauptkategorien fest, auf denen auch Chatty Maps basiert: Verkehr (Motorrad, Flugzeug, Lokomotive, Motor ... ), Natur und Tier (Zwitschern, Grunzen, Bellen, Regen ... ), Menschen (Schritte, Gespräch, Gelächter, Husten ...), Musik (Gitarre, Flöte, Cello ...), Mechanisches (Presslufthammer, Kompressor ... ) und Innenräume (Dusche, Spülung ...). Während ihrer Recherche der Bilder-Tags stellten die Wissenschaftler außerdem fest, dass jede dieser Kategorien auch mit verschiedenen Emotionen assoziiert werden. So werden menschliche Geräusche auf Social-Media-Foren mit Freude oder Überraschung getagged, Musik mit Freude oder Trauer, Verkehr sowie mechanische Klänge mit Wut oder Angst und häusliche Geräusche mit Vertrauen.

In der Nähe des Kolosseums in Rom scheint die Stimmung ziemlich gut zu sein. Hier überwiegen menschliche Geräusche, die mit der Emotion Freude assoziiert werden.

Einer statistischen Analyse zufolge, könne man die Reaktionen von Menschen auf urbane Geräusche in vier Sparten unterteilen: Chaos, Ruhe, monoton und lebhaft. So fanden die Forscher heraus, dass Parks als Orte der Ruhe beschrieben werden, während Strände als monoton empfunden werden. Dies sei zwar wenig überraschend, so die Forscher, aber wichtig für Städteplaner, die anhand von Chatty Maps Lösungen für ökologisch ausbalancierte Soundscapes erarbeiten sollen. 

Für insgesamt ein Dutzend Städte weltweit extrahierten die Wissenschaftler dann textliche Social-Media-Daten basierend auf Geo-Verweisen (wie etwa Tags von Bildern auf Flickr mit Geo-Referenzen) und wiesen diese den jeweiligen Straßensegmenten zu – so erstellten sie geografische Sound-Profile der Metropolen. Urbane Abenteurer können mit Chatty Maps bislang die auditive Landschaft von diesen zwölf Städten entdecken: London, Barcelona, Madrid, New York, Boston, Chicago, Washington, Miami, San Francisco, Seattle, Mailand und Rom. 

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