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#Rio2016-Verbot: Wie bekloppt kann's noch werden?

Johnny Haeusler 02.08.2016

Unser Kolumnist hat einen Traum: Jeder einzelne Tweet, egal zu welchem Thema, soll das Hashtag #Rio2016 bekommen. Unrealistisch, das weiß er auch. Aber irgendwas muss man doch tun gegen den Versuch des Deutschen Olympischen Sportbunds, Sprache im öffentlichen Raum zu kontrollieren.

Es gibt so viele Momente, in denen ich mich frage, wer mir eigentlich noch alles Verhaltensvorschriften machen will (und offenbar sogar darf). Weshalb ich mich mit aller Kraft bemühe, die größten Absurditäten weitestgehend zu ignorieren.

Würde ich nämlich jenseits der Einhaltung von mir bekannten Gesetzen und relativ logischen Regeln auf jede neue Vorschrift achten, die sich die Anwaltskanzleien irgendwelcher Unternehmen und Organisationen ausgedacht haben, müsste ich wohl komplett aufhören, das Netz zu nutzen. Zu viele ungelesene AGB habe ich virtuell unterschrieben, zu wenig Ahnung habe ich vom Urheberrecht (und definitiv kein Interesse daran, mich tiefer einzulesen).

Und wenn es dann zum Markenrecht mit seinen schier undurchdringlichen Feinheiten kommt, ist sowieso alles zu spät. Wie man am jüngsten Beispiel der „Regel 40“ aus dem Leitfaden der Deutschen Olympiamannschaft für die Olympischen Spiele 2016 in Rio sieht. Herausgegeben wird dieser vom DOSB, dem Deutschen Olympischen Sportbund.

Regel 40 möchte in erster Linie den „nicht-olympischen Sponsoren“ – also allen Unternehmen, die nicht zu den offiziellen, zahlenden Sponsoren der Olympischen Spiele gehören – vorschreiben, welche Begriffe sie in den sozialen Netzwerken benutzen dürfen, wenn es um Olypia geht. „Rio de Janeiro“, „Medaille“, „Deutsche Olympiamannschaft“ gehören ebenso zu den verbotenen Wörtern wie das Hashtag #Rio2016.

Wenn versucht wird, Einfluss auf die Sprache im öffentlichen Raum zu nehmen, wünsche ich mir jede Menge zivilen Ungehorsam

Darüber hinaus sollen Nicht-Sponsoren auch die Inhalte Dritter nicht teilen dürfen (!), die die gelisteten Begriffe mit Erlaubnis des DOSB verwendet haben. Soll heißen: Der Retweet eines offiziellen Sponsors durch ein drittes Unternehmen ohne Sponsorenvertrag wäre nach Willen des Sportbunds untersagt. Und da darf man sich dann schon mal fragen: Wie bekloppt kann diese Welt eigentlich noch werden?

Natürlich, so beteuert eine DOSB-Sprecherin, gehe es dem Sportbund in erster Linie um werbliche Trittbrettfahrer, um sogenanntes Ambush-Marketing. Und man plane selbstverständlich, jeden Fall einzeln zu prüfen. Spätestens ab hier setzt dann aber mein WTF-Filter ein und ich beginne zu träumen. Von ein paar Wochen im deutschsprachigen Twitterversum, in denen jeder einzelne Tweet, ob werblich oder nicht, mit dem Hashtag #Rio2016 versehen wird. Was natürlich ein ebenso unrealistischer Wunsch ist wie die Vorstellung, dass überhaupt nicht über die Olympischen Spiele getwittert wird.

Eine groß angelegte Reaktion auf diesen Unsinn wird es also wohl leider nicht geben. Doch es bleibt die Frage: Wieso macht das DOSB sein eigenes Problem zu dem Dritter? Wenn der Sportbund seinen Sponsoren etwas verkauft hat, was er nicht verkaufen kann – Hashtag-Exklusivität nämlich –, dann würde ich sagen: Pech gehabt.

Ich verstehe, dass eine Organisation ihren zahlenden Sponsoren einen gewissen Marketing-Vorteil bieten möchte, schließlich müssen Sponsoren ja etwas bekommen für ihr Geld. Weshalb sich eben nur diese „offiziellen Sponsoren“ so nennen dürfen und sich an bestimmten, in diesem Fall vom DOSB verwalteten Stellen präsentieren dürfen. Dass sich ein Nicht-Sponsor das nicht kann – auch dafür habe ich Verständnis.

Dieses Verständnis hört aber auf, wenn Organisationen ihren Sponsoren auch für Orte Garantien verkaufen wollen, die gänzlich außerhalb ihrer Wirkungsbereiche und Zuständigkeiten liegen. Wenn versucht wird, Einfluss auf die Nutzung von Sprache im öffentlichen Raum zu nehmen, dann wünsche ich mir jede Menge zivilen Ungehorsam. Und baue auf den Streisand-Effekt.

JOHNNY HAEUSLER ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. In seiner WIRED-Kolumne geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten – oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen. Letztes Mal: Müssen „Killerspiele“ verboten werden?

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