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Kann Technik uns helfen, den Partner fürs Leben zu finden?

Kati Krause , Elisabeth Rank 23.03.2015

Dating-Apps wie Tinder und das chronische Jein: Kann Technik uns wirklich helfen, den Partner fürs Leben zu finden?

WISCH UND WEG  50 Millionen Fans der Dating­App Tinder mustern täglich 1,5 Milliarden Kandidatenfotos 

Acht Millionen klickten, als die New York Times ihre Leser mit dem Essaytitel lockte: Was du tun musst, um dich zu verlieben. 36 Fragen zählte der Artikel auf, die man sich nur gegenseitig zu stellen brauche, um herauszufinden, ob der andere der Richtige oder Falsche sei.

Daraus machte die Zeitung, ange­spornt vom Erfolg des Textes, eilig eine eigene Web-App, mit der man sich beim Glas Wein gemütlich gegenseitig ausfragen kann, um Nähe zu schaffen: „Wärst du gern berühmt? Was bedeutet Freundschaft für dich? Worüber darf man keine Witze machen?“ Grundlage für das strategische Kreuzverhör, so argumentieren die Erfinder: Ehrlichkeit und ein vierminütiger Blick in die Augen.

Ganz einfach klingt diese fürs Handy optimierte Anleitung zum Glück. Sie setzt fort, was Dating-­Websites wie Match.com und Apps wie Tinder begonnen haben: eine Optimierung der Suche nach Liebe und Sex – oder einfach nur ein bisschen Romantik für zwischendurch. Digital vernetzt, möglichst schnell und unkompliziert. Die Logik ist ja auch für Kulturpessimisten be­stechend: Wenn ein Algorithmus eine gute Pizzeria oder billige Flüge nach Asien finden kann, warum dann nicht auch einen Partner fürs Leben (oder Bett)? 

In Deutschland nutzen rund vier Millionen Menschen aktiv Da­ting-Plattformen, sagt eine Umfrage des Verbands Bitkom. Neun Millionen haben generell schon einmal per Website oder App nach einem Partner gesucht. Manche ziehen weiterhin Vermittler wie Elitepartner vor, doch in den vergangenen Jahren haben vor allem Onlineplattformen wie OKCupid und FriendScout24 Nutzer gewonnen. Zunehmend populär werden auch Dating-Apps mit Standortbestimmung wie Tinder, Happn, Lovoo und Antidate: Sie verlangen noch weniger Aufwand und sind vor allem bei einer jungen Zielgruppe beliebt. Tinder kommt ohne Lebens­lauf aus und verlangt maximal sechs Fotos pro Person. Man kann eine Art Schaufensterbummel unternehmen, ohne sich auch nur vom Sofa zu bemühen.

IST DA WER? Wilde Spekulation: Vielleicht läuft die wahre Liebe gleich in der Außenwelt am Display  vorbei.

Weltweit machen das derzeit 50 Millionen Tinder-Nutzer so, eineinhalb Milliarden Fotos wischen sie täglich vom Screen ihrer Handys. Längst hat sich der Service den Ruf erspielt, eine oberflächliche Dating- App zu sein, die das Kennenlernen in ein Katalogblättern verwandelt. Mitgründer Jonathan Badeen – Erfinder des „SwipeRight“, der Wisch­geste – sieht das anders.

„Tinder ist genauso oberflächlich, wie Menschen eben sind, be­vor sie einander wirklich daten“, sagt er im WIRED-Interview. „Man läuft nicht herum und drückt sich gegenseitig Bewerbungsschreiben in die Hand. Sondern man sieht sich irgendwo, dann gibt es ein Lächeln oder einen Blick, und ein Gespräch beginnt. Und genau das macht Tinder. Natürlich kann man sagen: So soll die Welt nicht sein! Aber so ist sie eben.“ 

Apps und andere Dienste, die uns nicht etwa erziehen, sondern einfach das Leben erleichtern wollen, gibt es ja viele. Doch am Ende ist es gar nicht der unverbindliche Sex, der Menschen in westlichen Metropolen schwerfällt. Es sind die Beziehungen.

Dating-Apps drehen sich weit mehr um Selbstbestätigung als um Liebe. Die Frage dabei: „Wie ist mein Wert, wenn ich mich auf diesem Markt platziere?

Bei Tinder kommt es oft gar nicht zu einem Lächeln, höchstens zu einem Smiley. In den USA traf sich ein Drittel aller Online-Dater nach Kontakt trotzdem kein einziges Mal von Angesicht zu Angesicht. Tinder möchte seinen Mitgliedern in Zukunft unter die Arme greifen: „Wir arbeiten an einer Möglichkeit, den Menschen zu helfen, sich noch besser kennenzulernen“, sagt Badeen. „Dabei ist es wichtig, langsam und kontrolliert vorzugehen. Man muss auf die verschiedenen Interessen der Leute eingehen. Manche möchten sich sofort treffen, andere erst lange ­schreiben, bevor sie sich trauen.“ 

Welche Funktionen geplant sind, verrät Badeen nicht. Vielleicht geht es ihm darum, seine Nutzer zu mehr Verbindlichkeit zu ermahnen – auch gegenüber Tinder selbst? Seit Februar, mit der Einführung von Tinder Plus, beschränkt der Service zumindest die Möglichkeit, Bilder nach rechts (also eine Runde weiter) zu swipen, auf zehn Wische pro Tag. Wer dennoch überall die volle Auswahl will, braucht ein Abo für 20 Euro im Monat. Neu hinzugekommen ist auch der Undo-Button, um versehentlich weggewischte Kandidaten zurückzuholen.
Viele sehen in Tinder aber nur das app-­gewordene Klischee einer ganzen Generation.

Die Nutzung von Dating-­Apps dreht sich im Kern um Selbstbestätigung.

Christoph J. Ahlers, klinischer Sexualpsychologe

„Die Nutzung von Dating-­Apps dreht sich im Kern um Selbstbestätigung“, sagt Christoph J. Ahlers, klinischer Sexualpsychologe und Leiter einer Praxis für Paarberatung und Sexualtherapie in Berlin, „und um die Frage: Welchen Wert habe ich, wenn ich mich auf dem Markt platziere? Dabei darf gerne ein Date abfallen. Aber eigentlich geht es um eine Rückmeldung zur eige­nen Attraktivität.“

Dating-Apps füttern allerdings nicht nur die Sucht nach Selbstbestätigung, sondern auch die Angst vor Bindung – und den Stress treiben sie sowieso nach oben. „In Metropolen müssen Singles ihre Ar­beitsleistung, ihren Kör­per, ihre Sexualität permanent optimieren“, sagt Ahlers, „und ihnen wird immer suggeriert, dass vielleicht noch etwas Besseres kommt.“ Wer im ersten Moment mittelmäßig erscheint, die Liebe auf den zweiten Blick, bleibt noch chancenloser als früher. „Das führt dazu, dass die Menschen in ihrem Kennenlernen keine Überraschungen mehr dulden und keinen Zufällen mehr ausgesetzt sein wollen.“

Die Suche nach Liebe per Algorithmus: Welche Probleme das mit sich bringt, hat die Autorin Hannah Fry im Buch The Mathematics Of Love be­schrieben. Denn Algorithmen tun, wozu sie programmiert wurden: „Singles zu finden, die Ihren Angaben entsprechen. Das Problem ist, dass Sie nicht wirklich wissen, was Sie wollen.“ Ähnlich geht es uns bekanntlich mit Apps wie Tinder: Ein paar Fotos mit simplen Informationen helfen nicht unbe­dingt, die richtige Entscheidung zu treffen. Glücklicher Zufall ist oft die größere Hilfe.

Es geht darum, emotionale Öffnung nicht als Investment zu denken

Christoph J. Ahlers, klinischer Sexualpsychologe

Ob man nun Schmetterlinge im Bauch oder Selbstbestätigung sucht: Das Zwischenmenschliche zu rationalisieren, ist – trotz aller Praktikabilität – nicht nur deprimierend, sondern  bewirkt oft das Gegenteil. „Es geht darum, Beziehung eben nicht als Arbeit, Begegnung nicht als Aufwand, emotionale Öffnung nicht als Investment zu denken“, fordert Ahlers. „Nur so kann Intimität entstehen.“ 

Vielleicht hat das auch Tinder erkannt. Badeen jedenfalls möchte weg von der reinen Balz und Partnersuche als Geschäftsmodell. Sei­ne App soll Fans finden, die über Romanzen aller Art hinausgehen und nach Geschäftskontakten, Freun­den oder Reisebegleitern suchen. „Wir haben hier etwas gebaut“, sagt der Tinder-Chef, „das viele Menschen für ganz andere Dinge als klassisches Dating nutzen.“ 

Wer die Suche nach der wahren Liebe wirklich revolutionieren möchte, darf gern eine App erfin­den, die mit uns Großzügigkeit und Kompromissbereitschaft trainiert. Und die vielleicht auch mal daran erinnert: Klappe halten, zuhören! Es kann Wunder wirken. 

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