„Ich wäre überrascht, wenn sie mich nicht überwachen“: WikiLeaks-Mitarbeiterin Sarah Harrison im Interview

Sonja Peteranderl 01.09.2015 Lesezeit 12 Min

Whistleblower-Unterstützerin, Investigativreporterin bei der Enthüllungsplattform WikiLeaks und Wahlberlinerin: Die Britin Sarah Harrison wurde als Fluchthelferin von Edward Snowden bekannt, heute ist sie eine der wichtigsten Aktivistinnen der Whistleblower-Szene. Im WIRED-Interview erzählt sie von einem Flüchtlingskonzept für Whistleblower, den Veränderungen bei WikiLeaks und warum erst ein minimaler Teil der Snowden-Dokumente veröffentlicht worden ist.

WIRED: Mehr als zwei Jahre nach Snowden wird die Internetüberwachung weltweit eher hochgefahren als zurückgeschraubt, vielen sind Themen wie Verschlüsselung immer noch egal. Hat sich überhaupt etwas verändert?
Sarah Harrison: Es gibt Ergebnisse. Es gibt einige rechtliche Veränderungen, viele Technologieveränderungen, mehr Engagement in Bereichen wie Verschlüsselung vonseiten der Tech-Branche und mehr und mehr Leute, die sich engagieren. Die Veränderungen sind nur nicht groß genug, um den Trend in die andere Richtung ausschlagen zu lassen. Zu viele Menschen glauben immer noch, dass der Staat da ist, um sie zu beschützen.

Zu viele Menschen glauben immer noch, dass der Staat da ist, um sie zu beschützen.

WIRED: Und Edward Snowden sitzt heute noch in Russland fest.
Harrison: Immerhin ist seine Freundin jetzt bei ihm, er hat ein Haus und seine Familie kann ihn an Weihnachten besuchen — das ist ziemlich okay. Ich sage nicht, dass es toll ist und im Vergleich zu Hawaii ist das Wetter mies, aber er dachte, er würde jetzt tot sein oder im Gefängnis. Und zumindest hat er jetzt Optionen: Vielleicht kann er irgendwann zurück nach Hause gehen oder wir könnten ihm vielleicht Asyl in Frankreich oder Deutschland besorgen.


WIRED: Man hat den Eindruck, dass er in den vergangenen Monaten sehr viele Talks gegeben hat.
Harrison: Er gibt ziemlich viele Talks, aber eher technische Talks, für die Tech-Community. Sein Ziel war immer Leute aufzuklären, und er engagiert sich — egal ob es darum geht, Tools zu bauen, die dich schützen, oder Hoster zu beraten, wie sie damit umgehen können, dass die Regierung Backdoors einbaut.

WIRED: Glaubst du, dass Edward Snowden andere Whistleblower inspirieren wird?
Harrison: Es ist ein Schneeballeffekt. Auch Snowden war inspiriert von seinen Vorgängern wie Bill Binney, Thomas Drake oder Chelsea Manning. So wie bei jedem anderen Schneeball-Effekt bewegt sich das immer schneller. Was Snowden vor allem verändert hat, ist, wie viele Menschen Whistleblower heute unterstützen. Er hat gezeigt, dass es gut ist, Missbrauch anzuprangern, selbst wenn man dazu etwas Illegales tun muss. Sogar viele von denen, die sein Handeln nicht unterstützen, geben zu, dass das, was Snowden öffentlich gemacht hat, falsch war. Es sind nicht mehr nur radikale Organisationen wie wir, die Whistleblower unterstützen. Im letzten Jahr haben viele große NGOs angefangen sich zu engagieren. Auch Amnesty International unterstützt Chelsea Manning heute, aber am Anfang, als Manning dringend Hilfe gebraucht hätte, waren sie nirgendwo zu sehen und haben sich nicht geäußert.

Snowden dachte, er wäre jetzt längst tot oder im Gefängnis.

WIRED: Warum schrecken so viele NGOs davor zurück, sich für Whistleblower zu engagieren?
Harrison: Weil so viele NGOs von der Regierung Geld bekommen, haben sie Angst davor, die Five-Eyes-Koalition zu kritisieren. Es ist deswegen immer noch sehr schwierig, die großen NGOs im Whistleblower-Bereich zu mobilisieren. Andererseits sehen wir ganz klar einen Crackdown durch westliche Regierungen, mit unfairen Prozessen und unproportionalen Gefängnisstrafen.

WIRED: Was müsste geschehen, damit Whistleblower besser geschützt werden?
Harrison: Es ist ein Wunschtraum, Whistleblower in vielen Ländern wirklich zu schützen. Ich glaube, die Chancen sind besser für Whistleblower aus Firmen, von nationalen Gesetzen geschützt zu werden, aber wenn es um die Regierung und besonders Geheimdienste geht, braucht man internationale Rahmenbedingungen. Es ist ein Fehler, dass viele Menschen sich nur für nationale rechtliche Veränderungen einsetzen. Natürlich unterstütze ich auch Verbesserungen für Whistleblower in einzelnen Ländern, aber ich denke, dass die reale Dimension eine andere ist, wenn es um das Level von einem Edward Snowden geht. Wir brauchen eine Art Flüchtlingskonzept. Wenn man diesen Typus von westlichen Dissidenten zu einer Gruppe von Verfolgten machen könnte, die sich für Asyl qualifiziert, wäre das ein großer Schritt und würde sofort einen Unterschied machen. Sie könnten dann leichter Asyl beantragen, als wenn es jedes Mal eine Einzelfallentscheidung wäre.

WIRED: Du wohnst seit November 2013 in Berlin, ebenso wie viele andere Aktivisten aus dem Whistleblower-Umfeld. Wie hat sich die Szene entwickelt?
Harrison: Die Szene in Berlin wächst, egal ob es um Whistleblowing, digitale Rechte oder Privatsphäre geht. Alles ist stärker zusammengewachsen. Es gibt viele Leute mit spannenden Ideen und Projekten, die gerade gestartet werden. Berlin entwickelt sich zum Hub — für jeden, der sich auf diesem Gebiet engagieren will, ist die Stadt die erste Wahl, weil hier so viele Gleichgesinnte leben.

Wenn man diesen Typus von westlichen Dissidenten zu einer Gruppe von Verfolgten machen könnte, die sich für Asyl qualifiziert, wäre das ein großer Schritt.

WIRED: Und Berlin ist inzwischen auch Schauplatz des deutsch-amerikanischen Überwachungsskandals.
Harrison: Es ist eine interessante Dichotomie. Es gibt den Skandal, aber diesen Skandal gibt es überall — oder es sollte ihn zumindest auch in anderen Ländern geben. Ich weiß, dass die Deutschen das hassen, weil viele hier denken, dass es nicht genügend Reaktionen gibt. Aber es gibt immerhin mehr Reaktion als überall sonst. In England spricht niemand über irgendetwas. So wird sich auch nichts verändern.
 
WIRED: Die deutschen Behörden gehen inzwischen gerichtlich gegen Whistleblower-Plattformen vor, wie mit der Strafanzeige gegen Netzpolitik.org wegen Landesverrat.
Harrison: Es ist ein potentiell gefährlicher Präzedenzfall. Das Vorgehen gegen Netzpolitik hat immerhin viel Wut erzeugt. Erst Netzpolitik, dann WikiLeaks, dann der Spiegel — es sind die gleichen Gesetze, die sie nach und nach gegen alle anwenden könnten, und sie fangen mit dem vermeintlichen Blogger-Ding an, weil sie denken, sie kommen damit davon. Netzpolitik ist eine tolle Medienorganisation, die gute Arbeit leistet und auch die anderen Medien erreicht. Immerhin gab es in diesem Fall mehr Aufmerksamkeit als damals, als der Geheimdienst zum Büro des Guardian ging und die Festplatte zerstört hat. Immerhin reagiert Deutschland, während man sie in England einfach damit davonkommen lässt.

Immerhin reagiert Deutschland, in England lässt man sie einfach damit davonkommen.

WIRED: Hast du das Gefühl, dass du in Berlin weiterhin überwacht wirst?
Harrison: Wir haben viel publiziert, was die Geheimdienste trifft, auch die deutschen. Ich wäre sehr überrascht, wenn sie mich nicht überwachen würden. Aber ich glaube eher nicht, dass mir tatsächlich ein Agent persönlich folgt. Grundsätzlich fühle ich mich sicher in Berlin. Anders als in London muss ich hier nicht an zehn Polizisten vorbeigehen, wenn ich ins Büro laufe.
 
WIRED: Wie gehst du mit dem Wissen oder der Ahnung um, ständig unter Überwachung zu stehen?
Harrison: Ich bin traurigerweise daran gewöhnt, überwacht zu werden. Aber ich gehe nicht herum und denke die ganze Zeit daran — das würde mich völlig verrückt machen. Du musst die Risiken verstehen und aufmerksam sein, aber man muss es auch praktisch angehen, um nicht zu paranoid werden. Sicherheit braucht Zeit und es kann ärgerlich und kompliziert sein. Ich habe kein Telefon und Leute können mich manchmal schlecht erreichen. Manche sind überrascht, wenn ich beim Interview nicht von ihnen fordere, dass sie ihr Telefon in den Kühlschrank packen. Aber unser ganzes Interview wird morgen sowieso veröffentlicht. Es ist mir egal, wenn die NSA es vielleicht eine Stunde früher erfährt. Auch WikiLeaks arbeitet mit dem Wissen, dass wir unter Überwachung stehen, deswegen ist das alltäglich für mich.

WIRED: Snowden konnte die Dokumente nicht über WikiLeaks einreichen, weil das Einreichungssystem deaktiviert war. Ist der Journalist Glenn Greenwald, der heute für The Intercept arbeitet, tatsächlich der einzige, der Zugang zu den Dokumenten hat?
Harrison: Er ist der einzige, der zur Zeit veröffentlicht. Der Guardian besitzt ein paar Dokumente, hat aber eine Zeit lang nichts mehr veröffentlicht.

WIRED: Greenwald zufolge wurden bisher nur ein Prozent der Snowden-Dokumente veröffentlicht — erstaunlich wenig für zwei Jahre und einen weltweiten Skandal.
Harrison: Glenn macht einen tollen Job als Journalist, aber es sind viele Dokumente und es ist zu viel für eine Person — und es betrifft die ganze Welt. Ich verstehe sein Argument, dass er die Dokumente sorgfältig bearbeiten will. Aber ich habe auch den Vorteil erlebt, der sich daraus ergibt, wenn viele Menschen interagieren und mit den Dokumenten arbeiten können. Auch wenn Journalisten eine wichtige Rolle haben, ist es sehr arrogant, davon auszugehen, dass nur ein Journalist dir sagen kann, was wichtig für dich ist — sie sind nicht die einzigen, die ein Dokument erklären können. Viele Leute aus der Tech-Community warten gespannt auf mehr technische Details. Eine Seite eines PDFs verrät dir die Details nicht, auch nicht ein ganzes PDF. Deswegen wäre es gut, wenn mehr veröffentlicht werden würde. Aber ich verstehe auch, dass sich viele gute journalistische Storys in dem Material verbergen und Glenn Headlines haben möchte.

Journalisten sind nicht die einzigen, die die Snowden-Dokumente erklären können. Viele Leute aus der Tech-Community warten gespannt auf mehr technische Details.

WIRED: Also wird das Material eher aus persönlichen oder redaktionellen Exklusivitätsgründen zurückgehalten?
Harrison: Glenn hält es nicht aus persönlichen Gründen zurück. Er wusste vor Snowden nicht, wie man PGP benutzt. Die Fähigkeit, ein System aufzubauen, mit dem mehrere Medienorganisationen die Möglichkeit hätten, sicher auf die Dokumente zuzugreifen, ist einfach nicht gegeben. WikiLeaks ist die einzige Medienorganisation, die es möglich machen kann, dass 80 Medienorganisationen zur selben Zeit ein Dokument gemein bearbeiten können — und Glenn war ein einzelner Journalist und ein Freelancer für den Guardian, als alles begann. Wir haben vier Jahre lang gebraucht, um die technische Infrastruktur für Medienpartnerschaften aufzusetzen, obwohl wir einen Tech-Backround haben.

WIRED: Die Bilanz der Zusammenarbeit zwischen WikiLeaks und dem Guardian war ja eher durchwachsen. Welche Lehren hat WikiLeaks aus den Kooperationen mit Medien wie dem Guardian gezogen?
Harrison: Man muss immer annehmen, dass kein Medium sicher operieren wird. Es bringt überhaupt nichts, ihnen zu sagen, was sie nicht tun sollen. Um die Dokumente aus Afghanistan und dem Irak zu sichern, hat Julian (Assange, Anm. d. Red.) ihnen eine Kopie gegeben, die sie offline verwahren sollten, falls eine Razzia bei WikiLeaks stattfinden würde. Aber sie mailten sie herum. Das würden wir nicht mehr so machen. Du kriegst als Journalist Zugang zu den Dokumenten — aber du bekommst sie nicht mehr selbst. Wir haben gelernt: Traue den Medien nicht.
 
WIRED: Übernehmt ihr deswegen bei WikiLeaks mehr und mehr Medienarbeit, zum Beispiel mit der Einordnung von Veröffentlichungen, begleitenden Artikeln — früher war WikiLeaks ja nur eine Linkliste?
Harrison: Ja, wir veröffentlichen Pressemitteilungen und mehr und mehr Artikel. Wir publizieren auch mehr zur gleichen Zeit, fertigen auch Datenbanken an, die sich durchsuchen lassen wie bei den Hacking-Team-E-Mails, anstatt Dokumente einfach nur zu veröffentlichen.

Im Manning-Verfahren hat die US-Regierung erfolglos versucht, jemanden zu finden, dem die Dokumente geschadet haben.

WIRED: WikiLeaks hat lange eher hinter den Kulissen gearbeitet, für viele war die Organisation gar nicht mehr präsent.
Harrison: Wir haben alle möglichen Systeme aufgebaut. Wir haben unser Einreichungssystem überarbeitet, die Kontaktmöglichkeiten. Es hat uns viel Zeit gekostet, das alles zu tun, gleichzeitig mussten wir damit umgehen, dass in einer der größten Ermittlungen gegen ein Medienhaus gegen alle unsere Mitarbeiter ermittelt wurde. Der schwedische Fall, der VISA-Fall, die Bankenblockade, Julians Exil in der ecuadorianischen Botschaft — alle diese Sachen hat Zeit gekostet und wir haben trotzdem Millionen von Dokumenten veröffentlicht. Aber jetzt sind wir mit neuen Systemen zurück: Wir können E-Mails durchsuchbar machen, sehr schnell. Wir sind in der Lage, mehr und mehr zu veröffentlichen. 

WIRED: Habt ihr auch die Veröffentlichungsstrategie verändert, zum Beispiel welche Namen geschwärzt werden?
Harrison: Als Regel gilt: Man muss nicht redigieren. Wir denken bei verschiedenen Publikationen darüber nach, aber redigiert wird nur, wenn eine Person sonst einer Gefahr ausgesetzt werden würde. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem afghanischen Jungen, der in den Kopf geschossen werden würde, und einem CIA-Agent, der in seinem gemütlichen Büro in Washington sitzt und sich vor Gericht verantworten müsste. Bei Menschen, die kriminelle Aktivitäten begangen haben, habe ich keine Bedenken, den Namen zu veröffentlichen. Es kommt immer auf das Dokument, die Situation an. In den Afghanistan-Dokumenten wurden gar keine Namen redigiert. Bei Cablegate wurden wir beschuldigt, Blut an unseren Händen zu haben. Im Manning-Verfahren hat die US-Regierung verzweifelt versucht, jemanden zu finden, dem die Dokumente geschadet hätten — es wäre der Sargnagel für die Verurteilung von Manning und Julian gewesen. Sie haben ein Jahr darauf verwandt, aber konnten niemanden finden. Ich habe bisher keine Fälle gesehen, wo es tatsächlich ein Problem gab.

Julian hat schon wieder die nächsten verrückten Ideen.

WIRED: Würdest du sagen, dass WikiLeaks und Whistleblower heute im Mainstream angekommen sind?
Harrison: Mehr und mehr. Was ich als Erfolg ansehe, ist, dass Medien wie der Spiegel heute auch ganze Originaldokumente veröffentlichen. Als wir Cablegate bearbeitet haben, haben die Mainstream-Medien noch argumentiert, dass sie keine Originaldokumente veröffentlichen könnten. Jetzt ist das normal. Auch eine Online-Dropbox, über die Dokumente eingereicht werden können, ist nun Standard für die meisten Medienorganisation. Das sind Elemente unserer Arbeit, die normaler geworden sind. Aber Julian hat schon wieder die nächsten verrückten Ideen — unsere Arbeit wird nie völlig normal werden.

WIRED: Andere Whistleblower und Tech-Experten raten aber von den Einreichungssystemen von Medienhäusern ab — aus Sicherheitsbedenken.
Harrison: Wenn ich sage, dass es toll ist, dass sie Dropboxes haben, denke ich nicht, dass sie alle sicher sind. Vor allem operative Sicherheit ist ein großes Problem. Und obwohl Medien zahlreiche Dokumente erhalten, ist es natürlich nicht das gleiche Level wie bei Snowden. Für manche Situationen reichen die Dropboxes aus, auch wenn es ein langer Weg ist, bis sie alle sicher sind. Immerhin reden die Leute darüber. Es ist ein guter Trend und ich hoffe, dass es sich noch verbessert.

WIRED: Was ist deiner Meinung nach die beste Strategie gegen die Massenüberwachung?
Harrison: Ich denke, dich selbst zu schützen. Es wäre vielleicht möglich, diesen ganzen Überwachungskomplex loszuwerden, aber das würde etwas Radikaleres erfordern als Snowden. Denn selbst wenn wir unsere Regierungen dazu bekommen würden, dass sie uns zuhören und unsere Regierungen sich verändern würden, gibt es all diese Unternehmen, die Überwachungsindustrie, die weltweit vernetzt ist. Selbst, wenn man die ganzen Gesetze in den USA verändern würde: Wie die Hälfte der Snowden-Enthüllungen belegen, brechen sie wissentlich ihre eigenen Gesetze. Im kommenden Jahrzehnt wird es vor allem um Selbstschutz gehen. Unser bester Weg ist, daran zu arbeiten, dass wir genug Tools haben, um uns zu schützen und andere aufklären, so dass auch Otto Normalverbraucher diese Tools leichter nutzen kann. Die größte Herausforderung ist es, den Menschen deutlich zu machen, warum das wichtig ist. Den meisten ist es nämlich völlig egal. 

Den ganzen Text aus der aktuellen WIRED über die Vernetzung von Whistleblowern findet ihr hier.