Der Hilfe-Long-Tail: So versucht die Tech-Szene, Flüchtlingen zu helfen

Sonja Peteranderl 27.10.2015 Lesezeit 6 Min

Wo der Staat versagt in der Flüchtlingskrise, springen kurzfristig Freiwillige ein. Nun versucht die deutsche Tech-Szene, nachhaltig zu helfen. Kooperationen und Startups bilden Allianzen, um Freiwillige und Flüchtlinge deutschlandweit zu vernetzen oder generieren digitale Jobbörsen.

Am Anfang war Chaos. Jule Müller wollte eine Geldspende beim Berliner Flüchtlingsamt LAGeSo vorbeibringen — und wurde sofort als Helferin rekrutiert. Hunderte Menschen waren dort bei der zentralen Anlaufstelle für Flüchtlinge in Berlin Anfang August gestrandet, als das, was bald „Ansturm“ genannt wurde, gerade erst begonnen hatte.

Es gab zu wenige Mit­arbeiter, um die Ankommenden zu registrieren, zu wenig Unterkünfte, keine Ärzte, nichts. „Jemand hat uns Brot in die Hand gedrückt, wir haben Müll gesammelt, 5000 Becher Wasser verteilt“, sagt Müller. Die Fotografin und Bloggerin, die für das Datingmagazin imgegenteil.de arbeitet, hatte sich wie die meis­ten Helfer zuvor noch nie für Flüchtlinge engagiert. „Freiwillige haben an einzelnen Stellen geholfen, so gut sie konnten, aber es war nicht organisiert“, sagt Müller.

Auf der Facebookseite der Berliner Initiative Moabit hilft hatte Müller vom Elend am LAGeSo erfahren. Zwei Monate später, Anfang Oktober, scheint die Lage noch dramatischer. Da schreibt die Initiative in einer Presseerklärung vom Zusammenbruch der Strukturen am LAGeSo: „Die ehrenamtlichen Helfer verhindern noch größeres Chaos und managen seit Wochen den Ausnahmezustand auf dem Gelände.“

Während der Staat offenkundig versagt, übernehmen Bürger offline und online Verantwortung.

Allein in diesem Jahr könnten eine Million Flüchtlinge in Deutschland ankommen. Während der Staat in vielen Bereichen offenkundig versagt und seine Stellen auch nach Monaten keine Lösungen für die drängendsten Probleme der Asylbewerber finden, übernehmen Bürger offline und online Verantwortung.

Rund um die Flücht­linge sind Dutzende von Facebookseiten, Blogs und Plattformen entstanden, über die Kleider und Essen gesammelt, Freiwillige ko­ordiniert, Events organisiert oder wie durch die Initiative Flüchtlinge Willkommen Obdachlose in Privat­unterkünfte vermittelt werden. Die Frage ist, ob diese oft immer noch improvisierten Hilfen verstetigt werden.

Und ob dahinter nicht noch eine größere Frage aufscheint: Zeigt sich in der Flüchtlingsfrage, dass sich das Verhältnis von Staat und Bürgern in Deutschland gerade ändert — durch die eher amerikanische Can-do-Mentalität der Freiwilligen, die an den Geist von Startups erinnert? Nun engagiert sich auch die deutsche Tech-Szene. Doch findet sie auch langfristige Lösungen, wo der Staat sich überfordert zeigt?

„Es gibt sehr viele gute, intelligente Leute, die sich engagieren“, sagt Finn Malte Hinrichsen, Gründer des Hamburger Startups Cloud­heizung. „Aber selten weiß jemand, was wer wann gerade macht.“ Hinrichsen will die Spendenkoordination mit einer professionellen Management-Software zentralisieren: Auf Google-Bedarfslisten oder Seiten wie zusammenschmeissen.de veröffentlichen Einrichtungen zwar, was sie aktuell brauchen, doch eine übergreifende Anlaufstelle für Spendenwillige und Helfer fehlt. „Es ist wichtig, dass nicht mehr jede Erstaufnahmeeinrichtung ein eigenes System hat, sondern man auf europäischer Ebene sehen kann, wo Bedarf herrscht“, so Hinrichsen.

Mit einer Allianz aus mehreren europäischen Startups sammelt er gerade Daten, bald wird die Open-Source-Software programmiert. Gamification-Elemente wie ein Punktesystem sollen die Helfer motivieren. Arbeitstitel: Refugee Helper.


Die Plattform volunteer-planner.org ist schon jetzt im Einsatz und erstellt Dienstpläne für 13 Ein­richtungen in Berlin, mehr als 15 000 Freiwillige haben sich re­gistriert. Der TV-Moderator Ranga Yogeshwar hat ein soziales Netzwerk angeregt, das Flüchtlinge und Freiwillige sofort und direkt miteinander in Kontakt bringen soll.

Aktionen wie der von Anke Domscheit-Berg initiierte Refugee Hackathon Ende Oktober in Berlin könnten zum Hub für professio­nellere und zielgerichtete digitale Projekte werden. Ein Hack des Nummernsystems am LAGeSo ist unter anderem in Arbeit: Bisher warten Flüchtlinge stundenlang im staubigen Innenhof darauf, bis ihre Nummer aufgerufen wird. Ein digi­tales System könnte sie in Zukunft auf dem Mobiltelefon anpingen, wenn sie an der Reihe sind.

Zeigt sich in der Flüchtlingsfrage, dass sich das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern ändert – durch die Can-do-Mentalität der Helfer?

Doch es reicht nicht, nur die Registrierung der Flüchtlinge zu beschleunigen, sie mit Essen, Kleidung und einem Schlafplatz zu versorgen. Für viele wird es Monate, wenn nicht gar Jahre dauern, bis sie richtig in Deutschland ankommen. Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stapeln sich immer mehr unbearbeitete Asylanträge, während gleich­zeitig weiter immens viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen.

„Wegen der langen Wartezeiten im Anerkennungssystem werden Energie und Initiative der Asylbewerber lange Zeit stillgestellt“, sagt der Migrationsforscher Dietrich Thränhardt. „Haben sie qualifizierte Berufe erlernt, so verfällt ihr Wissen. Anschließend bleiben ihnen oft nur Beschäftigungen unterhalb ihrer Möglichkeiten, vielfach sind sie arbeitslos.“

In einer im Februar veröffentlichten Studie zur Arbeitsintegration von Flüchtlingen fordert Thränhardt, die Wartezeit zu nutzen, indem die Qualifikation der Flüchtlinge besser erfasst und sie durch Sprachkurse und Weiterbildungen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Auch Flüchtlingen verhilft der Stu­die zufolge meist Vitamin B zum Job. Doch wichtige Kontakte können sie kaum aufbauen, wenn sie isoliert in Sammelunterkünften leben.

Digitale Jobbörsen sollen ihnen das Netzwerken erleichtern. Während auf politischer Ebene über arbeitspolitische Lockerungen verhandelt wird, bringen neue Platt­formen wie refugeeswork.com oder workeer.de Flüchtlinge mit potenziellen Arbeitgebern in Kontakt. Workeer.de wurde im Juli 2015 als Bachelorprojekt zweier Kommu­nikationsdesigner gelauncht, inzwischen sind rund 850 Bewerber und fast 1100 Arbeitgeber mit Profilen eingetragen. Vermitteln kann die Plattform nur den Erstkontakt — mit den bürokratischen Hürden müssen sich die Arbeitgeber auseinandersetzen.

Crowdfunding könnte ein Ansatz sein, um die klassische Jobsuche zu umgehen, glaubt Karsten Wenzlaff, Geschäftsführer des Instituts für Kommunikation in sozialen Me­dien: „Flüchtlinge sollten keine passiven Empfänger bleiben, wir möchten sie in die Lage versetzen, selbst Unternehmen zu gründen, für sich zu sorgen.“ Auf der Platt­form refupreneur.eu können Flüchtlinge in Zukunft das Startkapital für Projekte einwerben.

Vernetzt sind die Tech-Experten bestens, doch in ers­ter Linie in ihrer eigenen Branche

Viele der Geflüchteten seien hoch qualifiziert, hätten etwa in Syrien eigene Unternehmen gehabt, sagt Wenzlaff. Mit dem Flüchtlingsstrom entstehe zudem ein neuer Markt, für den Geflüchtete als Experten Produkte und Dienstleistungen ent­wickeln könnten. Gerade arbeitet das Refupreneur-Team daran, eine Art Blueprint für „Unternehmen von der Stange“ zu erarbeiten, etwa mit vereinfachten Verträgen. Für Asylbewerber ist es etwa bereits schwierig, ein Geschäftskonto zu eröffnen – helfen könnten Partnerschaften mit deutschen Firmen.

Auch Refugees on Rails will zum Modellprojekt werden, das sich europaweit skalieren lässt: Eine Coding School soll Flüchtlinge für die Tech-Branche fit machen. „Große Firmen und Start-ups brauchen dringend Talente“, sagt Gründerin Anne Kjær Riechert. „Wir wollen die Wahrnehmung verändern, dass Flüchtlinge eine Belastung für die Gesellschaft sind — sie sind eine Ressource.“ 40 junge Flüchtlinge, die mindestens „Facebook-Erfahrung“ haben, sollen in Berlin lernen, mit Ruby on Rails zu programmieren. „Selbst wenn du dann nicht weitercodest, kannst du für Mittelständler oder deine eigene Firma Webseiten programmieren“, so Kjær Riechert. Nach dem Kurs will ihre NGO alle Teilnehmer in ein Praktikum oder einen Job vermitteln, gut vernetzte Mentoren sollen dabei helfen.

Erste Test-Workshops haben stattgefunden, Experten wie der Ex-CTO von Couchsurfing arbeiten das Curriculum aus, mehr als 100 alte, gespendete Laptops wurden fit gemacht. Auf der To-do-Liste: Internet. Netzpolitik.org zufolge gibt es nur in etwa 15 Prozent der Flüchtlingsunterkünfte Internetzugang — oft angestoßen durch Freiwilligen-Initiativen wie Freifunk oder Refugees Emancipation. „Die Leute engagieren sich gern“, sagt Kjær Riechert.

Es war leichter, Freiwillige für das Projekt zu finden als Teilnehmer für den Kurs — eine Herausforderung, die auch den Erfolg anderer Initiativen bestimmen wird. Denn vernetzt sind die Tech-Experten bestens, doch in ers­ter Linie in ihrer eigenen Branche. Gute Vorsätze nutzen wenig, wenn es den Projekten nicht gelingt, die Geflüchteten, aber auch Sozialarbeiter oder Politiker einzubinden, ist sich Kjær Riechert bewusst. Dafür braucht es statt Improvisation aber vor allem: Durchhaltevermögen und Zeit.