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Wenn der Online-Follower plötzlich real wird – ein Kunstexperiment von Lauren McCarthy

Cindy Michel 17.02.2016

Eine Anmeldung online genügt und schon steht man real unter Beschattung: Was im ersten Moment wie das Exposé eines Thrillers klingen mag, ist ein Experiment der New Yorker  Künstlerin Lauren McCarthy. Im Interview erläutert sie, warum sie sich sicher ist, mit ihrer Performance keine Stalker in New York City heranzuzüchten und den Versuch der Frage auf den Grund zu gehen:  „Was bedeutet es, in der heutigen Zeit Mensch zu sein?“

Die eigene Relevanz oder auch die der anderen wird in Zeiten von Social Media oftmals anhand der Anzahl der Online-Follower bewertet. Die Selbstbestätigung wächst mit den Likes oder Reposts der eigenen Kommentare. In diesem Social-Media-Phänomen glaubt die 28-jährige Künstlerin Lauren McCarthy eine Sucht zu erkennen  nach ständiger Überwachung. 

Wie würde die Gesellschaft reagieren, wären das alles Follower im echten Leben? Könnten sie vielleicht das durchaus menschliche Verlangen nach Aufmerksamkeit befriedigen? Würden sie die verstörenden Methoden der Online-Überwachung, wie sie von Regierungen eingesetzt werden, bloßstellen, einfach dadurch, dass sie immer präsent sind? All diese Fragen und das Verlangen nach Antworten, veranlassten McCarthy dazu, die Follower-App zu entwicklen. 

So sieht die App aus.

WIRED: Die Follower-App ist eher speziell. Was für eine Art von Feedback bekommst Du?
Lauren McCarthy: Menschen sind sehr verschieden. Manche wollen gleich ein Follower werden. Andere fragen, wo sie sich einschreiben müssen, um verfolgt zu werden. Und ganz andere wollen absolut nichts damit zu tun haben.

Ich, die Künsterlin, bin der einzige Follower.

Lauren McCarthy

WIRED: Du hast mal gesagt, dass du mit deiner App auf Online-Überwachungssysteme aufmerksam machen möchtedt. Als ich aber das erste Mal über die Follower-App las, hatte ich sofort Bilder von gruseligen Stalkern vor Augen, aber nicht im Geringsten dachte ich an virtuelle Kontrollorgane.
McCarthy: Das höre ich öfter. Aber der Unterschied ist der: Stalking ist unerwünscht. Mein Following funktioniert im Gegensatz dazu nur im gegenseitigen Einvernehmen. Wer nicht mehr will, löscht die App und das Experiment ist vorbei. Dein erster Eindruck ist schon Teil des Experiments. Denn ich werfe ja die Frage auf: Warum haben wir kein Problem damit, jemanden zu googlen oder online zu folgen, während wir es im echten Leben seltsam finden? Selbst dann, wenn die Personen eingewilligt haben. Das ergibt doch keinen Sinn. 

Follower is watching you.

Manchmal ist der Follower ganz nah...

... und noch näher.

WIRED: Naja, das könnte daran liegen, dass ein realer Stalker viel näher scheint als ein virtueller. So nah, dass er eine körperliche Gefahr darstellen könnte. Hast du keine Angst davor, dass ein registrierter Follower die App missbrauchen könnte und zum echten Stalker mit kriminellen Absichten wird? 
McCarthy: Nein.

WIRED: Nein? Aber du präsentierst jedem Follower ein potenzielles Opfer. Aufgrund der GPS-Daten, die die App mitliefert, weiß der Follower stets wo sich die Person aufhält. Wie kannst du so sicher sein, dass ein Follower nicht doch plötzlich zum aggressiven Stalker wird?
McCarthy: Da bin ich mir überhaupt nicht sicher. Ich kann mir schon vorstellen, dass das passieren könnte. Aber es wird nicht passieren. Denn es gibt keine registrierten Follower. Ich, die Künstlerin, bin der einzige Follower.  

Ein bisschen wie in einem Agententhriller: GPS-Koordinaten und eine Straßenkarte zeigen dem Follower zu jeder Zeit, wo sich sein Zielobjekt aufhält. 

WIRED: Es gibt gar keine echten Follower?
McCarthy: Doch, mich. Die Leute sollen aber ruhig denken, dass ihnen entweder Fremde folgen oder sie die Chance bekommen könnten, Unbekannte zu beschatten. Nur so funktioniert die Reflexion über das Thema. Potenzielle Follower sollen sich bei mir anmelden. Das tun sie auch, aber ich werde niemals einen auswählen.  

Sie weiß vielleicht, was du letzten Sommer getan hast: Künstlerin, Entwicklerin und vor allem Followerin Lauren McCarthy.

WIRED: Die Grenzen zwischen Kunst- und Sozialexperiment verschwimmen bei der Follower-App. Wie näherst du dich als Künstlerin einem solchen Projekt?
McCarthy: In meinen Arbeiten versuche ich die Grenzen von allem, was Kunst sein könnte, zu sprengen. Die Welt verändert sich so schnell, all die neuen technologischen Entwicklungen spielen mir zu – durch sie wird es interessanter. Denn der Raum in dem Interventionen stattfinden könnten, wächst von Tag zu Tag. Er wird verstörender und rauschender. All diese Möglichkeiten möchte ich als Künstlerin in Bezug auf den Menschen erforschen. Ich möchte eruieren, was es bedeutet, in der heutigen Zeit Mensch zu sein. 

Ich liebe diese Momente, wenn ich neben einer Zielperson im Restaurant sitze und unerkannt  die gleiche Suppe wie sie löffle.

Lauren McCarthy

WIRED: Du bist Followerin. Was ist das für ein Gefühl, wenn du den ganzen Tag einen Menschen verfolgst? 
McCarthy: Es ist unglaublich aufregend und fast schon surreal, wenn man die Person das erste Mal sieht. Anfangs geht es darum, die richtige Distanz zu finden und zu wahren, sodass das Objekt mich am Abend erkennen könnte, aber während des Tages niemals sicher sein kann, wer ihr Follower ist. Ich liebe diese Momente, wenn ich im Restaurant am Nebentisch einer Zielperson sitze, die gleiche Suppe löffle wie sie, und mich frage, ob sie sich vielleicht gerade wundert, ob ich ihr Follower bin. 

Du bist nie allein, wenn du einen Follower hast. 

Kann ein Follower das menschliche Bedürfnis nach Ansehen und Aufmerksamkeit stillen? 

WIRED: Als Follower hast du wahrscheinlich einen ziemlich abwechslungsreichen Arbeitstag.
McCarthy: Manchen Menschen folge ich auf langen Spaziergängen oder darf sie bei ihren Abenteuern beschatten. Andere verlassen ihre Wohnung am frühen Morgen, um direkt zur Arbeit zu gehen. Dort bleiben sie dann den ganzen Tag, während ich auf einer Bank vor dem Gebäude sitze, an sie denke und beobachte wie ihr GPS-Alter-Ego auf meinem Handydisplay von Raum zu Raum wandert. 

Auch bei langen Spaziergängen ist der Follower dabei. Ob die Hunde ihren Verfolger riechen können?  

WIRED: Du folgst Menschen online wie offline. Ändern sich die Stalking-Gewohnheiten?
McCarthy: Vergangenen Sommer arbeitete ich an meinem Projekt Friend Crawl. Dafür habe ich eine Woche lang zehn Stunden pro Tag 1000 verschiedene Social-Media-Profile für jeweils fünf Minuten angeschaut habe. Es war unglaublich, wie sehr sich diese Menschen nach kurzer Zeit in meinen Augen vermischt haben und sich anfingen zu ähneln. Im Gegensatz dazu, wenn ich jemanden real verfolge, ist alles an ihm wichtig: jede kleine Geste, jede noch so beiläufige Bewegung. Ich google nicht alles, was jemals über sie online veröffentlicht wurde. Ich beobachte sie lieber, ihre echten Körper im realen Raum.  

Das Follower-Experiment dauert von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Am Ende des Tages bekommt die Person, die den ganzen Tag beschattet wurde, ein Bild von sich, das ihr Follower gemacht hat.   So endet das Experiment.

WIRED: Lass uns über Online-Überwachung sprechen und das durchaus menschliche Verlangen nach Aufmerksamkeit, die sich online in einer Gier nach Likes und Followern offenbart.
McCarthy: Wir leben in dieser seltsamen Zeit, in der auf der einen Seite Überwachungsmechanismen unser ganzes Leben online wie offline durchdringen. Auf der anderen Seite haben wir dieses extreme Geltungsbedürfnis – je mehr Online-Follower desto besser. Es gibt sogar Webseiten auf denen man sich Follower kaufen kann, 1000 gibt es für 10 Dollar. Wir sehnen uns nach Aufmerksamkeit und Ansehen. Was wäre, wenn es Follower im echten Leben gäbe? Würden sie unser Verlangen nach Ansehen und Aufmerksamkeit befriedigen können?  Wie verhalten wir uns, wenn wir wissen, dass uns jemand beobachtet?

WIRED: Wie bist du darauf gekommen, dein Projekt als App zu verpacken? McCarthy: Apps gehören zu unserer Gesellschaft. Manchmal kommt es mir sogar so vor, als würden wir jede App ausprobieren, die uns nur ansatzweise etwas Neues, Bequemes oder Nützliches verspricht. Ein Interface zwischen Menschen zu schalten ist riskant – es schwächt die Verbindung, die man zu der Person auf der anderen Seite hat. Ich fand ich die Art wie Uber oder TaskRabbit funktionieren schon immer spannend: Man drückt einen Knopf und beobachtet auf dem Handy-Display wie sich die Person nähert, die man gerufen hat. Dieses System wollte ich für mein Projekt irgendwie invertieren. Die Leute, die bei der Follower-App verfolgt werden, sehen mich nicht. Anstatt eines Datenpunktes auf einer GPS-Karte, gebe ich ihnen einen Gedanken: Irgendwo da draußen ist eine Person, die dich ganz genau beobachtet.  

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