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Wie zufällig sind Casual Games wirklich?

Johnny Haeusler 04.04.2017

Unser Kolumnist ist Teilzeit-Spielkind. Und fragt sich, wie viel Glück er in Casual Games braucht – oder ob er Opfer ausgeklügelter psychologischer Tricks ist.

Aufmerksame Leserinnen und Leser dieser Kolumne wissen es bereits: Ich bin Hardcore-Gamer. Nur zu gerne verliere ich mich in den unendlichen virtuellen Welten der elektronischen Spiele. Mehrfach am Tag versuche ich in einem Smartphone-Scrabble-Klon mit besseren Worten zu punkten als mein Opponent, sortiere bis spät in die Nacht bunte Kügelchen oder versuche, in möglichst wenigen Schritten zu einem festgelegten Ziel innerhalb eines Labyrinths zu gelangen.

Na gut. Ich bin Hardcore-Casual-Gamer. Ich spiele Games für zwischendurch, immer mal wieder für ein paar Minuten, beinahe als Meditationsersatz. Für „echte“ Games finde ich nämlich keine Zeit mehr, die endlosen Quests im neuen (übrigens großartigen) Teil von Zelda muss ich meinen Söhnen überlassen.

Ist es wirklich Zufall, dass ich ein Level genau dann schaffe, wenn ich kurz davor bin, die App aus Frust zu löschen?

Wer sich wie ich regelmäßig mit Mini-Games auf dem Smartphone beschäftigt, fragt sich aber früher oder später: Ist es wirklich Zufall, wenn ich ein Level nach unzähligen gescheiterten Versuchen genau dann schaffe, wenn ich kurz davor bin, die App aus Frust zu löschen? War der komplizierte Sprung in diesem Jump'n'Run nicht vorher unmöglich, aber nach genügend erfolglosen Anläufen gelingt er scheinbar mühelos?

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen

Sind die Buchstaben, die ich beim Scrabble erhalte, wirklich eine wahllose Mischung oder lässt mich das Spiel bewusst eine Mischung aus Erfolgen und Niederlagen erleben? Und wieso fehlt so oft genau dieser eine Move, mit dem die nächste Stufe erreicht werden könnte, und stellt mich vor die Frage: Nochmal von vorne anfangen oder den einen zusätzlichen Schritt eben doch mal eben für 99 Cent In-App kaufen?

Wie zufällig sind also diese ganzen Puzzles, Rätsel und Challenges wirklich? Ist das Meistern von Spielen, die auf einer nicht geplanten Verteilung von Farben, Spielsteinen, Buchstaben basieren, tatsächlich Glückssache? Oder ist am Ende doch alles festgelegt, ist die perfekte Mischung aus Frustration und Motivation eine durch die Künstliche Intelligenz des Games berechnete Mechanik, die in einigen Fällen eben auch die Umsätze der Spiele-Hersteller sichert?

Wohl eher nicht. Beziehungsweise nur halb. Das Buch Beyond Game Design: Nine Steps Toward Creating Better Videogames von Chris Bateman beschäftigt sich auf einigen Seiten mit dem Zufallselement von Spielen und beschreibt, dass viele Entwickler*innen eher ungern zufällige Elemente in ihre Spiele integrieren. Der Kontrollverlust über das Spielgeschehen könnte zu hoch sein, das Testen zu aufwändig, Spielfehler könnten sich einschleichen. Immerhin lassen Batemans Ausführungen zu den erfolgreichsten Casual Games keinen Zweifel daran, dass hier mit tatsächlichen Zufällen, also mit dem Faktor Glück gearbeitet wurde.

Etwas anders betrachtet Elyot Grant den Glücksfaktor in (nicht nur Casual) Games in einem Artikel von 2014. Grant vertritt die Ansicht, dass wirklicher Zufall und Glück nur in einer gut durchdachten Paarung mit klaren Regeln und Strukturen als spielmotivierend funktionieren kann: „Absolute luck is seldom a wise choice when designing video games, because it often leaves players feeling frustrated and helpless when they become unlucky.“

Weder der ständige Sieg noch das andauernde Verlieren motivieren zum Weitermachen

Es gilt also, die ultimative Frustration – das Unglück im Spiel – zu verhindern. Gerade, weil Verbreitung, Erfolg und Entwicklung von Casual Games in den vergangenen Jahren noch einmal enorm gestiegen sind und sich Künstliche Intelligenzen rasant entwickeln, dürfte der Zufall wohl nur ein Teil des Spiels sein. Zusätzliche Faktoren sorgen dafür, dass genügend Runden gewonnen, aber auch verloren werden, denn weder der ständige Sieg noch das andauernde Verlieren motiviert uns als Spielerinnen oder Spieler, weiterzumachen. Nicht nur Casual Games, sondern alle Videospiele sind somit auch psychologische Werke, und je geschickter ihre Ausführung in dieser Hinsicht ist, desto erfolgreicher können sie werden.

Meine aktuellen Favoriten (auf iOS, die meisten sollten auch für Android erhältlich sein): Aworded (Scrabble-Klon), KAMI 2 (Farbflächen in wenigen Schritten zu einer Farbe ändern), Yesterday! (sehr süßes, beinahe poetisches Puzzlespiel, bei dem zwei Liebende zueinander finden müssen), Orphan Black (nach der TV-Serie, ähnliche Spielmechanik wie die Lara Croft GO und Deus Ex GO), After the End (sehr schön und ruhig), Super Mario Run (Mario auf iOS und Android, wer hätte das für möglich gehalten?), Angry Birds Blast!, Clash Royale und Human Resource Machine (spielerisch lernen, wie Programmieren funktioniert)

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