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Berliner Gründer haben ein Boot gechartert, um Flüchtlingen in Griechenland zu helfen

Max Biederbeck 26.08.2015 Lesezeit 5 Min

Mit einem Boot sind 18 Gründer aus Berlin zu den griechischen Inseln gefahren. Vor Ort wollten sie ihr unternehmerisches Können als Nothilfe einsetzen. Herausgekommen ist ein Produkt, das mit dem wichtigsten Werkzeug arbeitet, das Flüchtlinge besitzen: ihrem Smartphone.

Die ersten Flüchtlinge trifft Paula Schwarz an einer Landstraße mitten auf der griechischen Insel Samos. Es ist Anfang August, Hochsommer, und die drei syrischen Männer trotten schon seit Stunden unter der glühenden Sonne vor sich hin. Schwarz entscheidet, sie im Auto mitzunehmen. „Sie sprachen perfektes Englisch“, erinnert sich die Gründerin aus Berlin. Der Schlepper, der die Männer von der Türkei aus übersetzte, hatte sie auf der falschen Seite der Insel rausgelassen.

Gründerin Paula Schwarz

Ohne Orientierung seien sie losgelaufen, auf der Suche nach einem Hafen, von dem aus sie weiter nach Athen reisen konnten. „Andere Flüchtlinge erzählten mir später, dass Autofahrer ihnen 200 Euro für eine Fahrt abnehmen wollten“, erinnert sich Schwarz. Viele seien gezwungen gewesen, zu Fuß und ohne Karte über die Insel zu laufen. Die Erzählungen der Menschen sollten der Berlinerin als Anhaltspunkte dienen, um ihr nächstes Produkt zu entwickeln. Denn Schwarz behandelt Flüchtlinge wie Kunden — um ihnen zu helfen.

Anfang August mietete sie ein Segelboot, das Startupboat, packte 18 junge Gründer aus Deutschland, Griechenland und Südafrika darauf und setzte Segel Richtung Samos. Das Ziel: Mithilfe eines Startup-Inkubators vor Ort ein Produkt zu entwickeln, das den Menschen wirklich etwas bringt — und schon bald als langfristiges Programm für Flüchtlinge in ganze Europa einsetzbar sein soll. Die Unternehmer, so der Hintergedanke, sollten das Problem so angehen, als würden sie ein Startup gründen, das auf seinem Markt erfolgreich sein soll. Sozusagen ein Angebot entwickeln, dass die Kundschaft wirklich kaufen würde. „Es war wichtig, dass wir in einem ersten Schritt direkt auf der Insel herausfinden, wie die Menschen selbst die Situation erleben“, erklärt Schwarz. Eine wirtschaftliche Zielgruppenanalyse also, mit Fragen wie: Was brauchen die Leute im Alltag? Wie kann man ihnen schnell, effektiv und ohne große Finanzmittel helfen? Die Antwort: eine digitale Plattform.

Denn wie sich herausstellte, brauchen Flüchtlinge vor allem Informationen. Sie sind verunsichert, können kein Griechisch, kennen sich nicht mit der Währung aus. Die Behörden auf der anderen Seite haben kaum Möglichkeiten, mit der Flut an Menschen fertig zu werden, die Ämter sind überfordert mit all den Anfragen und Nöten. Auf Samos kommen derzeit bis zu 700 Flüchtlinge am Tag an, Tendenz steigend. Auf anderen Ägäis-Inseln Inseln sind es täglich Tausende. Auf Lesbos droht die Situation mit rund 8000 Menschen völlig außer Kontrolle zu geraten. Auf Kos, Leros und Kalymnos wurde die Lage so schlimm, dass die Regierung in Athen begonnen hat, Flüchtlinge mit einem extra gecharterten Schiff von den Inseln auf das Festland abzutransportieren. Auch Paula Schwarz stellte schnell fest: „Es mangelt an fast allem und irgendwie müssen wir Entlastung bringen.“ Sie kam in Form von Smartphones.

Denn die sahen die Gründer auf ihrer Reise immer wieder. Das mobile Internet, so wurde schnell klar, ist bei der Flucht einer der wichtigsten Verbündeten. Mit diesem Wissen begannen die Unternehmer auf dem Startupboat, eine Lösung zu entwickeln. Sie erschufen First Contact, eine lokal zugeschnittene Informationsplattform auf Arabisch und Englisch.

Ein digitales Informationsportal. Das klingt erst einmal abwegig für Menschen, die nicht einmal genug zu essen haben. Doch das oft gezeigte Bild vom technologisch hilflosen Flüchtling, entspricht in vielen Fällen nicht der Wirklichkeit. „In der Regel migrieren nicht die Ärmsten der Armen, sondern die Angehörigen der Mittelschicht, und genau wie alle globalen Mittelschichtler gehen sie mit Medien und Geräten entsprechend um“, erklärt Vassilis Tsianos, Migrationsforscher an der Universität Hamburg, im Interview mit WIRED. Man müsse verstehen, dass Smartphones alles andere als ein Statussymbol seien. Auf der Flucht seien sie nicht nur essentiell für die Navigation und Kommunikation, sondern auch eine Hypothek: Man könne sie zu Geld machen, verleihen oder als Versicherung für einen Teil der Reise hinterlegen.

Wie wichtig die Devices auf den verschiedenen Wegpunkten der Flucht sind, wird auch klar, wenn man Flüchtlingsunterkünfte in Berlin besucht. Im Hinterhof eines Wohnheims im Stadtteil Mitte erzählen uns einige Männer aus dem Tschad, wozu sie ihre Smartphones benutzen: WhatsApp und Skype für den Kontakt in die Heimat, Google Maps für den Weg zu den Behörden, Übersetzungsprogramme, um im Supermarkt einkaufen zu können. Die kleinen Computer sind für sie unverzichtbar.

Auch mit Schildern und Mundpropaganda machen die Gründer Flüchtlinge auf ihr Angebot aufmerksam

Startup Boat

Hilfsorganisationen wissen das. Unter anderem die Freifunker haben deshalb angefangen, WiFi in Flüchtlings-Unterkünfte einzubauen. „Viele Deutsche wollen nicht verstehen, dass die Smartphones kein Luxusgegenstand für die Flüchtlinge sind. Die Geräte schaffen für sie so etwas wie ein mobiles Zuhause“, sagt eine der Helferinnen der Unterkunft in Berlin Mitte.

Auch die Gestrandeten auf Samos fragten die Besatzung des Startupboats bald nach „SIM-Karten, WLAN und der Möglichkeit, ihre Handys aufzuladen“, schreibt Katharina Dermühl in einem ausführlichen Blogbeitrag über ihre Erfahrung auf der Insel.

Binnen weniger Tage machten sie und das Team sich daran, die nötigen Informationen von den Behörden zu sammeln und in Tabellen zusammenzutragen. Sie engagierten Übersetzer für die verschiedenen Sprachen, eröffneten mit lokalen Helfern eine Facebook-Gruppe. Und siehe da: First Contact funktionierte.

Zahlreiche Anfragen gingen ein, das Startupboat sammelte immer mehr Informationen, schuf mit seiner Schnittstelle eine echte Entlastung. Mittlerweile kommen Anfragen aus Deutschland und Italien, um das Informationsnetz auszuweiten. Drei Helfer tragen gerade Daten in Athen zusammen. „Ende August treffen wir uns, um die nächsten Schritte für First Contact zu überlegen“, sagt Paula Schwarz. Irgendwann könnten ausführliche Google-Docs die Ankunft von neuen Flüchtlingen in jedem Land erleichtern und humaner machen. Das würde den Druck sowohl von Behörden als auch den Flüchtenden nehmen. Vor allem aber zeigt es, was trotz fremdenfeindlicher Ausschreitungen in Städten wie Heidenau noch immer die meisten denken und fühlen. Es steht in großen Buchstaben auch auf der Website von First Contact: „Welcome to Europe!“ 

Außerdem haben wir mit der Initiative „Blogger für Flüchtlinge“ gesprochen, die sich in Deutschland engagiert und auf der Suche nach IT- und Medienprofis ist, die helfen.