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„World of Yo-Ho“: Das Smartphone als Brettspiel-Figur

Dominik Schönleben 19.02.2016 Lesezeit 8 Min

Im Brettspiel „World of Yo-Ho“ wird das Smartphone zum animierten Piratenschiff — ein neuer Ansatz an der Schnittstellen zwischen digitalem und analogem Spielen. WIRED-Redakteur Dominik Schönleben glaubt, dass so die Zukunft der Brettspiele aussehen könnte, auch wenn „World of Yo-Ho“ erst am Anfang steht.

Der französische Spieledesigner Etienne Mineur experimentiert schon seit Jahren an der Grenze zwischen digitalen und analogen Spielen. Die meisten seiner Konzepte, bei denen haptisches Spielzeug mit einem Tablet oder Smartphone interagieren, haben es allerdings nie über einen Prototypen hinaus geschafft. Doch mit „World of Yo-Ho“ hat Mineur jetzt seine Vision vom digitalen Brettspiel umgesetzt: ein Piratenspiel, bei dem die Smartphones zu Schiffen werden und übers Brett schippern.

In „World of Yo-Ho“ übernimmt jeder Spieler die Rolle eines Piratenkapitäns, der Aufträge erledigen muss, um möglichst viel „Swag“ zu sammeln. Durch eine App werden die Smartphone-Bildschirme von bis zu vier Spielern zum digitalen Piratenschiff. Ist man am Zug und will sein Schiff bewegen, drückt man einfach aufs Handy und schiebt es übers Brett. „World of Yo-Ho“ ist quasi ein Augmented-Reality-Brettspiel, bei dem das Smartphone die Spielfigur und alles, was um sie herum passiert, auf die Weltkarte projiziert.

Leider ist das Eingabefeld fast zu kurz, um sich alberne Piratennamen zu geben.

So zieht man mit seinem digitalen Schiff von Hafen zu Hafen, erledigt Aufträge und versucht andere Spieler zu bekämpfen, wenn sie auf dem Nachbarfeld ankern. Die zentrale Spielmechanik von „World of Yo-Ho“ machen geheime Missionen aus, die man erhält, sobald man an einer Insel anlegt. Oft wird einem dabei nicht verraten, wohin genau man fahren muss, sondern nur eine Küste oder Meerespassage genannt, die es unter Zeitdruck abzusuchen gilt. Während der Fahrt dorthin kann es dann zu Zufallsbegegnungen kommen, wie man sie aus Videospielen kennt. Zum Beispiel wird man von einem plötzlich auf dem Smartphone auftauchenden riesigen Oktopus angegriffen oder findet zufällig eine Flaschenpost.

Ein Augmented-Reality-Brettspiel, bei dem das Smartphone zum Piratenschiff wird.

Wir haben „World of Yo-Ho“ zu viert getestet, doch obwohl das die maximale Teilnehmerzahl ist, hielt sich die Interaktion zwischen den Spielern in Grenzen. Positiv war: Egal of iPhone, Nexus oder älteres Samsung-Gerät, die App erkannte problemlos die Bewegungen aller Telefone auf dem Brett. „World of Yo-Ho“ ist also nicht an ein bestimmtes Smartphone-Ökosystem gebunden oder darauf optimiert. Bewegt man das Smartphone, sieht man auf dem Bildschirm, wie das Schiff die Bewegung nachahmt, inklusive passender Soundeffekte. Die auf der Karte abgebildeten Inseln und Hindernisse werden virtuell umfahren. Sollte es mit dem Tracking der Bewegung nicht klappen, hat das Spiel ein Rückfallsystem und die Bewegung kann auch manuell eingegeben werden — was eigentlich nur dann vorkam, wenn jemand sein Schiff bewegte, bevor das akustische Signal dafür gegeben wurde.

Eine Sache gilt es jedoch vor dem Spiel zu beachten: Jeder Teilnehmer muss sich eine 400 Megabyte große App herunterladen. Das ist schade, denn das Losspielen wird so um einige Minuten verzögert. Doch danach startet das Spiel sofort. Obwohl „World of Yo-Ho“ eine ausführliche Anleitung besitzt, ist es nicht notwendig, diese zu lesen. Der Tutorial-Modus erklärt einem — ähnlich wie es heute in Videospielen üblich ist — während der Partie immer dann neue Regeln oder Mechaniken, wenn sie zum ersten Mal vorkommen.

Man könnte „World of Yo-Ho“ als Augmented-Reality-Brettspiel bezeichnen.

Wenn ein solches besonderes Ereignis geschieht— etwa der oben genannte Oktopus-Angriff — oder man einen Hafen betritt, nimmt man das Smartphone vom Brett. Die Mitspieler erfahren dann nicht, wie der Kampf ausging, ob man einen neuen Auftrag angenommen oder welche Ausrüstungsgegenstände man gefunden hat. Nur wenn man einen Hafen ansteuert, erfährt man, wie viel Swag die Gegner bereits gesammelt haben. Genau hier könnte die Stärke von „World of Yo-Ho“ liegen: dass man Dinge voreinander geheim hält. Doch bleibt dadurch auch jeder weitgehend für sich.

Brett- und Digitalspiel verschmelzen wie nie zuvor.

Alle komplizierten Details über den Spielverlauf werden an die App ausgelagert. Sie belasten nicht den Hirnschmalz der Spieler und unterbrechen deshalb auch den Spielfluss nicht. Man muss nicht ständig mit Ereigniskarten oder Regeltabellen hantieren. Alle Informationen und Möglichkeiten werden intuitiv in der App angezeigt. Obwohl das Spiel eigentlich ziemlich komplex ist, lässt es sich durch die App-Unterstützung leicht erfassen und auch mit Brettspiel-Einsteigern gut spielen.

„World of Yo-Ho“ hat die Verschmelzung von Brett- und Digitalspiel so weit vorangetrieben wie noch kein anderer Titel. Es besitzt eine professionelle Aufmachung, die man bei Apps großer Spieleverlage oft vermisst. Selbst das bisherige Best-Practice-Beispiel „XCOM: Das Brettspiel“ muss hier zurückstecken, dessen App wirkt im Vergleich wie eine etwas komplexere Stoppuhr. „World of Yo-Ho“ geht tiefer und lagert das Regelsystem hinter den voneinander abhängigen Aufträgen in die App aus. Auch das Ausrüsten des eigenen Schiffs benötigt kein kompliziertes Tableau mit Ausrüstungskarten, sondern läuft automatisiert im Smartphone-Interface ab.

Die Schiffe bewegen sich auf dem Display dynamisch an den Landmassen vorbei.

Im Gegensatz zu den meisten digitalen Brettspielen der ersten Generation funktioniert „World of Yo-Ho“ technisch einwandfrei. Man sieht, dass die App von einem Videospiel-Designer und nicht von einem Brettspiel-Verlag entworfen wurde.

Anstatt nur eine das Spiel begleitende sogenannte Companion-App zu sein, tritt die Software bei „World of Yo-Ho“ in den Vordergrund. Sie ist quasi das eigentliche Spielmaterial. Abgesehen von vier Referenzkarten — die eigentlich unnötig sind — wird das Spiel nur mit einer riesigen Landkarte ausgeliefert. Spielfiguren, Karten oder gestanzte Pappe fehlen, man vermisst sie aber auch nicht. Ein wirklich witziges Add-on sind hingegen acht kleine Gummifiguren mit Saugnapf, mit denen man markieren kann, welcher Kapitän gerade das eigene Smartphone steuert.

Professionell , aber nicht ohne Fehler.

So professionell „World of Yo-Ho“ auch wirkt, es ist nicht ohne Fehler. Das zeigt sich vor allem durch die fehlende Interaktion zwischen den Spielern, die spätestens dann auffällt, wenn die erste Begeisterung über die großartige App abgeklungen ist. Große Strecken des Spiels fühlen sich so an, als wenn spiele man bloß nebeneinander her. Die eigentliche Stärke des Spiels — dass Informationen geheim bleiben — wird dabei nicht ausgenutzt. In den geheimen Aufträge tritt man nicht in Konflikt mit anderen Spielern. Es wird nicht genug Anreiz geschaffen, die anderen in einen Kampf zu verwickeln. Die einzige Interaktion bei den Aufträgen bleibt: Wenn man bei dem eigenen scheitert, erhalten die Gegner das nächste Mal wenn sie einen Hafen ansteuern, die Möglichkeit einen Auftrag auszuwählen, der sie dafür belohnt den anderen zu jagen. Doch das reicht leider nicht aus, um genug Interaktion ins Spiel zu bringen.

Im Kampf muss man seine Angriff vorprogrammieren. Danach legt man das Smartphone zurück aufs Spielfeld.

Problematisch ist, dass das Spiel keinen Mechanismus besitzt, durch den zurückgefallene Spieler aufholen können. Ich machte im ersten Testspiel einen, weil ich eine Regel nicht sofort durchblickte, und scheiterte gleich an meinem ersten Auftrag. Diesen Rückschlag konnte ich nie wieder aufholen.

Da ich deshalb auch weniger Ressourcen besaß als meine Mitspieler, konnte ich meinen ersten Kampf mit einem von ihnen auch nur verlieren. Das verschlechterte meine Situation zusätzlich, weil mir der siegreiche Spiele Ausrüstung stahl und ich Zeit und Geld in die Reparatur meines Schiffes investieren musste. Während der Gewinner des Duells sogar Siegpunkte für den Kampf bekam.

Zurückgefallene Spieler können kaum wieder aufholen.

Statt um den perfekten Spielmechanismus geht es bei „World of Yo-Ho“ ums Erforschen und Entdecken. Weil die App vieles vor einem geheimhält und man nicht alles wissen kann. Es drängt sich deshalb der Gedanke auf, ob „World of Yo-Ho“ nicht in Wahrheit besser als kooperatives Spiel geeignet gewesen wäre, bei dem man gemeinsam die Weltmeere erkundet und gemeinsam Aufträge erledigt — und dabei versucht anderen, computergesteuerten Freibeutern oder Ungeheuern zuvorzukommen.

Brettspiele mit Smartphone-Unterstützung stehen noch am Anfang. Aber „World of Yo-Ho“ zeigt, wie viel Raum nach oben das Genre noch hat. Das Spiel gibt Impulse und macht vor, in welche Richtung Designer gehen sollten. Es besitzt viele interessante Ansätze, die vielleicht noch nicht ausgereift sind, aber deutlich zeigen, wohin es gehen muss. Etwas das meist Fluch und Segen zugleich für jene ist, die versuchen, ein neues Genre zu definieren.

Es gibt nichts Nervigeres, als wenn der Spielfluss durch ein aus dem Smartphone heraushängenden Ladekabel gestört wird.

Doch egal wie weit digitale Spiele schon gekommen sind, eine Hürde gibt es noch. Sie stellt ebenso die größte Schwäche von Smartphones dar: die Akkulaufzeit. Wenn nicht jeder am Tisch mit einem voll aufgeladenen Gerät startet, sollte man eine Runde „World of Yo-Ho“ lieber gar nicht erst starten. Sonst hängen schon nach der ersten Stunde die Ladekabel übers Spielfeld. Alternativ hat das Spiel einen Modus, bei dem nur mit einem Smartphone gespielt wird. Dann schiebt man Pappschiffchen anstatt Telefone übers Feld. Das Spiel verliert so jedoch seinen eigentlichen Charme.

Im Überlick:
– der beste Ansatz bisher für ein digitales Brettspiel, aber es bietet zu wenig Interaktion zwischen den Spielern
– kein Spielmaterial abgesehen vom Brett, fast alles findet in der App statt
– man braucht einen voll aufgeladenen Akku und mindestens zwei Stunden Zeit für eine Partie
– perfekt für Menschen, die keine komplizierten Regeln lesen wollen

World of Yo-Ho“ erscheint am 7. März zum Preis von 60 Euro. Wir haben die englische beziehungsweise französische Version getestet, die bereits veröffentlicht ist.