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Chaos Eingabefeld: Wie kulturelle Unterschiede Coder herausfordern

Kathrin Passig 24.11.2015

Hat jeder Mensch einen Nachnamen? Ist 0171-8306 eine Postleitzahl? An Eingabefeldern scheiden sich die Geister – je nach kultureller Prägung. Ein Plädoyer für mehr kulturelle Coder-Bildung.

Dieser Artikel erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des WIRED Magazins im November 2015. Wenn ihr die Ersten sein wollt, die einen WIRED-Artikel lesen, bevor er online geht: Hier könnt ihr das WIRED Magazin testen.

Noch so ein Mythos: Programmiererinnen sind nur für den technischen Kram zuständig. Schön wär’s – wenn man in Ruhe coden dürfte, hinterm samtroten Paravent. Wenn man Sonnen- und Mondaufgang dabei selbst bestimmen und auf Nachfragen nur in schwer verständlichem Java-Blabla antworten dürfte. Die restliche Arbeit sollte der Produktmanager tun.

Die Wahrheit sieht oft anders aus, gerade bei kleineren Projekten: Da macht die gemeine Programmiererin eben doch vom Design bis zum Test alles selbst. Und muss froh sein, wenn sie nicht noch die Buchhaltung schmeißen und das Büro-Treppengeländer streichen muss.

Was wiederum heißt: Wer eine Anwendung mit vielen Eingabefeldern entwickelt, muss sich selbst konkrete Gedanken über Restriktionen machen. Was muss ausgefüllt werden, was kann leer bleiben? Wie stelle ich sicher, dass niemand den 32. Mai 2035 als Geburtstag oder „Castrop-Rauxel“ als Postleitzahl eingibt? Dabei trifft man unter Umständen Entscheidungen, die auf den ersten Blick supervernünftig erscheinen. Und sich in dem Moment, in dem echte Menschen das Programm nutzen, als sehr, sehr falsch herausstellen. Der Pfad zur Hölle der schlechten Benutzerführung ist gepflas­tert mit gut gemeinten Designentscheidungen.


Doch je mehr Restriktionen und Regeln es gibt, desto größer sind auch die Chancen, dass die Programmiererin-Projektmanagerin-Allesmacherin sich zu sehr in ihren eigenen Vorstellungen verliert, wie die Welt zu sein hat. Darauf kommt es an: interkulturelle Coding-Kompetenz. Die Vorstellung, dass ein Nachname mindestens zwei oder sogar drei Buchstaben zu haben hat, ist zum Beispiel nur so lange korrekt, bis ein netter koreanischer Mensch kommt. Der mit Nachnamen O heißt.

Im Laufe der Nachbesserungen an diesem System findet man auch heraus, dass es nicht nur bei Popstars wie Beyoncé oder Shakira üblich ist, auf einen Nachnamen zu verzichten – sondern auch in Indonesien. Stars und Indonesier (manche jedenfalls) scheitern an dem Eingabeformular, das nach westlicher Tradition mindestens Vor- und Nachnamen als Pflichtfeld vorsieht. Postleitzahlen sollte man nur validieren, wenn man sicher ist, bis in alle Ewigkeit nur Nutzer aus einem einzigen Land zu haben. Also am besten gar nicht.

Und so lernt man nach und nach, dass die eigene Vorstellung von wohlgeformten Kontaktdaten oft auf kultureller Ahnungslosigkeit beruht. Wer dabei dazulernt, kommt irgendwann zu dem Schluss, dass es wohl besser ist, gar keine Eingaben zu verbieten. Dann lässt man höchstens ab und zu höflich nachfragen: „Ihre Postleitzahl 4-8-15-16-23-42 sieht ein wenig seltsam aus. Sind Sie möglicherweise betrunken?“

Aber es sind nicht nur Adressfelder, die Probleme bereiten. Im Französischen ist es zum Beispiel korrekt, vor einem Doppelpunkt ein Leerzeichen zu setzen. In der Schweiz müssen Rechnungen mitunter auf fünf Rappen gerundet werden. Im Türkischen gibt es mehrere Varianten des Buchstabens I, was bei ungeschickter Anwendung dazu führen kann, dass die ganze Datenbank in Scherben geht, wenn ein türkischer Server im Spiel ist. (Übrigens: Keines dieser Beispiele ist erfunden.)

Eine der Kolumnistinnen bestellte zum Beispiel einmal ein Zeitschriftenabonnement im englischsprachigen Ausland. Irgendwo zwischen Adresseingabefeld und Adressaufkleber saß ein hilfreicher Mensch und korrigierte die „Feuerbachstrasse“ in eine nicht existierende „Feuerbackstrasse“ – was in letzter Konsequenz dazu führte, dass die schönen Hefte erst ankamen, als sie im gesamten Rest der Welt schon im Altpapier lagen.

Trotz allem kann man also das bestprogrammierte System der Welt haben, auf sämtliche Kulturkreisverwirrungen vorbereitet sein. Es hilft nichts, wenn am Ende der ultimative Datenkorrektor sitzt: ein Mensch mit guten Absichten. Und falschen Annahmen. Und wenig Kenntnis von deutschen Philosophen. 

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