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Die besten Audiogames: Auf der Suche nach akustischen Adrenalinschüben

Christian Grasse 04.08.2015

Die Welt ist voller Klänge. Setzt man sie richtig ein, können sie aufregender sein als jedes andere Medium. Unser Autor Christian Grasse erlitt kürzlich einen unfreiwilligen Hörschock und ist seitdem auf der Suche nach dem akustischen Thrill.

Christian Grasse arbeitet im Berliner Radiobüro mit anderen JournalistInnen, AutorInnen und PodcasterInnen an Audio-Projekten. Die Kolumne „Binaural Bits“ befasst sich auf WIRED Germany wöchentlich mit allem, was hörbar ist.

Neulich auf dem Weg ins Büro hörte ich einen Podcast. Es ging um die fortschreitende Digitalisierung des menschlichen Alltags. Ein Beispiel waren sogenannte Blackboxes in Autos, die das Fahrverhalten analysieren und in individuelle Versicherungsbeiträge übersetzen. Ich habe meine Kopfhörer extra laut eingestellt, weil mich die Umgebungsgeräusche der Stadt störten. Ich wollte gerade über die Straße gehen, ich schaute nach links, dann nach rechts und als alles frei schien, lief ich zwischen zwei parkenden Autos los, um auf die andere Seite zu gelangen. Plötzlich zuckte ich zusammen, ich riss den Mund und die Augen weit auf, legte meine Arme an den Körper, ging vor Schreck in die Knie und ich glaube ich habe sogar einen kurzen Schrei herausgebrüllt — alles innerhalb von Sekundenbruchteilen. Ich dachte: Ok, das war’s! Jetzt geht’s zuende! Aber was war eigentlich passiert?

Als ich die Reaktion der Menschen auf der Straße sah, verstand ich: Mein Gehirn wurde gerade wunderbar verarscht.

Das war passiert: Genau in dem Moment, in dem ich den Fuß auf die Straße setzte, ertönte im Podcast eine Aufnahme eines Autounfalls. Quietschende Reifen eines PKW, der in ein anderes Fahrzeug crasht. Zwei Sekunden, maximal. Eine stereophone Aufnahme, die so realistisch klang, dass ich tatsächlich glaubte, dass von links ein Auto angerast kommt, ausweicht und bremst, weil ich unachtsam war — und direkt in das parkende Auto knallt, das neben mir steht. Mein Puls raste wie verrückt. Erst als ich die Reaktion der Menschen sah, die mir auf der Straße entgegenkamen, hatte ich verstanden, dass mein Gehirn gerade wunderbar verarscht wurde. Ich schaute mich wild um, auf der Suche nach dem Auto, das gerade neben mir gecrasht sein musste. Aber da war nichts. Gar nichts.

Mein Gehirn verknüpfte einfach den visuellen Eindruck (Straße, Verkehr, Autos) mit dem was ich hörte (Unfallgeräusche), kombinierte die widersprüchlichen Signale und sendete als Resultat dieser wunderbar getimten Fehlverarbeitung einen schockähnlichen Zustand an meinen Körper. Noch nie zuvor habe ich so einen Adrenalinausstoß erlebt, der nur durch Sound verursacht wurde. Was für ein Audio-Brainfuck! Wie aufregend! Als ich im Büro ankam, wollte ich mehr davon.

Auf meiner Suche nach Klangthrillern wurde ich auf das Genre der Audiogames aufmerksam. Als Computerspiele ohne Grafik könnte man diese interaktiven Hörerlebnisse beschreiben. Die Abwesenheit von Bildern lässt den Fantasie-Trigger der Audiogames in die Höhe schießen und sorgt im Hirn für Spannung und Überraschung. Das Audiogame „Zombies, Run!“ erschien etwa als Jogging-App für's Smartphone und jagt Spieler mit grausigen Untoten im Ohr durchs Gelände. Man kann die hechelnden und grunzenden Zombieherden hören, wie sie sich aus der Distanz nähern und immer dichter kommen. Der einzige Ausweg: Rennen. Je schneller, desto besser.

Richtig gruselig wird es mit „Deep Sea“. Man spielt das Audio-Horror-Game mit einem Controller und einer Spezial-Maske mit eingebauten Kopfhörern und Mikrofon. Der Kopf wird komplett verdeckt, das Luftholen fällt schwer, ein Mikrofon am Mundstück der Maske zeichnet die Atemgeräusche auf. Der Eindruck, in einer von Tiefsee-Monstern bedrohten Unterwasserwelt zu sein, wird nahezu perfekt simuliert. Keine Sicht, klaustrophobische Orientierungslosigkeit und Atemnot. Wer zu laut oder zu hektisch Luft holt, lockt grausam klingende Ungeheuer an und muss zusehen, dass er sie wieder loswird.

Etwas weniger bedrohlich geht es bei „Blowback — Die Suche“ zu. Das interaktive Science-Fiction-Hörspiel lässt seine Spieler via Kopfhörer und Smartphone-App in Echtzeit durch die 3D-Audiowelt eines Unterwasserhotels laufen, in der man als Spieler Protagonist eines Krimis wird.

Die Entwicklung von Audiogames steht noch am Anfang. Obwohl die technischen Möglichkeiten schon heute enorm sind, ist die Anzahl vorzeigbarer Produktionen gering. Die Liste der Genre-Plattform Audiogames ist zwar lang, die Qualität der Spiele macht allerdings kaum Lust, das Genre weiter zu erkunden. Aber es gibt Hoffnung: Die Entwicklung immer feinerer Bewegungs- und Lagesensoren macht die räumliche Orientierung in virtuellen Welten besser. Im Zuge des Hypes um Oculus Rift und Co werden auch die Konzepte akustischer Raumgestaltung in virtuellen Welten besser. The Verge rechnet sogar mit einer Binauralen Renaissance dank VR.

Die Miniaturisierung der Sensorik für „smarte“ Kopfhörer, die zum Beispiel via Bluetooth mit dem Smartphone gekoppelt werden können, kombiniert mit akustischer VR-Software — sie könnte die ohnehin schon spektakulären Soundkulissen aktueller Videospielproduktionen auf eine neue Ebene des Audiostorytellings katapultieren. Und das gilt nicht nur für fiktive, sondern auch für dokumentarische und journalistische Hör-Inhalte. Es wird auf jeden Fall spannend und ich freue mich schon auf die akustisch erzeugten Adrenalisschübe der Zukunft.

In der letzten Folge Binaural Bits verwandelte ein Künstler Datensätze in irrwitzigen Sound. 

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