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Binaural Bits / Schritte im Schnee — oder warum die deutsche Podcast-Szene aufhören muss Laberformate zu produzieren

Nicolas Semak 24.03.2015

Die deutsche Podcastszene hat ein Problem. Die vorhandenen erzählerischen Möglichkeiten werden im auditiven Netz nicht ausreichend genutzt. Das nervt — und ist womöglich der Grund, weshalb Podcasts in Deutschland immer noch ein mediales Schattendasein fristen.

Nicolas Semak arbeitet im Berliner Radiobüro mit anderen JournalistInnen, AutorInnen und PodcasterInnen an Audio-Projekten. Die Kolumne „Binaural Bits“ befasst sich auf WIRED Germany wöchentlich mit allem, was hörbar ist.

Es war Dezember 2010, ich in München und auch noch zu früh. Also ging ich ein wenig um die schneebedeckte Universitätssternwarte im ruhigen Stadtteil Garching. Ich hatte einen Interviewtermin für meinen Audiopodcast mit Professor Harald Lesch. Der charismatische Astrophysiker erzählt seit Jahren vor allem im Fernsehen von den verrückten Dingen, die im Raum zwischen den Sternen so vor sich gehen. Er hat viele begeisterte Fans und ich bin einer von ihnen.

Als ich also entsprechend aufgeregt um die Beobachtungskuppel des Instituts spazierte, bemerkte ich den Klang meiner Schuhe im kieseldurchsetzten Schnee. Ich holte mein Aufnahmegerät heraus, hielt das Mikrofon in Richtung meiner nervösen Schritte, ließ die Aufnahme einfach laufen und stieg schließlich die Treppen der Sternwarte hinauf. Dort traf ich auf einen äußerst herzlichen Harald Lesch und wir führten letztlich ein sehr unnervöses Gespräch, über viel mehr als nur die Sterne.

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Das Interview erhielt erfreulich positive Resonanz, natürlich vor allem aufgrund Leschs charmanter Eloquenz. Überraschenderweise bezogen sich aber viele Hörer auch auf meine Schritte im Garchinger Schnee und lobten deren atmosphärische Rahmenwirkung. Meine überpünktliche Ankunft und der Klang des Schnees hatten offenbar ganz unverhofft eine kleine Geschichte, eine nachempfindbare Begegnung, aus dem Podcast gemacht. Ein völlig ungeplantes Zufallsprodukt.

In den letzten Monaten konnte man dem Begriff „Storytelling“ kaum entfliehen.

Nicolas Semak

Wer sich in den letzten Monaten mit der journalistischen Radio- und Podcastlandschaft beschäftigt hat, konnte dem Begriff „Storytelling“ kaum entfliehen. Vor allem inspiriert durch bekannte US-amerikanische Produktionen wie This American Life, Radiolab und seriell erzählte Formate wie Serial oder StartUp. Der aufgeregte Diskurs über neue Erzählformen ist in vollem Gange.

Während im Radio aufwändig produzierte Features seit langem eine etablierte Form darstellen, beschäftigen sich die unabhängigen, audioaffinen Netzpublizisten auf Plattformen wie Sendegate eher mit der Optimierung ihrer technischen Produktionstools anstatt der Umsetzung kreativer Formatideen. Effiziente Publikationswerkzeuge, wie das lobenswerte und bereits international beachtete Podlove Projekt, gute Schnittsoftware und erschwingliche Recording-Hardware stehen zur Verfügung. Der Zeitpunkt wäre gekommen, dass sich Audiomacher auch hierzulande neuen, formal und inhaltich innovativen Ideen für das klingende Netz zuwenden.

Stattdessen werden Mikros eingeschaltet, Getränkeflaschen geöffnet und drauflosgeredet. Manchmal mit mehr, oft aber auch weniger inspirierenden Inhalten. Die gestalterischen Möglichkeiten des auditiven Mediums bleiben leider größtenteils unbeachtet.

Früher arbeitete ich im Filmbereich und habe dabei gelernt, dass es oft der Ton ist, der die Geschichte entscheidend formt. Geradezu hysterisch reagiert der Mensch auf minimale Klangreize. Kaum wahrnehmbares Rauschen kann uns in den Wahnsinn treiben, während liebevoll arrangierte Klangdramaturgie zu Tränen rührt. Der überstrapazierte Begriff des „Kopfkinos“ steht für das kreative Potenzial unseres Gehirns, wenn es die richtigen Impulse erhält. Es entstehen Orte und Geschichten, die wir aufgrund der Abwesenheit des Bildes ähnlich individuell erleben, als wären sie in ergreifender Literatur beschrieben: mit genügend Spielraum für unseren inneren Vorstellungshorizont. Wir hören die Bilder, wir nehmen sie physisch wahr.

Die deutschen Podcast-Charts sind eine Aneinanderreihung von vernerdeten Special-Interest-Themen.

Nicolas Semak

Ich bin bisher vor allem ein Liebhaber gut gemachter Hörstücke, aber auch Mitglied der deutschen Podcastszene. Ein unbefriedigtes Mitglied. Ich weiß, wieviel Mühe und Ambition es benötigt, guten Audiocontent zu produzieren. Recherchieren, das Erlernen notwendiger Fertigkeiten, Fehler aushalten, all die üblichen Unsicherheiten im kreativen Prozess. Und natürlich nicht zuletzt Zeit und Geld. Das alles sind unsere Hürden.

Trotzdem: Es ödet mich zu Tode an, dass wir bisher so gut wie nichts hinbekommen haben, was unseren Möglichkeiten auch nur im Ansatz gerecht wird. Die YouTube-Szene brodelt. Aufwändig produzierte Videoinhalte sieht man überall. Blogger schreiben wunderbare Texte und Photographen zeigen ihre beeindruckenden Werke an jeder Ecke. Wir aber schwätzen in unsere maximal rauscharmen Mikrofone — sonst nichts. Die deutschen Podcast-Charts sind eine Aneinanderreihung von völlig vernerdeten Special-Interest-Themen, die vor allem viel Leerlauf zum Inhalt haben. Selbst ihre Macher bezeichnen sie oft als „Laberformate“.

Liebe Podcaster, bitte traut euch was.

Nicolas Semak

Ja, natürlich gibt es sie, die Ausnahmen. Die, die das Mikrofon in die Hand nehmen und vor die Tür gehen. Den Versuch machen, Formate wie Reportagen oder Features in neuer Form ins Netz zu bringen oder gar ganz neue Wege zu gehen. Ich möchte aber mehr davon!

Liebe Podcaster, bitte traut euch was. Probiert aus und spielt. Nutzt das vorhandene technische Potenzial und lasst das Aufnahmegerät einfach mal länger laufen. Eventuell entstehen so neue Geschichten oder überraschende Klangmomente. Selbst wenn es einfach nur ein paar schlichte Schritte im verkieselten Schnee sind.

In der letzten Folge Binaural Bits stellte Christian Grasse den Podcast Song Exploder vor.

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