/Life

Gewalt gegen Nazis: Muss sich Wolfenstein rechtfertigen?

Daniel Ziegener 01.11.2017

Wenn in Videospielen Nazis vorkommen, sind sie die Bösen. Klar. Aber „Wolfenstein: The New Colossus” ist das erste Spiel, das sich dafür rechtfertigen muss – und das sagt viel über das politische Klima im Jahr 2017 aus.

Der Strahl des Lasergewehrs brennt sich durch die anstürmenden Horden deutscher Soldaten und lässt sie in Flammen aufgehen. Ein kurzer Schrei, dann ist nur noch Asche übrig. Als der Akku der Waffe leer ist, trennt ein Beil dem letzten Überlebenden beide Arme ab und macht ihn kampfunfähig. Solche brutalen Szenen sind in Videospielen nichts Ungewöhnliches. Auch nicht, dass Nazis die Bösen sind. Sie sind ein Feind, der kaum eine Kontroverse auslösen sollte. Oder doch? Denn schon vor seiner Veröffentlichung warf der Egoshooter Wolfenstein II: The New Colossus die Frage auf, ob glorifizierte Gewalt gegen Nazis in Ordnung ist.

Wolfenstein ist ein Franchise, fast so alt wie Videospiele selbst. Schon in den 80ern erschien Castle Wolfenstein; in dem Schleichspiel flüchtet ein Kriegsgefangener aus einer Festung voller Nazis. In Deutschland wurde das Spiel wegen der pixeligen Hakenkreuze auf den feindlichen Uniformen indiziert. Eine Tradition, die sich bis heute gehalten hat, mehr als dreißig Jahre später. Die Swastika ist nach wie vor Symbol einer verfassungsfeindlichen Organisation. Wenn auch diese Organisation zumindest digital nun schon zum zehnten Mal in ihre Einzelteile zerlegt wird.

Mit seinem Urvater hat das neue Spiel der Serie nur wenig zu tun. The New Colossus steht in Tradition von Wolfenstein 3D, mit dem Anfang der 90er die Hochphase des First-Person-Shooters begann. In diesem Spiel wurde sein Protagonist geboren, der Nazischreck – oder besser gesagt Schlächter – B. J. Blazkowicz. Ein bulliger, blonder und blauäugiger Typ, der dem rassischen Idealbild eines Ariers entspricht, sich diesem aber mit polnischen Nachnamen, jüdischer Abstammung und ungezügelter Gewalt entgegenstellt.

Die Nazis waren damals vor allem ein Gegner, der die ungewohnt realistische Gewalt einfacher verdaubar machen sollte. Wer kann schließlich schon was dagegen haben, Hitler abzuknallen, vom Amtsgericht München mal abgesehen? Das ließ wegen der verfassungsfeindlichen Symbolik hierzulande erneut den Verkauf verbieten. The New Colossus wurde zwar nicht verboten, aber das Dritte Reich mussten die Entwickler dann doch durch ein generisches „Regime” und die Hakenkreuze mit einem Dreieck ersetzen. Hitler heißt in Deutschland jetzt Heiler – und hat keinen Schnurrbart.

If you are a Nazi, GTFO!

In der German Edition kämpft man eben nur nicht gegen Hitler und die Nazis, sondern gegen „das Regime”. Man kann nun darüber streiten, ob das Verbot der Symbolik zeitgemäß ist. Aber die Zensur fügt Wolfenstein unbeabsichtigt eine weitere erzählerische Ebene hinzu. Denn ob es nun das Dritte Reich oder das irgendein anderes faschistisches Regime ist, die menschenfeindliche Ideologie und ihre verführerischen Mechanismen dahinter bleiben dieselben. Die Namen sind austauschbar – ob NSDAP oder NPD, Neo-Nazi, Alt-Right oder Identitäre: die Kunst der Selbstvermarktung beherrschten die Rechten schon immer.

Als das schwedische Studio Machinegames nach diversen Reboots und Remakes 2014 die Regie übernahm, trafen sie mit Wolfenstein: The New Order unerwartet den Nerv der Zeit. Wie der Golem erwachte Blazkowicz darin aus seinem nach einer Kriegsverletzung erlittenen Koma, als die Nazis erneut angreifen. Was folgte war ein für das brutale Genre ungewohnt aufrichtiges Statement für mehr Menschlichkeit… und gegen die Ideologie der Nazis, natürlich.

Was damals eine nette, antifaschistische Fantasie war, wirkt gerade mal drei Jahre später wie eine böse Vorahnung. So wie Blazkowicz, der in einer von Nazis beherrschten Nachkriegswelt erwacht, würde sich wohl auch heute jemand fühlen, der die letzten Monate verschlafen hat. In Deutschland stellen erstmals seit Kriegsende Rechtsextreme eine Fraktion im Bundestag, während in der ehemaligen Siegermacht USA autoritäre Politiker gewählt wurden, die von Grenzmauern fantasieren. In den Straßen marschieren offen hitlergrüßende Klansmänner mit Fackeln, wie einst bei den Pogromen. Die Realität hat die Fiktion eingeholt.

Das konnte Machinegames kaum absehen, als die Entwicklung von The New Colossus begann und den Kampf gegen das Regime aus Europa in die besetzten USA verlegten. KKK und Nazis marschieren in dieser alternativen Zeitlinie Hand in Hand durch die Straßen, vorbei an American Diners, die Sauerkrautburger und Erdbeermilch servieren. New Orleans ist in dieser Welt ein eingemauertes Ghetto und den Monument Lake säumen germanische Betonbauten. Das neue Wolfenstein ist eine wilde Mischung aus Parodie und Rachefantasie, irgendwo zwischen Iron Sky und Inglorious Basterds. Und doch gibt es viele unwirkliche Parallelen zur aktuellen politischen Lage in den USA.

Für die Marketingabteilung ist das natürlich, so zynisch das klingen mag, ein Glücksfall. Mit Hashtags wie #MakeAmericaNaziFreeAgain und #NoMoreNazis schlug sich Wolfenstein im Vorfeld unmissverständlich auf Seite der realen Resistance-Bewegung gegen Donald Trump, Alt-Right und KKK. Man kann dieser Marketingkampagne von Publisher Bethesda – die mit DOOM und Skyrim sonst eher unpolitische Machtfantasien vertreiben – durchaus einen gewissen Opportunismus unterstellen. Und doch ist es ein nie dagewesenes Statement, dass sich ein Mainstream-Unterhaltungsprodukt derart unmissverständlich positioniert.

Sie tun das auch gegen einen Teil ihrer potenziellen Kundschaft. Ein Werbeclip erinnert nicht zufällig an ein virales Video, in dem Alt-Right-Vorzeigefigur Richard Spencer am Rande einer Demonstration einen Faustschlag einsteckt. „If you are a Nazi, GTFO!” Gemeint sind natürlich nicht Wehrmachtssoldaten, sondern die online erstarkte Neo-Nazi-Bewegung. Die wiederum überschneidet sich auch mit der Verschwörungstheorie GamerGate und bringt den Diskurs direkt in eine Community, die sich sonst mit Händen und Füßen gegen Politik in Games wehrt. Wolfenstein ist so wenig subtil, dass ein defensives „keep your politics out of our games” einfach nicht mehr funktioniert. Ausgerechnet Bethesdas Marketing-Direktor Pete Hines fasst das kompromisslos zusammen: „Wenn du kein Nazi bist, gibt es keinen Grund, nicht gegen Nazis zu sein.”

Ist Gewalt gegen Nazis legitim?

Einige Gamer reagieren darauf auffällig dünnhäutig. Immer sind die Deutschen die Bösen, jammern manche in Kommentaren auf Facebook. Auf Reddit empören sich andere, dass Wolfenstein rassistisch gegenüber Weißen sei. Die unmissverständliche Positionierung des Spiels passt wunderbar zu der Opferrolle, die Rechte gerne spielen. Abgeordnete der AfD werden nicht in Bundestagsämter gewählt, politische Gegner vermeintlich als Nazi diffamiert und jetzt ist auch noch ein einem Videospiel gegen sie. Das Video von Spencer warf allerdings eine Frage auf, die auch viele liberal eingestellte Menschen nicht klar beantworten konnten: Ist Gewalt gegen Nazis legitim?

The New Colossus hat eine kompromisslose Antwort auf diese Frage. Denn trotz all der Waffen und ihren Kombinationsmöglichkeiten – B.J. kann zwei verschiedene Knarren gleichzeitig benutzen – den Upgrade-Systemen und individuellen Anpassungsmöglichkeiten, ist der neue Star im Sortiment ein schlichtes Beil. Es ersetzt das Messer des Vorgängers, das dort für das leise Ausschalten von Gegnern zuständig war. Blazkowicz trennt im Nahkampf Gliedmaßen ab und spaltet Köpfe. Das erinnert an das genre-verwandte DOOM, wo man Dämonen vom Mars abschlachtet. Hier sind es scheinbar reale Dämonen von der Erde.

Aber Wolfenstein hat mehr über Nazis zu sagen, als „get the fuck out”. The New Colossus nimmt sich viel Zeit, ihnen über das gesichtslose Kanonenfutter hinaus Tiefe zu geben. Im ganzen Spiel sind Briefe und Postkarte verteilt, die vom Alltag der weißen Mehrheitsgesellschaft in einer von Nazis beherrschten Welt berichten. Zeitungsartikel, die reale Verharmlosungen von Hitler aus den 30er-Jahren spiegeln oder Anspielungen auf die Art, wie schick angezogene Faschisten heute in den Medien hofiert werden. Immer wieder gibt es am Rande kleine Geschichten von deutschen Karrieristen, die skrupellose mit dem Regime kooperierten oder amerikanische Rassisten, die ihre deutschen Besatzer mit offenen Armen empfingen.

Das zugrunde liegende Übel dieser Dystopie ist eine schweigende Mehrheit, die bereit war, sich mit Rassismus, Homophobie und Antisemitismus zu arrangieren statt ihm zu widersprechen und den gewaltsamen Widerstand damit erst alternativlos gemacht hat. Wolfenstein fordert Spieler heraus, die beim „Stirb, weißes Faschistenschwein” des heldenhaften Protagonisten zwar zustimmend nicken, aber in der echten Welt weniger politisch engagiert sind.

Sicher, am Ende ist Wolfenstein II ein großer, trashiger Spaß; ein Shooter, in dem man auf die Venus fliegt, in jeder Hand eine Schrotflinte, und Jagd auf Nazis macht. Aber dahinter steht das Bewusstsein, dass ein totalitäres Gedankengut nicht aus dem Nichts entsteht, sondern noch immer auf fruchtbaren Boden fällt. Das ist auch nach 30 Jahren, in denen Nazis immer wieder die Bösen in Videospielen waren, alles andere als selbstverständlich.

„Das waren Monster” kommentiert Blazkowicz eine Geschichte der schwarzen Widerstandskämpferin Grace. „Nicht Monster, Menschen” kontert sie nüchtern. Wolfenstein II: The New Colossus ist kein DOOM, kein Skyrim. Es ist kein Spiel über Dämonen, Drachen oder andere Monster, die unserer Fantasie entsprungen sind, sondern eins über die Monster, die in der gesellschaftlichen Mitte entstehen. Das neue Wolfenstein hat Nazis nicht als Feinde gewählt, weil es einfach ist, sondern eher aus dem Gegenteil: Es hat wirklich etwas über Nazis zu sagen – egal wie sie gerade heißen.