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Ist Virtual-Reality-Sex der bessere Sex? Wir haben mit Startup-Gründerin und Porno-Darstellerin Ela Darling gesprochen

Sonja Peteranderl 25.05.2015 Lesezeit 11 Min

Ela Darling ist die Virtual Reality-Pionierin der Pornoindustrie: Mit ihrem Startup VRtube produziert die 28-Jährige 3D-Pornos für Oculus-Rift-Brillen. WIRED Germany hat mit Ela Darling über virtuellen Sex, die Herausforderungen bei VR-Pornodrehs und die Digitalisierung der Sexarbeit gesprochen.

Dieses Interview erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des WIRED Magazins im Mai 2015. Wenn ihr die Ersten sein wollt, die einen WIRED-Artikel lesen, bevor er online geht: Hier könnt ihr das WIRED Magazin testen.

WIRED: Oculus will bald das lange erwartete Virtual Reality-Headset Rift in den Handel bringen — möglicherweise auch ein Startschuss für einen Boom von VR-Porno-Angeboten. In der vergangenen Woche hat Oculus-Gründer Palmer Luckey zum ersten Mal explizit bestätigt, dass Porno-Inhalte nicht blockiert werden.
Ela Darling: Ich hatte ihn bei der Silicon Valley Virtual Reality Konferenz danach gefragt, ob die VR-Industrie Pornos weiterhin passiv zulässt oder in Zukunft eher aktiv sperren lassen wird. Er meinte, dass es sich um eine offene Plattform handelt und Oculus nicht kontrolliert, welche Software genutzt wird. Ich interpretiere das als eine freundliche Art, der Frage auszuweichen und gleichzeitig zu bekräftigen, dass Porno-Inhalte weiterhin passiv toleriert werden.

 

WIRED: Welchen Einfluss könnte Virtual Reality auf die Pornoindustrie haben?
Darling: Virtual Reality ist eine Möglichkeit, eine ganz neue Ära zu beginnen. Die Industrie ist von einem beträchtlichen Rückgang betroffen, die Umsätze sind eingebrochen, wegen Filesharing und anderen Arten, Pornos zu klauen. Die Leute wollen für Pornos nichts mehr zahlen, was die Industrie trifft und die Anzahl von Produktionen und damit auch Jobs reduziert. Virtual Reality-Angebote können dagegen nicht so einfach raubkopiert und geteilt werden. Wenn es der Pornoindustrie gelingen würde, entsprechende Inhalte zu produzieren, könnten wir eine neue Porno-Welle sehen.

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WIRED: Versucht die ganze Pornoindustrie jetzt schnell VR-Geschäftsmodelle zu entwickeln?
Darling: Viele Porno-Leute wollen jetzt noch nicht auf diesen Zug aufspringen. Deshalb sind die meisten, die es versuchen, Tech-Startups, die den Sprung ins Porno-Business schaffen wollen. Ich glaube, das ist ein Vorteil, den ich habe — ich kenne die Sex-Industrie.

Wir möchten daran arbeiten, dass User entscheiden können, was als Nächstes passiert.

Ela Darling, Startup-Gründerin und VR-Pornodarstellerin

WIRED: Viele VR-Anwendungen sehen noch nach Experimentierstadium aus. Was passiert, wenn sich jemand eine Oculus Rift-Brille aufsetzt und sich einen VR-Porno deines Start-Ups herunterlädt?
Darling: Wir sind technisch tatsächlich noch am Anfang. Wenn ein Mann sich die Rift aufsetzt, hat er das Gefühl, das die Frau plötzlich mit ihm in einem Raum ist, direkt vor ihm. Bewegt er den Kopf, ändert sich die Perspektive, sie kommt näher oder entfernt sich. Es sieht jetzt schon ziemlich realistisch aus, nicht wie eine Comicfigur. Der Zuschauer sieht zum Beispiel zwei Frauen, die in seinem Wohnzimmer miteinander herummachen. Anders als in einem Video kann man den ganzen Körper der virtuellen Person sehen, hat eine realer wirkende Perspektive.

WIRED: Kann man mit dem virtuellen Gegenüber richtig interagieren,  virtuellen Sex haben?
Darling: Bisher gibt es leider noch keine Interaktionsmöglichkeiten. Ich würde gerne noch mehr Kamera-Perspektiven integrieren, mehr Point-of-View-Einstellungen — so dass der Zuschauer alles aus der Perspektive des Akteurs erlebt, gefühlt selbst Sex hat. Wir warten darauf, dass Software für multiple Kamerasysteme herauskommt, so dass man die Frauen aus noch mehr Perspektiven aufnehmen kann. Wir möchten auch daran arbeiten, dass User entscheiden können, was als Nächstes passiert. Wenn ich mit meiner Freundin zu sehen bin, und dann frage „Was willst du, was soll ich tun?“ könnte der Zuschauer in dem Programm an eine bestimmte Stelle schauen und dann wird eine Handlung aktiviert. Das wäre richtig cool, aber soweit sind wir noch nicht. Haptik wäre auch spannend, und Technologien, die mehr Gefühl, Berührungen und Interaktivität zulassen.

Ela Darling bei der Aufnahme eines ihrer VR-Pornos.

WIRED: Was sind aktuell die größten technischen Herausforderungen?
Darling: Die Datenmenge ist enorm — manchmal gibt es deswegen noch ein bisschen Datenverlust, wenn du dich zu sehr bewegst, also zum Beispiel deine Hand bewegst: die Kamera fokussiert dann auf deine Hand und nicht auf deine Brüste. Wir arbeiten auch daran, zu anderen VR-Headsets zu expandieren, aber es ist schwierig.

Ich habe mir gedacht: Muss ich sie nach ihrem Ausweis fragen, falls sie unter 18 sind?

Ela Darling, Startup-Gründerin und VR-Pornodarstellerin

WIRED: Wie viele neue Tech-Gadgets wirkt Oculus Rift noch recht klotzig. Wie fühlt sich das für dich an, dieses Headset auf dem Kopf zu tragen?
Darling: Es ist ein bisschen schwer, die Technologie muss noch ein weites Stück zurücklegen, bevor es wirklich optimal wird.

Ela Darling trägt das Development Kit 2 der Oculus Rift.

WIRED: Du kommst nicht aus der Tech-Welt, sondern aus der Sex-Industrie. Wie hast du VR für dich entdeckt?
Darling: Auf Reddit habe ich im letzten Sommer Jungs kennengelernt, die eine Virtual Reality-Porno-Firma gründen wollten. Ich hatte Lust, das auszuprobieren, und sie flogen mich ein — sozusagen direkt in den Uni-Schlafsaal. Ich dachte, das sind Porno-Produzenten, aber es waren richtig junge College-Kids, die noch nie einen Porno gedreht hatten. Als ich sie am Bahnhof gesehen habe, mit ihren frischen Gesichtern, habe ich mich gefragt: Muss ich sie nach ihrem Ausweis fragen, falls sie unter 18 sind? Von Pornos hatten sie keine Ahnung, ich habe ihnen dann erklärt, wie das alles laufen muss.

Immerhin kann ich vor der Kamera masturbieren. Das habe ich dann auch gemacht.

Ela Darling, Startup-Gründerin und VR-Pornodarstellerin

WIRED: Klingt abenteuerlich.
Darling: Alles an dieser Situation war superseltsam. An die Wand ihres Uni-Schlafsaals hatten sie zwei aneinandergeklebte Go-Pro-Kameras installiert und haben mich dann alleine gelassen, sonst wären sie auf den Aufnahmen gewesen, weil die Kameras 180 Grad abgedeckt haben. Immerhin kann ich vor der Kamera masturbieren. Das habe ich dann auch gemacht. Jetzt sind wir Partner in unserer Firma VRtube — sie kümmern sich um die Technik, ich um die Pornos. Ich heuere die Frauen an u nd organisiere alles am Set.

WIRED: Wie funktioniert eine VR-Produktion technisch, im Gegensatz zu einem klassischen Pornodreh?
Darling: Man muss mit verschiedenen Technologien und verschiedenen Herangehensweisen experimentieren. Es ist ein komplett anderer erzählerischer Stil. Bei klassischen Pornos arbeitet man mit verschiedenen Kamerawinkeln, und man bearbeitet alles. Die Herausforderung bei Virtual Reality ist, dass die Darstellerin ihr Ding durchziehen muss und man kann es nicht bearbeiten oder einzelne Teile wiederholen. Du musst wissen, was du tust und ständig up to date sein. Die Technologie entwickelt sich so wahnsinnig schnell, es ist schwierig, damit Schritt zu halten. Und man muss die Immersion beibehalten, damit die Leute wirklich in diese virtuelle Welt eintauchen, ihnen das Gefühl der Nähe geben.

Du könntest mir zusehen, wie ich mich auf dem Mond vergnüge, wenn du das willst.

Ela Darling, Startup-Gründerin und VR-Pornodarstellerin

WIRED: Wo werden die Szenen gedreht?
Darling: In meinem Wohnzimmer. Der Hintergrund wird nicht mitaufgenommen, nur die Girls. Das Licht spielt eine Rolle, aber es ist egal, wenn mein Wohnzimmer ein absolutes Desaster ist und überall Müll herumliegt. Wir nutzen inzwischen eine Microsoft Kinect, um holografische Bilder von den Performerinnen aufzunehmen. Das Mädchen kann jetzt direkt in die Kinect sprechen wie mit einer Person, statt mitten im Raum zu sitzen. Wir versuchen das vom Webcam-Stil ausgehend zu pushen. Es ist als Darstellerin immer noch komisch, weil man das Gefühl hat, man ist allein — aber aus der Perspektive des Betrachters ist man da, du bist mit im Raum.

WIRED: Kann jeder Laie sich seine virtuelle Wunschumgebung erschaffen, in der sich die Sexszenen dann abspielen?
Darling: Unser Programm ist Open-Source. Es kommt mit einem digitalen Schlafzimmer als Standard-Hintergrund, aber jeder kann sich sein eigenes Schlafzimmer, sein Wohnzimmer, das Holodeck von Startrek oder das Weiße Haus nachbilden. Du könntest mir zusehen, wie ich mich auf dem Mond vergnüge, wenn du das willst. Ich habe die Basiskenntnisse in ein paar Stunden gelernt. Es gibt Tutorials und wenn jemand das wirklich lernen möchte, schafft er das innerhalb von einer Woche. Mit der Zeit kann man bessere und viel komplexere Dinge erzeugen.

Frauen haben keine Lust, anderen Frauen zuzusehen, die Orgasmen faken.

Ela Darling, Startup-Gründerin und VR-Pornodarstellerin

WIRED: Wie hat es sich für dich selbst angefühlt, einen VR-Porn zu sehen?
Darling: Ich habe mir selbst zugesehen — deswegen hat es sich sehr komisch angefühlt, nicht sexy. Für mich sah es nicht so toll aus, aber alle anderen, die es gesehen haben, waren sehr beeindruckt. Ich glaube, dass die Mehrheit der Nutzer Männer sind. Auch die Mehrheit der Porno-Konsumenten sind Männer. Aber ich will Frauen auf keinen Fall ausschließen, ich möchte es inklusiver machen, ich verfolge eine sehr feministische, selbstbestimmende Herangehensweise was Pornos betrifft.

WIRED: Wie machst du das, welche Strategien verfolgt du?
Darling: Ich möchte echte Frauen zeigen, die echte Orgasmen und Spaß haben. Frauen brauchen auch keine speziellen, anderen Pornos, sie wollen einfach gute Pornofilme. Sie haben keine Lust, Frauen zuzusehen, die Orgasmen faken. Frauen erkennen es, wenn eine Frau etwas nicht toll findet. Es gibt in meinem Bereich so viele unglaublich tolle, smarte, starke Frauen – viele Menschen haben das noch nicht realisiert.

WIRED: Als Ex-Bibliothekarin, die sich immer wieder öffentlich zu Sexarbeit und Porno-Business positioniert, wirkst du ein bisschen wie eine Klassensprecherin der Pornobranche. Was hat dich bewogen, von der Bibliothek ins Porno-Business zu wechseln?
Darling: Ich bin seit fünfeinhalb Jahren im Sex-Business. Ich habe früher als Model gearbeitet und mein Studium sehr schnell abgeschlossen. Die meisten sind mindestens 24, wenn sie ihren Master haben, ich war mit 21 fertig. Ich habe verdammt viel Kurse auf einmal gemacht und hatte mehrere Jobs und null Freizeit. Als ich den Abschluss hatte und einen Job bekam, hatte ich auf einmal unglaublich viel Freizeit. Modeln war mein Hobby, ich war Single und guckte dann einfach, welche Angebote gerade herumflatterten. Dann fand ich bei Craigslist Porno-Anzeigen. Ich machte mehr Geld in einer Stunde, als ich als Bibliothekarin in einer Woche verdient habe. Und es machte mir Spaß.

WIRED: Was hat die Digitalisierung für Pornodarstellerinnen wie dich verändert?
Darling: Das Internet gibt den Leuten, die vor der Kamera stehen, viel Macht zurück. Wenn du eine Webcam hast, brauchst du keinen Agenten mehr, keinen Filmemacher. Alles was du brauchst, ist die Kamera. Du kannst dir zu Hause dein eigenes Studio erschaffen, der Drehbuchautor sein und filmen wann du Lust hast. Du brauchst nur einen Laptop und eine Internetverbindung. Es gibt viele Nischen. Für Frauen ist es auch eine Möglichkeit, diesen von Männern dominierten Raum zurückzuerobern. Du kannst auch deine Einnahmen verdoppeln. Pornostars sind keine Filmstars, die eine Tagesgage bekommen und dann reich sind. Wenn du jeden Tag bei Produktionen arbeitest, kannst du viel verdienen. Wenn du nur zweimal im Monat drehst, ist es nicht mehr so viel Geld. Deswegen ist es wichtig, dass Darsteller ihre eigenen Produktionen kontrollieren können und ihre eigenen Inhalte produzieren.

Meine Fans wollen das Mädchen hinter dem Cumshot kennenlernen — und das ist cool.

Ela Darling, Startup-Gründerin und VR-Pornodarstellerin

WIRED: Du bist auch in sozialen Netzwerken wie Facebook und Tumblr aktiv, hast mehr als 26.000 Follower auf Twitter.
Darling: Meine Fans sind unglaublich unterstützend, freundlich und respektvoll. Die Leute, die ich über Twitter erreiche, wollen wissen, wer ich bin. Sie wollen das Mädchen hinter dem Cumshot kennenlernen — und das ist cool. Für mich ist es aber auch okay, Fans zu haben, denen es egal ist, wer ich bin. Social Media ist ein wichtiges Marketing-Tool und ermöglicht mir, eine richtig gute Beziehung zu meinen Fans aufzubauen. Als ich ein Jurastudium beginnen wollte, hat mir einer meiner Fans eine gesamte Bibliothek von Jura-Büchern gekauft.

WIRED: Jura studieren — das ist also dein nächstes Projekt?
Darling: Ich möchte erstmal das Virtual-Reality-Ding zum Laufen bringen und dann in etwa drei Jahren noch ein Jurastudium beginnen. Bildung macht Spaß und ich würde dann gerne in der Pornoindustrie weiterarbeiten. Ich bin jetzt schon bei einer Organisation für Pornodarsteller engagiert und wir setzen uns für die Rechte von Darstellern und Darstellerinnen ein, reichen auch Gesetzesvorschläge ein. 

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