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Cheat Sheet / Warum Facebook und Google uns jetzt gegen den Terror erziehen

Max Biederbeck 18.02.2016

Ein Cheat Sheet ist mehr als ein Spickzettel. Studenten packen Gleichungen darauf, kritzeln Aufzählungen, listen Infos. Während sie den Zettel für ihre Klausur zusammenschreiben, lernen sie die Materie. Am Ende brauchen sie ihn vielleicht gar nicht mehr. Wir wollen euch so einen Cheat Sheet für aktuelle Debatten zur Hand geben. Heute: die neue Anti-Terror-Erziehung im Internet.

Von Fakten, die ihr einfach nur nachschlagen wollt, hin zu Perspektiven, an die ihr vielleicht noch gar nicht gedacht habt. Mit unserem Cheat Sheet, so hoffen wir, bekommt ihr die volle Punktzahl und wisst ein wenig mehr — einmal die Woche. Diesmal: Warum Facebook und Google uns jetzt gegen den Terror erziehen wollen.

Was? — Google und Facebook fahren eine neue Strategie im Kampf gegen Terror und Hass
Sheryl Sandberg von Facebook hat im Januar gefordert, die Nutzer des Sozialen Netzwerks sollten Seiten und Kommentare von IS-Anhängern mit „Like“-Attacken ersticken — Nachrichten von „Toleranz und Hoffnung“ als Waffe gegen Hate Speech und Terror. Klingt naiv, ist aber starke Symbolpolitik. Sie trifft im Kern eine neue Strategie von Facebook, Google und Co.: Sie wollen ihre User vom Terror und Hass weg(er)ziehen.

Facebook plant, kostenlose Werbeplätze für alle anzubieten, die für ein friedliches Netzwerk arbeiten. Bis zu 1000 Dollar könnte das Unternehmen Usern gutschreiben, die anti-extremistische und positive Nachrichten ins Netzwerk posten, berichtet das Wall Street Journal.

Auch Google arbeitet an solchen Pilot-Programmen. Wer nach Terror sucht, soll stattdessen Anti-Terror bekommen. Die Mittel der Wahl sind „Adwords“, die kleinen gelben Boxen mit dem Zusatz „Ad“, die auch als „Sponsored Links“ ganz oben in der Suche auftauchen. Diese prominent platzierten Links sollen zu Aufklärungskampagnen führen, die gegen islamischen Extremismus arbeiten. Google versucht so den Informationsweg zu extremistischen Seiten durch Aufklärung zu stören.

Warum? — Die großen Internet-Riesen geraten unter Druck, herkömmliche Methoden funktionieren nicht
Sandberg hat in ihrer Rede im Januar auch zugegeben: „Wenn du etwas von der Seite nimmst, taucht das nächste auf.“ Sie gibt ein seltenes Eingeständnis: Allein durch Account-Sperren und Löschen von kritischen Videos und Kommentaren können Netz-Unternehmen Terror und Hass offensichtlich keinen Einhalt gebieten.

Der Druck, genau das zu tun, steigt aber von allen Seiten. Die deutsche Regierung drängt Facebook zum Kampf gegen Hasskommentare. Die EU-Mitgliedsstaaten fordern seit 2014 mehr Engagement der Tech-Firmen im Kampf gegen islamische Extremisten. Auch in den USA sind Facebook, Google und Co. längst Teil einer Regierungskampagne, die sich mit „Counter Violent Extremism“ beschäftigt, dem Kampf gegen gewalttätigen Extremismus.

Die neue Devise: Beeinflussung und Erziehung der User anstatt Weitergabe ihrer Daten

„Die Internetriesen können als libertär bezeichnet werden, sie haben sich immer gegen den Einfluss von Staaten gewehrt. Mit ihren Vorschlägen, Aussteigerprogramme über Adwords zu bewerben und sich an Regierungsinterventionen zu beteiligen, machen sie auffallende Zugeständnisse an Anti-Terror-Kampagnen“, sagt Boris Traue vom Centre For Digital Cultures an der Leuphana Universität. Er ist Experte für politische Netzkultur.

Die Kooperation biete den Unternehmen gleichzeitig eine Chance. „Sie haben sich an den Überwachungsskandalen und der Kooperation mit den Geheimdiensten die Finger verbrannt. Es gab zahlreiche Negativschlagzeilen, die ihre Haltung in Frage stellten“, so Traue. Jetzt könnten sie sich als gute Akteure rehabilitieren, „vieles weist darauf hin, dass dabei starker staatlicher Druck im Spiel ist“. Die neue Devise: Beeinflussung und Erziehung der User anstatt Weitergabe ihrer Daten.

Wie funktioniert die Beeinflussung? — Facebook und Google werden Teil einer „Counter Narrative“-Kampagne
Narrative, ohne zu tief in die Wissenschaft einzusteigen, sind Erzählweisen. Sie bestimmen vielleicht nicht unsere Meinung, wirken sich aber sehr wohl auf unsere Einschätzung der Realität aus. Sie bilden sozusagen deren Rahmen. Damit werden sie auch zum wichtigen Teil von strategischer Kommunikation von Regierungen und Unternehmen. Ein Beispiel für den Einfluss einer Narrative: Wir werden uns nicht befehlen lassen, dass wir eine bestimmte Partei wählen sollen. Wir haben aber früh gelernt, bei unserer Entscheidung zum Beispiel auf Umfrageergebnisse wie die Sonntagsfrage zu achten. Der Kontext prägt unsere Entscheidung maßgeblich mit, oft, ohne dass es uns bewusst ist.

Counter Narratives sind Erzählweisen, die versuchen, dagegen zu arbeiten und diesen Kontext wieder zu verändern. Im aktuellen Fall geht es darum, den Fokus der Debatte wegzuziehen von Terror und Hass, hin zu einer positiveren Debatte. Wer sich für das Thema interessiert, wird umgeleitet. Wer sich dagegen engagiert, wird belohnt. So soll sich die Natur der Debatte im Netz verändern — der Schwarm in eine Richtung dirigiert werden. Weg von IS-Recruitern, Predigern und Nazi-Trollen und hin zu anderen Debatten. Der einfache Gedanke dahinter: Die Macht dieser Nischen-Meinungsmacher soll durch die Stärkung eines Mehrheitsdiskurses gebrochen werden. Terror und Hass würden im Verhältnis marginaler erscheinen – und so an Einfluss verlieren.

Warum das keine gute Sache ist? Die Auswirkungen sind schwierig
Neue Narrative sind prinzipiell keine schlechte Sache. Sie ermöglichen Minderheiten den Diskurs, schaffen Fortschritt in der Debatte (auch Counter Culture). Aber: „Die gerade laufende Counter-Narrative-Kampagne der USA knüpft inhaltlich an das anti-kommunistische Konzept des ‘War of Ideas‘ an“, erklärt Boris Traue. Es handelt sich dabei um einen ideologisch aufgeladenen Begriff aus dem Kalten Krieg, der seit zwanzig Jahren von internationalen Geheimdiensten weiterentwickelt wird. Was Unternehmen wie Facebook und Google als gute und schnell durchsetzbare Idee erscheint, zieht sie unmerklich in ein konservatives Weltbild hinein. Die Narrative bestimmen, worüber wir reden.

„Die Tech Firmen werden in eine autoritäre Medienpolitik eingebunden“, sagt Traue. Sie bekämpfen den Terrorismus, zementieren ihn aber gleichzeitig in den Köpfen. Das zeigt sich, wenn man darauf achtet, worüber in der öffentlichen Debatte weniger gesprochen wird: Über die Rolle des Westens bei der Entstehung des Terrors der Ursprungsländer, über Entwicklungen und Fehler.

Statt komplizierte soziale Zusammenhänge zu erklären, vermitteln die Versuche von Google und Co vor allem eines: Hier sind wir die Guten, da die bösen Terroristen. Das hat dann schnell nichts mehr mit Aufklärung zu tun, sondern spielt dem Sicherheitswahn der Behörden in die Hände. „Die Grenze zwischen Protest und Terrorismus sowie zwischen öffentlichem Diskurs und Maßnahmen der Sicherheitsapparate verschwimmt“, sagt Traue.

Wie geht es weiter? — Es werden uns mehr solcher Projekte begegnen
Die Idee bleibt attraktiv, weil sie einfach umzusetzen ist. Es fließen Millionen in die Erforschung von Counter Narratives in Think Tanks und NGO’s. Damit haben Facebook und Google unmittelbar wenig zu tun, aber sie sind wie gezeigt längst Teil der Kampagne.

Der bewusste Einsatz von Narrativen als Instrument bleibt problematisch, denn sie unterstreichen Unterschiede, wo sie Gleichheit schaffen wollen. Es ersetzt gesellschaftliche Debatte durch Erziehung von Oben. „Wenn ich sowieso Teil einer Minderheit bin, die sich durch Terror angesprochen fühlt, wird mich eine Ad für ein Aussteigerprogramm nicht davon abhalten, eher werde ich mich durch die Bevormundung noch ausgeschlossener fühlen“, sagt Traue. Terroristische Probleme würden nur noch als psychisches Problem dargestellt — eine neue Narrative, die gesellschaftliche Verantwortung und Ökonomische Benachteiligungen ausschließe.

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