Der WIRED-Hausbesuch: Das Presswerk Ameise produziert Vinyl-Singles in Kleinstauflage

Chris Köver 27.10.2015 Lesezeit 3 Min

Ursprünglich aus dem Punkethos und dem Do-it-Yourself-Gedanken geboren wurde das Underground-Presswerk Ameise zum renommierten Business. Mit museumsreifen Maschinen stellt Martin Sukale in seinem Hamburger Unternehmen Vinylsingles in Kleinstauflage her.

Sukale vor Labels für Singles, die noch gepresst werden. Er kennt viele seiner Kunden gut – es sind oft Freunde.

Der Geruch von heißem Plastik und der Lärm eines Sinustons erfüllen die Halle im Hamburger Hafen. Wer mit Martin Sukale reden will, dem Gründer des Schallplattenpresswerks Ameise, muss den Krach übertönen, den alte Maschinen nun mal machen: Gerade produziert ein Dampfkessel Heißluft fürs Anwärmen der Pressplatten. Vor 15 Jahren begann der heute 36-Jährige, Vinyl in Auflagen von oft nur ein paar Hundert Stück zu pressen, ausschließlich Singles.

Unter Druck: Bevor sie in eine Plattenpresse gespannt werden kann, wird die zehn Zoll große Pressmatrize zentriert, kleiner geschnitten und in dieser Spindelpresse umgeformt.

Unternehmerisch der „totale Selbstmord“, sagt Sukale, aber um Geld ging es eh nie. Wenn er erzählt, wie er um die Welt fuhr, um Maschinenleichen aus Fabriken zu tragen, dann ist klar, was Ameise ursprünglich für ihn war: Underground, Spaß, do-it-yourself, geboren aus dem Punkethos. Dann kam der Vinyl-Hype — und aus Under­ground wurde Business.

Heiße Ware: Fertige Singles landen in Mini-Pizzakartons, in denen Sukale sie an seine Kunden verschickt.

Gebrauchte Pressmaschinen werden heute auf Ebay für fünfstellige Summen gehandelt, es gibt keine neuen, und die Leute kaufen halt wieder Platten. Sukale aber zweifelt: „Ich habe überlegt, die Maschinen in der Elbe zu versenken.“

Geritzt: Die Neumann-Schneidanlage, Baujahr 1932, ritzt die Toninfor­mationen auf das Vinyl-Master, den Rohling.

 

Zum Kühlen: Ein Mitarbeiter von Sukale an der Pressmaschine Toolex Alpha, die aus dem Jahr 1965 stammt.

 

Tonmeister: Diese Mastering-Maschine gehörte früher CBS New York, nun wird sie restauriert. Links im Bild die Verstärker, die den Stichel während des Schneidvorgangs antreiben.

Neue Aufträge nimmt er seit einem Jahr nicht mehr an, er ist vollauf beschäftigt mit dem Abarbeiten der alten. Bald will Sukale ein Café eröffnen, in dem Vinyl-Freaks beim Making-of zuschauen können. Und er arbeitet daran, die Presstechnik weiterzuentwickeln — in Zukunft soll die Abwärme das gesamte Haus beheizen.