Decodiert: Zwei Berliner besiegen Krebs mit Informatik

Bodo Lange 11.08.2015 Lesezeit 2 Min

Jeder Tumor ist anders, das macht Krebs so tückisch. Krebs, das sind Körperzellen mit mutiertem Erbmaterial — bösartige Abweichungen vom ursprünglichen Bauplan der Natur. Doch Ärzte wissen meist nicht, welche Art von Mutation vorliegt. Es gibt zwar schon einige Medikamente, die gezielt eingesetzt werden können — sie helfen aber nur sehr selektiv, wenn sie auf den richtigen Tumortyp treffen. Das ist ein Grund dafür, dass auf viele Krebsmedikamente nur ein Bruchteil der Patienten anspricht. Wenn wir den Kampf gegen den Krebs gewinnen wollen, müssen wir akzeptieren, dass jeder Tumor anders ist — und die Therapie präzise auf jeden Patienten einzeln abstimmen.

Dazu brauchen wir Computerhilfe, denn die Fülle an Informationen, die wir mit modernen Sequenzierungstechniken aus einem Tumor herauslesen können, vermag kein menschliches Gehirn mehr zu verarbeiten. Alacris Theranostics wurde 2011 als Spin-off des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik in Berlin gegründet. Auf der Basis jahrzehntelanger Forschung und speziell ent­wickelter Computerprogramme ist es uns gelungen, ein virtuelles Patientenmodell zu entwickeln: ModCell.

Noch kostet eine komplexe Genom-­Charakterisierung etwa 10.000 Euro.

Bodo Lange, Alcaris

Dieses Modell hilft dabei, für jeden Patienten geeignete Strategien gegen den Krebs zu finden. ModCell simuliert dazu die Prozesse, die in Krebszellen ablaufen, und prüft virtuell die Wirkung verschiedener Medikamente. Von den Ärzten bekommen wir Tumorgewebe und eine Blutprobe. Wir sequenzieren dann das Erbgut des Tumors sowie das Blut des Patienten und erstellen aus den Informationen, die wir herauslesen, das sogenannte Transkriptom.

Mit diesen Informationen gefüttert, spielt unser System eine Behandlung mit diversen Medikamenten durch. Aus der Simulation erstellt es am Ende einen ganz persönlichen Therapievorschlag für den Patienten. Das Ergebnis kann ernüchternd sein — etwa, wenn es bisher kein passendes Medikament für den krebskranken Menschen gibt. Aber es gibt auch Überraschungen: In einem Fall zeigte unser System, dass einem Hautkrebs­patienten am besten ein Rheumamittel helfen würde. Welchem Menschen wäre das eingefallen? Im nächsten Schritt erhält der Arzt ­unsere Empfehlung. Er entscheidet, wie er die Informationen nutzen möchte.

Noch kostet eine komplexe Genom-­Charakterisierung etwa 10.000 Euro. Nicht billig. Aber doch gut angelegtes Geld, wenn man bedenkt, dass manche Medikamenten-­Behandlungen das Doppelte oder Dreifache kosten, ohne dass Arzt oder Patient wissen, ob sie wirken. Bisher wird unser Modellierungsverfahren nicht von der Krankenkasse bezahlt, denn es wird derzeit in einem klinischen Versuch getestet. Wir können Ärzten und Patienten aber schon mit einer „molekularen Tumorcharakterisierung“ helfen. Denn keine Frage: Personalisierte Medizin gibt uns die Chance, aus Krebs eine Krankheit zu machen, die lästig und chronisch sein mag — aber nicht mehr tödlich.

Bodo Lange ist CEO, Christoph Wierling Bioinformatiker bei Alacris Theranostics in Berlin. alacris.de 

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