Das Camp Nou – eine Legende erfindet sich neu

02.05.2018 Lesezeit 7 Min

Der FC Barcelona macht sein berühmtes Stadion fit für den Fußball des 21. Jahrhunderts. Wir haben den Architekten und Planern über die Schulter geschaut, wie sie Europas größter Fußballarena auch in Zukunft ihren Platz an der Weltspitze sichern wollen.

Man braucht wohl den wenigsten Fußballfans zu erklären, wie tief der FC Barcelona in der katalanischen Metropole verwurzelt ist. Dazu gehört natürlich auch das legendäre Camp Nou; längst zählt die Spielstätte des Traditionsklubs zu den Top-Touristenattraktionen Barcelonas und wird häufig in einem Atemzug mit den unzähligen kulturellen Highlights Kataloniens genannt – ein eindrucksvoller Beweis für die faszinierende Verbindung zwischen dem Fußball und einer außergewöhnlichen Stadt.

Doch wie viele andere Vereine kommt auch Barça nicht um die Modernisierung seines Stadions herum, schließlich heißt es mithalten – oder noch besser – führen im Titelkampf der weltbesten Fußballarenen. Dass dies kein Schnäppchen wird, liegt auf der Hand: Stolze 360 Millionen Euro investiert der FC in die Neugestaltung von Camp Nou – und damit mehr als die Hälfte der 600 Millionen Euro, die für das Quartiersentwicklungsprojekt Espai Barça angesetzt sind. Das Megavorhaben soll in der Saison 2022/23 abgeschlossen sein.

Natürlich wurde vor der Projektplanung auch über einen Standortwechsel nachgedacht; angesichts der 85.000 Dauerkarteninhaber überwogen dann aber doch die Bedenken, es sich auf diese Weise mit den treuen Anhängern zu verscherzen. Die Herausforderung lautete also, ein riesiges, 60 Jahre altes Stadion zu renovieren, das in seiner gesamten Historie nur dreimal erweitert wurde: durch einen dritten Rang rechtzeitig zur Weltmeisterschaft 1982, durch die Erneuerung des ersten Rangs 1994 sowie durch den Bau des klubeigenen Museums 1984.

Heute finden sich auf der To-do-Liste – neben Upgrades der WLAN-Infrastruktur zur Unterstützung der steigenden Datennutzung – unter anderem Verbesserungen der VIP-Serviceleistungen und eine Aufstockung um 6.000 Sitzplätze.

Im Fokus stehen bei den geplanten Erneuerungen allerdings mehr Qualitäts- als Kapazitätsfragen. Dazu gehört beispielsweise der Bau eines Tiefgaragen-Areals, das Fans den Zugang zum Stadion erleichtern soll, während in der Arena selbst die steilere Ausrichtung der Sitzplätze im ersten Rang künftig für bessere Sicht sorgt. Abgerundet wird die Qualitätsoffensive mit verschiedenen (Show-)Einlagen, die den Zuschauern vor und nach den Matches die katalanische Kultur näherbringen sollen.

„Ein Besuch im Camp Nou wird bald weit mehr bedeuten, als ‚nur‘ ein 90-minütiges Match zu sehen“, sagt Jordi Moix, Leiter des Espai-Barça-Projekts. Dass dazu auch authentische Stadionatmosphäre für die Fußballfans gehört, steht außer Frage. Dazu trägt demnächst ein Dach bei, das die Zuschauer sowohl vor Regen als auch vor übermäßiger Sonneneinstrahlung schützt. Innovative Materialien mit variabler Transparenz verhindern außerdem starken Schattenwurf auf dem Spielfeld, der gerade für Fernsehzuschauer ein Ärgernis darstellt, wenn Partien tagsüber ausgetragen werden.

Darüber hinaus haben die Architekten und Designer an die Rolle des Camp Nou als Sehenswürdigkeit in einem Land mit mediterranem Klima gedacht. „Die meisten Stadien sind von einer Fassade umgeben, was in Regionen mit kaltem Klima durchaus sinnvoll ist; eine Stadt wie Barcelona bringt hier aber ganz andere Voraussetzungen mit – weshalb wir den vielen Touristen, die hierherkommen, einen freien Blick ins Stadion bieten wollten“, erklärt Takeyuki Katsuya von Nikken Sekkei, leitender Architekt des Camp-Nou-Projekts.

Der Kniff liegt in der Technik

Bei der ursprünglichen Planung des Stadions in den 50er-Jahren wurde ausschließlich mit Papier und Stift gearbeitet, erzählt Yoshiyuki Uchiyama, der als Architekt am Projekt des zukünftigen Camp Nou mitgewirkt hat. Obwohl die Architekturplanung heute auf modernste Verfahren wie die Gebäudedatenmodellierung oder CAD zurückgreifen kann, waren die ersten Planungsschritte alles andere als ein Spaziergang: So musste etwa das Planungsteam mangels digitaler Informationen zur Infrastruktur des Stadions anfangs mit 3-D-Kamerascans des Gebäudes arbeiten. „Das war zwar ein exzellenter Start, half uns aber nicht dabei zu ermitteln, bei welchem Element es sich zum Beispiel um eine Wand oder eine Säule handelte. Sprich: Ein Mitarbeiter musste all diese Attribute im System nachtragen“, schildert Uchiyama.

Erst wenn all diese Daten vorliegen, kennen die Architekten und Ingenieure sämtliche Abmessungen, Materialien, Sicherheitsanforderungen und viele weitere Details, die für den späteren Konstruktionsprozess relevant sind.

Doch es kamen auch weitere Methoden zum Einsatz; beispielsweise, als es um die optimale Installation der Treppen, Rolltreppen und Fahrstühle ging, die den Fans einen komfortablen Zugang zum zweiten und dritten Rang ermöglichen sollen: Hier simulierte das Planungsteam mit entsprechender Software das Verhalten der Zuschauer und ermittelte unter anderem, wie lange ein Besucher durchschnittlich von seinem Sitzplatz bis nach draußen zum Vorplatz braucht. Diese Daten lieferten die perfekte Basis für eine sinnvolle Platzierung der baulichen Elemente, die zugleich aktuellen Sicherheitsstandards gerecht wird.

Parallel zu allen Qualitäts- und Sicherheitsaspekten fließt in die Erneuerungspläne von Camp Nou das Thema Nachhaltigkeit ein – sei es in Gestalt von Photovoltaikanlagen für den energieintensiven Flutlichtbetrieb oder eines innovativen Regenwassergewinnungssystems zur Bewässerung des Rasens. Den Blick nach vorn gerichtet, führt Moix die Idee selbstfahrender Kraftfahrzeuge ins Feld, die in absehbarer Zeit die Anbindung des Stadions weiter verbessern können. Mit diesen und anderen Visionen dürfte er vielen Architekten aus der Seele sprechen; sehen sie doch die Fußballstadien der nächsten 10 bis 20 Jahre als Teile des erweiterten städtischen Ökosystems, deren Bedeutung weit über die reiner Sportstätten hinausreicht.

Apropos hinausreichen: Das gesamte Espai-Barça-Projekt zielt darauf ab, auch außerhalb des neuen Camp Nou vielfältige Erlebnisse zu bieten. Dazu tragen unter anderem Geschäfte, Restaurants, ein Fanshop, ein Museum und naturnahe Parks bei, die rund um den neugestalteten Fußball-Hotspot entstehen werden.

Dass die Stadien von morgen auch in puncto digitale Infrastruktur bestens ausgestattet sein werden, versteht sich indes fast von selbst. Modernste Virtual- und Augmented-Reality-Ausstattung soll es den Zuschauern zum Beispiel ermöglichen, das Match aus unterschiedlichen Kameraperspektiven beziehungsweise von verschiedenen Sitzplätzen aus zu erleben. Währenddessen kümmern sich KI-Systeme um sämtliche logistischen Bedürfnisse des Publikums – von der Anreise über die Bewirtung bis zu zusätzlichen Fan-Erlebnissen. Wie immer die neue Welt des Fußballs aussieht – das Camp Nou der Zukunft wird sie entscheidend mitprägen. Die ersten Schritte sind gemacht …

WELCHE ELEMENTE UMFASST DAS ESPAI-BARÇA-PROJEKT?

STADION

Eine Vielzweckarena mit einer Kapazität von 12.500 Plätzen im Innenraum sowie zusätzlichen 2.000 Sitzen in einer Nebenhalle

EISLAUFBAHN

Die Sporthalle Palau Blaugrana beherbergt zukünftig eine Eisfläche nach olympischem Standard (30 x 60 Meter)

SPIELFELDER

Zwei neue Ausweichplätze für die Talentschmiede FCB Escola, ein Aushängeschild des FC Barcelona, das Mädchen und Jungen zwischen 6 und 18 Jahren fördert

BUSSTATION

An Spieltagen können Busse in Zukunft auf dem Barcelona-Campus parken, ohne dadurch die Fußgängerwege zu blockieren

ESTADI JOHAN CRUYFF

Auf dem Les-Cort-Campus entsteht in 8,5 Kilometern Entfernung von Camp Nou und innerhalb des Trainingsgeländes ein neues Stadion. Das Estadi Johan Cruyff wird über eine Kapazität von 6.000 Sitzplätzen verfügen und mit oberirdischen Parkmöglichkeiten für 700 Fahrzeuge ausgestattet sein

DAS KANN DAS NEUE CAMP NOU

LED-ANZEIGETAFELN

Vier topmoderne HD-LED-Tafeln werden rund um die Dachkante positioniert und zeigen Videosequenzen, Sponsorenbotschaften und den aktuellen Spielstand

MEDIA-WALLS

Medienwände mit Bewegtbildern und Textmitteilungen binden das Publikum noch stärker mit ein und sorgen so für eine unvergleichliche Stadionatmosphäre

WLAN-HOTSPOTS

Camp Nou, heute bereits eines der bestvernetzten Stadien der Welt, wird künftig über noch mehr WLAN-Hotspots verfügen. In Kombination mit der offenen Architektur setzt es damit neue Standards im Bereich der Konnektivität

MEHRKANAL-SOUNDSYSTEM

Aufeinander abgestimmte Lautsprecher mit intelligenter Elektronik sorgen für die gleichmäßige und einheitliche Verteilung des Klangs im Stadion

LED-FLUTLICHT UND ATMOSPHÄRISCHES LICHT

Eine verbesserte LED-Platzbeleuchtung optimiert künftig die Fernsehbilder, während stimmungsvolle Lichtshows ein atmosphärisches Erlebnis für die Fans schaffen – vor und nach der Partie