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Das erste KI-Musikalbum, das überzeugt

Sarah Heuberger 05.02.2018 Lesezeit 4 Min

Blechern, seelenlos – wir haben schon viel schlechte KI-Musik gehört. Doch das Album „Hello World“ klingt eigentlich ganz gut. Vielleicht, weil die Künstler Künstliche Intelligenz einfach als Werkzeug nutzen, um gute Songs zu schreiben.

„Hello World“ sind oft die ersten Worte, die ein Programmierer in einer neuen Sprache schreibt. „Hello World“ ist auch der Name eines Musikalbums – des ersten Mainstream-Popalbums, das mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) geschrieben wurde. Der Franzose Benoit Carré hat das Album unter dem Künstlernamen SKYGGE produziert, zusammen mit der KI Flow Machines.

Entwickelt wurde Flow Machines im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts unter der Leitung von François Pachet. Pachet ist selbst Hobbymusiker und großer Beatles-Fan. Der erste KI-Song von Flow Machines „Daddy’s Car“ war deshalb von den Beatles inspiriert.

Die Kombination von Musik und KI ist an sich nichts Neues. Schon 1958 schrieb ein Computer die Illiac Suite, ein klassisches Musikstück. Mittlerweile gibt es einen Twitter-Bot, der personalisierte Songs liefert, Startups wie Jukedeck oder Amper Music produzieren mithilfe von KI Musik für Videos oder Computerspiele.

Bei „In the House of Poetry”, dem Song im Video, fütterte Benoit Carré die KI mit alten Folkmelodien und Jazz.

Pachet aber interessiert sich nicht für Hintergrundmusik, er will Kunst machen. „Es geht nicht darum, auf einen Knopf zu drücken und was rauskommt, kann man verkaufen“, sagt er. Für ihn ist Künstliche Intelligenz ein Werkzeug, das Künstler nutzen können, um gute Songs zu machen.

Bei der Arbeit mit Flow Machines wählen die Künstler zunächst Songs aus, die sie beim Songwriting inspirieren sollen. In Form von sogenannten Leadsheets, also in einer einfachen Notenschrift, kommen diese Melodien dann in die Datenbank. Französischer Pop aus den 80ern bildet zum Beispiel die Basis für den Song „Magic Man“. Der Belgier Stromae wiederum brachte für seinen Song „Hello Shadow“ Musik aus Cape Verde mit ins Studio. Welche Songs das waren, behält Pachet lieber für sich. Er hat Angst vor Urheberrechtsklagen der Songwriter.

François Pachet

Nachdem das musikalische Gerüst stand, holte Carré die Sängerin Kyrie Kristmanson mit ins Boot. Sie schrieb den Text für den Song – inspiriert von „Der Schatten” von Hans Christian Andersen. Der Song ist zweigeteilt – im ersten Teil singt Kyrie und im zweiten Teil wird ihr Gesang von Flow Machines generiert. Der Unterschied ist nicht zu hören.

„Es war interessant zu sehen, wie die KI etwas kreiert hat, das genau den Stil hatte, den wir wollten und gleichzeitig etwas seltsam war“, sagt Pachet. Genau um diese Seltsamkeit scheint es ihm zu gehen. „Normalerweise wird versucht, mit KI einen Stil perfekt zu imitieren, sehr konventionell zu sein. Wir haben genau das Gegenteil gemacht – wir haben versucht, die KI dazu zu bringen, etwas Neues und Unkonventionelles zu erschaffen.“ Aus Pachets Sicht liegt hier die Stärke Künstlicher Intelligenz.

Auch ihre größte Schwäche kann er benennen: der Musik Struktur zu geben. Also eine optimale Lösung für die Anordnung von Songteilen zu finden. Angenommen, ein Song hat bereits einen guten Teil A und einen guten Teil B, aber wie fügen sich beide Teile am besten zusammen? Soll B wiederholt werden oder der Refrain direkt an B anschließen? Solche Fragen kann die KI nicht zufriedenstellend beantworten. „Es geht darum, eine gute Songstruktur zu finden, die die Hörer anspricht“, sagt Pachet.

Hier kommen wieder die Künstler ins Spiel, sie entscheiden und fügen zusammen. Songwriting ohne Menschen kann sich Pachet nicht vorstellen – nicht, weil es unmöglich wäre, sondern einfach, weil es für ihn keinen Sinn ergebe. „Der Computer kann nicht zwischen einem guten, einem sehr guten und einem fantastischen Song unterscheiden. Für ihn ist alles dasselbe.“ Erst durch den Künstler werde die Musik zum Kunstwerk. Denn was wäre „Yellow Submarine“ ohne die Beatles?