/Kolumne

Twentysomething / Schriftsteller Tom Hillenbrand über die Zukunft der Paparazzi

Tom Hillenbrand 25.11.2014 Lesezeit 4 Min

Während ich an der Frietkot auf meine Pommeswarte, huscht ein Schatten über den Asphalt.Ich schaue nach oben. Was da geradeden Himmel verdunkelte, war keine Wolke,sondern eine Drohne, ein klotziges Ding vonder Größe eines Kalbs.

„Signatur und Modell feststellen“, murmele ich. „Bei dieser Drohne handelt es sich um eine Daewoo Observer. Sie gehört TV4 Live“, antworten meine Specs.

Wenn man in einer Großstadt wie Brüssel den Blick schweifen lässt, sieht man immer ein paar Drohnen.

Fernsehdrohne also. Geistesabwesend lege ich eine 500-Euro-Münze auf den Tresen, während ich weiter den Himmel betrachte. Irgendwas stimmt nicht. Wenn man in einer Großstadt wie Brüssel den Blick schweifen lässt, sieht man immer ein paar Drohnen – doch jetzt ist die Luft voll von den Dingern. Ein paar haben das Kaliber der Daewoo, die meisten jedoch sind kleiner. Zahllose Colibris und Hexahelis schwirren über der Rue du Meiboom. Der Punkt, auf den sie sich zu konzentrieren scheinen, liegt 150 Meter entfernt.

„Was ist da hinten los?“, frage ich den Frittenmann. „Bestimmt irgendein Promi“, brummt er. „Da ist das Grande Estrela.“

Ich nicke. In dem Siebensternehotel steigen viele bekannte Leute ab. Während ich meine Pommes mit Tatarsoße bekleckse, schaue ich in Richtung Estrela. Die Drohnendichte hat weiter zugenommen. Wie eine Wolke Schmeißfliegen über einem Kuhfladen umschwirren sie den Haupteingang.

Ich schlendere die Straße hinunter, in Richtung des Luxushotels. In 50 Metern Entfernung bleibe ich stehen und esse meine Fritten. Dann vernehme ich ein hohes Surren. Dutzende Drohnen positionieren sich neu. Ihr Ziel ist eine unscheinbare Brandschutztür hinter mir. Sie steht öffen, und ein Mann tritt gerade heraus. Als er das Drohnenaufgebot sieht, schreit er „Fuck!“ und rennt los.

Titty ist derzeit einer der meistdiskutierten Prominenten des Planeten.

Ich lasse fast die Pommesschale fallen. Er ist es wirklich. João „Titty“ Guzman, der legendäre K-Pop-Star. Titty ist derzeit einer der meistdiskutierten Prominenten des Planeten. Das liegt allerdings nicht an seiner Musik, sondern an einem geleakten 360er, das ihn in Aktion zeigt mit einem Mitglied des schwedischen Königshauses. Die Klatschpresse kennt kein anderes Thema.  Guzman ist in dem Filmchen als Kleopatra verkleidet, der Schwedenprinz als Julius Cäsar.

Ich persönlich finde, dass Guzman als ägyptische Königin ziemlich hot ist. Titty aber scheint sich für das 360er zu schämen – als es auftauchte, tauchte er unter. Wochenlang war er verschwunden. Nun hastet er die Meiboom hinunter,  wütende Flüche gen Himmel schleudernd. „Verpisst euch“, brüllt er. „Hier gibt’s nix.“

supereng geschnittener, ärmelloser Herrenanzug von Pietro Wong, blondierte Löwenmähne, rote Federboa.

Die Drohnen sehen das anders. Einige gehen in den Sinkflug über und blenden ihre Scheinwerfer auf, um Guzmans Gesicht besser auszuleuchten. Ich zoome mit meinen Specs heran. Mir schwant etwas. Im Prinzip sieht der Typ zwar genauso aus, wie man sich Titty Guzman vorstellt – supereng geschnittener, ärmelloser Herrenanzug von Pietro Wong, blondierte Löwenmähne, rote Federboa. Passt alles. Aber…

In diesem Moment richtet sich Guzman auf. „Schmeißfliegen!“, brüllt er, „leckt mich!“ Er zieht sich die blonde Löwenmähne vom Kopf und ruft den Drohnen zu: „Ich bin nur ein Lookalike. Der echte Guzman ist schon längst am Flughafen, ihr Penner.“ Er winkt einer der Drohnen zu und reißt dabei die Augen auf. Ich kann sehen, wie der Colibri die Retina des falschen Guzman scannt. Und dann schwirrt die Drohne ab. Wie auf ein unsichtbares Kommando rast der ganze Schwarm hinterher. Ich mache einen Schritt auf den Mann zu. Er mustert mich argwöhnisch.

„Ich wusste nicht, dass Titty einen Doppelgänger hat“, sage ich. „Einen? Er hat mindestens 20.“ „Und die sehen alle genauso aus wie er?“ „Nein. Die sehen alle so aus, wie die öffentlichkeit glaubt, dass Guzman aussieht.“ „Und wie sieht er in Wirklichkeit aus?“ Der falsche Guzman zuckt mit den Achseln. „Was weiß denn ich, Mann. Vielleicht wie Kleopatra?“

Tom Hillenbrand ist Schriftsteller, sein Buch „Drohnenland“ spielt in einem hoch technologisierten Europa der nicht allzu fernen Zukunft. In dieser Zeit lebt auch PR-Profi Dae-Jung Leclerq, der seine Alltagserlebnisse hier regelmäßig schildert.