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„Counter-Strike“-Spieler weltweit springen einem Mobbing-Opfer zu Seite

Benedikt Plass-Fleßenkämper 20.04.2017

Spieler des Online-Shooters „Counter-Strike“ gelten in der Szene als rau im Umgang miteinander. Die Community strafte dieses Vorurteil jetzt aber Lügen – und stellt sich hinter ein Cybermobbing-Opfer.

Der 17-jährige Adam Bahriz ist leidenschaftlicher Spieler des Online-Shooters Counter-Strike: Global Offensive – und ein guter noch dazu. Das ist nicht selbstverständlich, denn der Teenager leidet unter der seltenen Erkrankung hereditäre sensorische und autonome Neuropathie. Nur etwa hundert Menschen sind weltweit davon betroffen. Das Hauptsymptomatik: Patienten können keinen Schmerz empfinden. Als Folge der Erkrankung ist Bahriz nahezu taub und blind. Zudem fehlt ihm ein Großteil seiner Zähne und die Hälfte seiner Nase. Er spürt einfach nicht, wenn er sich verletzt.

Trotz seiner Behinderungen spielt er nicht nur mit Hingabe Counter-Strike, er überträgt seine Matches via Twitch auch live ins Netz. Bei einer dieser Partien wurde der Jugendliche nun Opfer von Cybermobbing. Am Morgen des 17. Aprils begann er ein Match mit einer Gruppe zufällig zusammengestellter Spieler. Laut Mashable teilte er wie üblich allen Teilnehmern über eine vorgefertigte Nachricht mit, dass er mit körperlichen Einschränkungen kämpft, Schwierigkeiten hat, sich sprachlich zu artikulieren und um Verständnis bittet.

Die Reaktion der Mitspieler fiel jedoch alles andere als verständnisvoll aus. Anstatt Bahriz’ Offenheit zu honorieren, begannen sie, sich über ihn lustig zu machen. Sie forderten ihn auf, still zu sein und schlossen ihn aus der Kommunikation aus. Bahriz versuchte seine Situation abermals zu erklären und entschuldigte sich gar für seine Unfähigkeit, deutlich zu sprechen. Nach zwei Runden warfen die Mitspieler den Jungen einstimmig aus der Runde, da sie sich von ihm gestört fühlten. Bahriz, der schon zuvor sichtlich mit der Situation kämpfte, brach daraufhin vor laufender Kamera in Tränen aus.

Eine Situation, die auch seinen wenigen Twitch-Zuschauern zu Herzen ging. Einige von ihnen schnitten Auszüge seiner Übertragung zusammen, verbreiteten diese im Internet-Forum Reddit und traten damit eine Welle der Solidarität gegenüber dem Mobbingopfer los. Innerhalb kürzester Zeit stiegen die sonst im zweistelligen Bereich angesiedelten Zuschauerzahlen von Bahriz’ Twitch-Kanal auf mehrere Tausend. Per Twitter nahmen szenebekannte Counter-Strike-Profis Kontakt mit dem Jungen auf und sprachen ihm Mut und Anerkennung zu.

Jordan „n0thing“ Gilbert vom Counter-Strike-Team Cloud9 lieferte sich gar ein Match mit Bahriz, der den E-Sport-Profi als persönliches Vorbild bezeichnet. Auch Ryan „fREAKZOiD“ Abadir ebenfalls ehemaliger Cloud9-Spieler, leistete Bahriz auf dem digitalen Schlachtfeld Gesellschaft. Tausende Spieler sahen beeindruckt zu, wie der Bahriz die spektakulärsten Aktionen am Bildschirm ausführte. Über 15 Stunden lang übertrug er die Geschehnisse des Tages ins Netz und wurde von der Community gefeiert.

Dass es sich bei der Anteilnahme nicht nur um Sensationslust, sondern echte Solidarität handelt, zeigte der Geldeingang auf dem Spendenkonto von Adam Bahriz. Über dieses sammelt der Junge Geld für einen chirurgischen Eingriff, um sich Nase und Zähne operativ richten zu lassen. Ein Wunsch, den er sich zu seinem 18. Geburtstag erfüllen möchte.

Im Lauf des Tages gingen so viele Beiträge ein, dass der Zähler in den fünfstelligen Bereich schoss. Bahriz war sichtlich gerührt und bat Spieler gar darum, nicht mehr weiter zu spenden, da er nun bereits genug Geld für die OP zusammen habe. Das hielt die Community jedoch nicht davon ab, ihm weiterhin Geld zukommen zu lassen. Die E-Sort-Organisation Team Envyus bot Bahriz via Twitter jüngst sogar einen Kooperations-Vertrag für die Übertragung seiner Twitch-Streams an.

 

Adam Bahriz schloss den ereignisreichen Tag mit einem Dank per Twitter ab: „Das war der beste Tag meines Lebens.“ Dass seine Peiniger bestraft wurden, dürfte für ihn zu diesem Zeitpunkt nur noch Nebensache gewesen sein. Die E-Sport-Liga ESEA, über die Bahriz in Counter-Strike antritt, hat den Anstifter der Mobbing-Attacke mit einer mehrtägigen Spielsperre belegt. Da half auch eine Entschuldigung nichts: In einem ESEA-Forum hatten die Mobber erklärt, dass sie ihn fälschlicherweise für einen Troll gehalten hätten, der sie absichtlich an der Nase herumgeführte.

Das Interesse an Bahriz, der in Counter-Strike unter dem Pseudonym „Loop“ auftritt, hält indes an. Noch immer tummeln sich hunderte Spieler auf seinem Twitch-Kanal und bekunden im Chat ihre Unterstützung.

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