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„Bycatch“ ist ein cleveres Kartenspiel über Krieg und Überwachung

Daniel Ziegener 19.05.2015

Kann ein Kartenspiel den Drohnenkrieg und die allgegenwärtige Überwachung kritisch thematisieren und gleichzeitig noch Spaß machen? Das von einem internationalen Team entwickelte „Bycatch“ schafft es.

Unscheinbar sieht der ältere Herr auf dem Fahndungsfoto aus. Aber für die anderen Spieler am Tisch ist er ein Terrorist und so wird ihm eine Aufnahme seines Gesichts auf einer Überwachungskamera zum Verhängnis. Einen Luftschlag später ist der Verdächtige liquidiert — und mit ihm zwei andere Menschen tot. Ihre Gesichter waren nicht auf dem Fahndungsfoto, sie sind „Kollateralschaden“.

Die zentrale Spielmechanik: das versehentliche Töten von Unschuldigen.

So spielt sich eine Runde des Kartenspiels „Bycatch“, das Subalekha Udayasankar zusammen mit dem niederländischen Designstudios Hubbub entwickelt hat. Es klingt eigentlich nicht wie ein Spiel, das Spaß machen sollte. Schon der Name, zu Deutsch Beifang, ist eine zynische Umschreibung der zentralen Spielmechanik: dem versehentlichen Töten von Unschuldigen. Noch zynischer ist nur der dafür verwendete Euphemismus „Kollateralschaden“.

Die Regeln des Spiels sind schnell erklärt: Jede Kartenhand besteht aus ein paar Portraits von Menschen, denen Zahlen zugeordnet sind. Eigene Bürgerinnen und Bürger müssen durch das Bilden von Straßen in Sicherheit gebracht werden. Mehr Punkte bringt es allerdings, mit einem Luftschlag Karten aus der Hand eines Gegners zu entfernen — zumindest wenn die verdächtige Person, die man gerade sucht, unter den Opfern ist.

Harmlos oder Terrorist? „Bycatch“ konfrontiert die Spieler mit der bizarren Realität des Drohnenkriegs.

Damit das gelingt, ohne zu viele Minuspunkte durch Kollateralschäden zu kassieren, gibt es einen weiteren Spielzug: Man kann die Kartenhände der Gegner „überwachen“. Dazu greift man mit dem eigenen Smartphone quer über den Tisch und macht blind ein Foto. Eine Garantie dafür, dass die so gewonnen Informationen einem einen Vorteil verschaffen, geschweige denn in der nächsten Runde noch stimmen, gibt es aber natürlich nicht.

Das Spiel ist in seiner Botschaft alles andere als subtil.

Fast unbemerkt verwischt „Bycatch“ so nicht nur die Grenzen zwischen Karten- und was ein Computerspiel, sondern bezieht Spieler direkt in seine Erzählung mit ein: Das Smartphone, sozusagen die „Drohne“ im Spiel, ist eine reale Überwachungstechnologie in der eigenen Hosentasche. Auch sonst trägt das Game seine Botschaft deutlich vor sich her: „Bycatch“ ist in seiner Intention alles andere als subtil. Über die Fahndungsfotos bis hin zum Vokabular, das in der Anleitung benutzt wird, steht unter der zynischen Prämisse realer Terrorbekämpfung.

Die Wirkung des Spiels ist letztlich davon abhängig, in welchem Kontext es gespielt wird. In kleiner Runde lädt es dazu ein, zu diskutieren — über die Brutalität der verübten Luftschläge, über die Entmenschlichung der auf Zielscheiben reduzierten Menschen, vielleicht sogar über Wahrheit und Gerechtigkeit. Auf einem bierseeligen Spieleabend hingegen erinnert „Bycatch“ beinahe an das berüchtigte „Cards Against Humanity“, das Spieler dazu verleitet, fürchterlich abstoßende Witze zu erzählen.

„Bycatch“ drängt ebenfalls solche Scherze auf: über einen in die Luft gesprengten Bus voller Schulkinder etwa oder einen eigentlich unschuldigen Terrorverdächtigen, dem an der Grenze die Einreise verweigert wurde. Es dauert oft einen Moment, bis sie sacken und mit flauem Gefühl die Erkenntnis einsetzt, was da gerade gesagt wurde.

Spionage-Kamera, Drohne, Datenbank: Zu all dem wird das eigene Smartphone im Spiel.

Die Deutlichkeit der Botschaft macht es leicht, sich über sie lustig zu machen. Seinen beabsichtigten Effekt erzielt „Bycatch“ dennoch. Einen großen Teil dazu tragen die Illustrationen von Agnes Loonstra bei. Auf stereotype Terroristen hat die Niederländerin bewusst verzichtet, stattdessen finden sich Menschen aller Altersklassen, Religionen und Geschlechter auf der Abschussliste. Ihre Herkunft bleibt ein Rätsel und doch gibt das Spiel genug Hinweise, damit bei jedem Spielzug eine kleine Geschichte entsteht. Unter den Karten mit den Verdächtigen finden sich auch die Designer des Spiels selbst.

Anders als etwa bei Brenda Romeros „Train“, das erst am Ende offenbart, dass die Spieler in Wirklichkeit die Deportation der Juden in die Konzentrationslager koordiniert haben, spielt „Bycatch“ von Anfang an mit offenen Karten. Es konfrontiert Spieler mit einer Realität des Krieges, die im Alltag unsichtbar ist. „Bycatch“ erinnert uns daran, wie gut Spiele zum Vermitteln politischer Botschaften geeignet sind — und dass sie gleichzeitig Spaß noch machen können. 

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