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Das größte Hörspiel aller Zeiten ist endlich fertig

WIRED Editorial 09.03.2017

Der Westdeutsche Rundfunk vertont ein Meisterwerk von 1500 Seiten mit Hilfe der Internet-Crowd. Das irrwitzige Projekt Unendliches Spiel zu David Foster Wallace Buch Unendlicher Spaß ist nun fertig – und ein voller Erfolg.

Der Roman Unendlicher Spaß von David Foster Wallace ist genial, jede Zeile ein Konzert aus Bedeutung und Ästhetik. Der unendliche Spaß ist aber auch ganz schön anstrengend. Viele kommen kaum über das erste Drittel des Buchs hinaus – so ist das eben manchmal mit Meisterwerken. Der WDR wollte das nicht so stehen lassen, und hat die 1500 Seiten im Projekt Unendliches Spiel vertont. Aber eben so, dass dennoch alle lesen mussten.

Die Hörspielproduzenten und Autoren Andreas Ammer und Andreas Gerth riefen die Internet-Crowd dazu auf, einander vorzulesen. Jeder einen kleinen Teil des Romans. Und so veröffentlicht der Westdeutsche Rundfunk jetzt ein außergewöhnliches Audiobuch zum Download – das „Größte Hörspiel aller Zeiten“, wie die Macher sagen.

79 Tage lang konnte jeder seinen Beitrag leisten und Audiodateien mit eingelesenen Parts hochladen. Außer der Tonqualität der Aufnahmen habe es keine Schranken gegeben, schreiben die Macher. Nach 11 Monaten ist nun der Schnitt beendet. „Wir sind einerseits fast etwas gerührt und haben andererseits knallhart nachgerechnet: das ‚GröHaZ‘ dauert exakt 3 Tage, 6 Stunden, 48 Minuten, 45 Sekunden“, so Ammer und Gerth. Gelesen hätten insgesamt 1400 User. Ende des Jahres soll das Unendliches Spiel als Hörbuch auf neun mp3-DVDs erscheinen.

Wie viel Aufwand hinter dem Hörspiel steckt, zeigt der Vergleich mit der Übersetzung von Infinite Jest ins Deutsche

Wie viel Aufwand hinter dem Hörspiel steckt, zeigt der Vergleich mit der Übersetzung von Infinite Jest ins Deutsche. Der Übersetzer Ulrich Blumenbach verbrachte sechs Jahre seines Lebens damit. 44.000 Euro bekam er dafür vom Verlag Kiepenheuer & Witsch: viel für eine Übersetzung, nicht genug, um davon sechs Jahre lang zu leben. Abends musste er nebenher Börsennachrichten übersetzen, um sich zu finanzieren. Hätte der WDR versucht, auf diese Weise ein Hörspiel zu produzieren, er wäre allein an den Kosten gescheitert. Die Crowd aber machte es möglich.

Die Aufnahme der Laien-Leser mussten die Macher nur noch kuratieren und herausgekommen ist ein Hörbuch, das (so zeigen unsere Stichproben) wirklich gut klingt – auch wenn es so viele unterschiedliche Erzählerinnen und Erzähler hat. Das erste Kapitel wurde noch von Schauspielern eingesprochen, die verbleibenden 1404 Seiten wechseln munter durch. Jeder konnte sich eine Seite reservieren und sie dann binnen einer Stunde einsprechen und hochladen – entweder mit dem eigenen Telefon oder direkt über die Webseite und das eingebaute Mikro des eigenen Computers.

Auch die Komposition des Sountracks haben die beiden Musiker Andreas Gerth und Acid Pauli (Martin Gretschmann) ausgelagert, allerdings nicht an die Crowd, sondern an eine Maschine. Ihre „Goldene Maschine“ ist ein analoger Synthesizer, der „mit Spannungsschwankungen eine Musik erzeugt, die sich theoretisch nie wiederholt“, wie auf der Website steht. Ein ganzes Jahr lang ist diese Maschine gelaufen, 24 Stunden am Tag. Am Ende haben die Macher die Musik unter die Sprechpassagen gelegt: jede Tonaufzeichnung bekam so den Soundtrack, den die Maschine genau im Moment der Aufzeichnung spielte.

WIRED schrieb schon zum Auftakt des Projekts, das Unendliche Spiel könne womöglich zur erfolgreichsten öffentlich-rechtliche Produktion aller Zeiten werden. „In jedem Fall ist sie aber ein postmodernes Experiment, das David Foster Wallace alle Ehre erweist.“ Zu dieser Meinung stehen wir jetzt noch mehr als vorher.

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