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Sie lenkt sich nur ab: Die Künstlerin Miranda July lebt vom Prokrastinieren

Chris Köver 06.06.2016

Miranda July ist die vielseitigste Künstlerin der Gegenwart: Sie schreibt Bücher, dreht Filme, baut Apps, macht Kunst. Wie kommt sie bloß auf all das? Wir haben diesen Artikel aus unserem Magazin für euch freigeschaltet.

Update, 31.01.2017: Mit 21 Jahren gründete Miranda July, damals Teil der Punk-Szene in Portland, ein Untergrundnetzwerk. Es ging um eine Verschwörung, allerdings nicht gegen den Staat oder die Verfassung, sondern gegen etwas womöglich noch viel Größeres: das Patriarchat. Sie forderte Frauen und Mädchen auf, ihr Kurzfilme zu schicken. Wer einen Kurzfilm, egal wie experimentell oder low-budget, einschickte, bekam im Tausch eine VHS-Kassette per Post zurück, darauf der eigene Film zusammen mit neun weiteren Arbeiten von Filmemacherinnen. Damals in den Neunzigern, in einer heute nur noch vage vorstellbaren Zeit vor YouTube, war dieser Video-Kettenbrief namens Joanie 4 Jackie für die jungen Filmemacherinnen oft die einzige Möglichkeit, die Filme anderer Frauen zu sehen. Ein radikales Netzwerk und ein Teil feministischer Kunstgeschichte.

Gestern gab das Getty Research Institute in Julys Heimatstadt Los Angeles bekannt, das komplette Joanie 4 Jackie-Archiv für seine Sammlung zu kaufen. 27 Kartons mit VHS-Kassette, Briefen, Postern und kleinen Notizzetteln werden aus dem staubigen Hinterzimmer in Julys Büro-Bungalow in Silverlake, wo sie jeden Zettel aus den vergangenen Jahrzehnten in ein Baumarkt-Regal stapelt, in den weiß srahlenden Frank-Gehry-Bau des Getty Institutes umziehen. Dort werden sie als zeitgeschichtliche Dokumente erhalten und der Forschung zugänglich gemacht, neben den Arbeiten bekannter Namen wie Robert Mapplethorpe oder Carolee Schneemann. Ein kleiner feministischer Siegeszug, der auch Miranda July einen Schritt weiter Richtung Kunstkanon bewegt.

Parallel geht die Webseite joanie4jackie.com online, die July gemeinsam mit Studentinnen des Bard College über die vergangenen Jahre gebaut hat und auf der alle Filme zu sehen sind. Man könnte sagen: Sie ist erstaunlich schlicht. Oder: Sie passt wunderbar zum Do-It-Yourself-Ethos des Punk, für den dieses Projekt schon immer stand.   

Hier unser Porträt zu Miranda July, erschienen in der gedruckten Ausgabe des WIRED Magazins im Juni 2016. Wenn ihr die Ersten sein wollt, die einen WIRED-Artikel lesen, bevor er online geht: Hier könnt ihr das WIRED Magazin testen.

Miranda July öffnet die Tür und wirkt, als habe man sie gerade aus dem Mittagsschlaf geweckt. Ihr Outfit ist zwar sorgsam komponiert, weiße Bluse, hochtaillierte Ledershorts. Doch ihr Blick ist der eines Menschen, den man gerade aus dem Bett geholt hat. July schaut desorientiert in ihrem Büro umher, so als sei das hier ein Traum und sie selbst erstaunt, was eine andere Person darin zu suchen hat. Auf dem sehr langen, sehr weißen Schreibtisch steht nur ein Macbook, im Regal hingegen stapeln sich Romane, Kunstkataloge und CDs. July arbeitet in einem Haus in Echo Park, einer Art Berlin-Neukölln von Los Angeles, wo die Mieten noch niedrig sind und die Dichte der Third-Wave-Coffeeshops hoch. Draußen wachsen Palmen in den blauen Himmel, die Bürgersteige sind breit, bloß, dass niemand sie benutzt. Außer Miranda July.

Früher hat July in diesem Haus gelebt, deswegen sieht es immer noch bewohnt aus. Hinten eine voll eingerichtete Küche, nach links gehen Bad und Schlafzimmer ab. Privat wohnt July seit Langem mit dem Filmemacher Mike Mills zusammen, im wenige Autominuten entfernten Silver Lake, einer Art Prenzlauer Berg von Los Angeles. July und Mills sind verheiratet, sie haben einen vier Jahre alten Sohn. Doch ihr altes Haus hat Miranda July nie aufgegeben, es ist heute nicht nur ihr Büro, sondern auch ihr Archiv. Jeder Brief, den sie bekommen, jede Videokassette, die sie mal bespielt hat, liegt in durchsichtigen Plastikboxen gestapelt, von Vorhängen vor der kalifornischen Sonne geschützt. Das Material ist nach Jahren sortiert, die erste Kiste datiert auf „Vor 2005“.

Dass die 42-jährige July ausgerechnet hier früher wohnte und heute arbeitet, passt ausgezeichnet. Denn die Künstlerin ist ein Star innerhalb einer Szene von Menschen, die irgendwo auf der Welt in genau solchen Vierteln hinter genau solchen Laptops sitzen und mit selbstständiger kreativer Arbeit versuchen, Geld zu verdienen. Diese Menschen fühlen sich auf besondere Weise berührt von den Filmen, Büchern, Performances und unüberschaubar vielen anderen Projekten, die July in ihrer bereits mehr als 20 Jahre währenden Karriere pro­duziert hat. Sie erkennen sich wieder in Julys Kunst. Oder wollen sich wiedererkennen. Das macht M­i­randa July zu einer der interes­santesten Künstlerinnen unserer Zeit, mehr noch als der Umstand, dass sie als eine Art Renaissance-Frau offenbar alle Kunstdisziplinen beherrscht.

Mal rosarote Seide und mal schwarze Lederjacke: Die facettenreiche Künstlerin Miranda July arbeitet im Neukölln von Los Angeles, wohnt aber seit einigen Jahren mit Sohn und Ehemann im Prenzlauerberg der kalifornischen Metropole.

July ist also so, wie sehr viele andere gern wären. Nur ist sie darin besser. Nicht nur kreativer, sondern offenkundig produktiver. Wie kriegt sie das hin? „Es ist nicht besonders romantisch“, sagt July und blickt dabei vor sich auf den Tisch. „Ich arbeite täglich, wie jeder andere Mensch mit einem Job. Nur dass ich jetzt ein Kind habe und sich also täglich die Frage stellt: Höre ich nachmittags um Viertel vor vier auf und hole meinen Sohn vom Kindergarten ab, oder kann ihn jemand anderes abholen?“

Man hat sie eben nicht aus dem Schlaf gerissen, sondern bei der Arbeit gestört. July kommt gerade aus ihrem Gedankentunnel und muss jetzt umschalten auf dieses Gespräch. Sie gibt dabei ihr Bestes. Einem größeren Publikum wurde July im Jahr 2005 bekannt, als ihr erster Spielfilm Me And You And Everyone We Know bei den Filmfestspielen in Cannes mit der Caméra d’Or für das beste Debüt ausgezeichnet wurde. July führte nicht nur Regie, sondern spielte auch die Hauptfigur, die erfolglose Videokünstlerin Christine, die ihr Geld damit verdient, Senioren durch die Gegend zu fahren. Wie viel daran aus Julys eigenem Leben gegriffen war, ist eigentlich egal, denn Me And You And Everyone We Know schafft etwas Größeres: Der Film erfüllt das Versprechen, das er im Titel mitführt, er erzählt vom oft ebenso verzweifelten wie unzulänglichen Versuch der Menschen, eine Verbindung mit anderen aufzunehmen, und von der ganzen Peinlichkeit, mit der sie daran regelmäßig scheitern.

Ich brauche diese Momente der Leere. Ich kann sie nicht einfach füllen, indem ich auf mein Telefon gucke

Miranda July

Im Zentrum des Filmes steht eine frühe Vertreterin eines heute weitverbreiteten Lebensmodells: Christine gehört zum Kreativprekariat. Und so ähnlich, wie deren Mitglieder schon immer ihre freie Kunst machten, organisieren heute weltweit Laptop-Arbeiter ihr Dasein – von Projekt zu Projekt denkend, die eigene Freiheit damit bezahlend, dass man ohne das soziale und vor allem sozialstaatliche Netz lebt, das einem die alte Angestelltenkultur böte.

Christine verliebt sich im Film in den Schuhverkäufer Richard, noch so eine verlorene Seele. „Meine Schuhe scheuern an den Knöcheln, ich habe eben niedrige Knöchel“, sagt Christine, und Richard erwidert: „Du denkst, dass du den Schmerz verdient hast, aber das tust du nicht.“ Nach so einem Satz würden die beiden in einem Hollywoodfilm aus dem Laden und zusammen in den Sonnenuntergang spazieren, bei July passiert stattdessen zunächst: nichts. Die Un­fähigkeit zu kommunizieren ist eine Konstante der menschlichen Existenz, daran ändert auch das Kommunikationszeitalter nichts.


„Dieses Gefühl, verloren oder gelangweilt zu sein, das ist meins“, sagt Miranda July, „das will ich benutzen.“ Tatsächlich ist Langeweile eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für sie, produktiv zu werden. Und ausgerechnet dieses Gut wird von sozialen Medien heute minütlich bedroht. „Es ist schon lustig, dass dieses ‚Ugh, mir ist laaaangweiiligggg‘ der derzeit am heißesten umkämpfte Markt ist“, sagt July. Zu den Versprechen von Apps gehört eben nicht nur, dass sie unsere Probleme lösen, sondern uns auch die Möglichkeit geben, jeden Moment der Leere sofort mit einem Post, einem Tweet zu vertreiben. „Aber ich brauche diese Momente der Leere. Ich kann sie nicht einfach füllen, indem ich auf mein Telefon gucke. Ich muss da wirklich aufpassen.“ Ohne diese Augenblicke, in denen ihr Unterbewusstsein das Steuer übernehme, sagt July, hätte sie nie ein Buch oder einen Film geschrieben.

Bewusster Teil ihrer Arbeitsmethodik ist deshalb auch, wovor sich alle Kreativen eigentlich fürchten: prokrastinieren, irgendwas anderes tun als das, was man tun sollte. Miranda July aber schafft es, selbst ihr Prokrastinieren noch produktiv zu machen. Das Buchprojekt It Chooses You, für das sie Menschen interviewte, die Anzeigen in einem Lokalblatt aufgaben, entstand vor fünf Jahren nur, weil sie sich davor drückte, ihr Drehbuch für den Film The Future fertigzuschreiben. Und ihre aktuelle Performance New Society entwickelte sie als gedanklichen Urlaub von der Arbeit an ihrem Debütroman The First Bad Man (deutscher Titel: Der erste fiese Typ), der im vergangenen Jahr erschienen ist.

„Viele meiner Projekte entstehen daraus, dass ich mich ablenken lasse“, sagt July. Die Kunst liege darin, die richtige Balance zwischen Fokus und Ablenkung zu finden. Ihre Theorie geht so: Gute Ablenkung folgt weiter einem Faden, ist produktiv. Schlechte Ablenkung hingegen lähmt, ist Zeichen der eigenen Unsicherheit. „Wenn du unsicher bist, lässt du dich viel schneller im Netz in ein Wurmloch fallen. Es geht darum, zu erkennen: Ja, ich habe Angst, aber die gehört mir. Ich will damit arbeiten.“

Um sich konzentrieren zu können, schaltet July während des Schreibens mitunter ihren Zugang zum Internet ab, mit Apps wie Selfcontrol und Freedom. Das ist „ein schönes Gefühl“, sagt sie. „Du fühlst dich nicht abgeschnitten, sondern neu verbunden. Du hast plötzlich wieder Zugang zur ganzen Welt und dir selbst.“ Mit Technophobie hat diese Abschottung nichts zu tun. July war schon früh mit dabei im Netz. Für ihr Kunstprojekt Learning To Love You More stellte sie ab 2002 Aufgaben ins Netz wie „Dreh eine Doku über ein kleines Kind“. Teilnehmer konnten ihre Berichte in Form von Fotos, Texten oder Videos einsenden.

July interessiert sich eben nicht nur für andere Menschen in ihrer Offline-Umgebung, sondern auch für das, was andere im Netz tun, wenn sie sich nicht oder kaum beobachtet fühlen. Für We Think Alone bat sie Lena Dunham und andere prominente Bekannte um private E-Mails und leitete diese an 104 897 Abonnenten weiter. Ihren aktuellsten Privacy-Breach führte sie mit dem Autor Paul Ford im Mai bei einer Konferenz in New York vor: Sie referierte Persönliches aus den Social-Media-Profilen der 150 Anwesenden, die sie dafür wochenlang ausgespäht hatte. „Das hier ist ein Bild von deinem Hintern vor 15 Wochen“, sprach July mit unbewegter Miene und projizierte das Foto an die Wand. Anschließend verlas sie die Telefonnummern einzelner Publikumsmitglieder.

Gute Ablenkung folgt einem Faden, ist produktiv. Schlechte Ablenkung hingegen lähmt, ist Zeichen der eigenen Unsicherheit

Miranda July

Und dann war da noch Julys App Somebody, eine Art menschlicher Messenger, die sie 2014 startete. Die App suchte Menschen in der Nähe des Empfängers und forderte sie auf, persönlich eine Nachricht zu überbringen. Da konnte dann im Park plötzlich ein Fremder auf einen zukommen, der zum Beispiel sagte: „Rita, ich liebe dich und weiß nicht, wie ich es dir sagen soll.“ Inzwischen ist die App nach etwas mehr als einem Jahr Betrieb eingestellt, zwischenzeitlich hatten bis zu 10.000 Menschen weltweit pro Tag den Dienst genutzt. Der Erfolg war July zu groß geworden, sie hatte nie geplant, aus der App ein echtes Startup zu machen. Schade eigentlich, löste Somebody doch das Kommunikationsproblem, das July zehn Jahre zuvor schon in Me And You And Everyone We Know beschrieben hatte: Jemand anderes konnte aussprechen, was auszusprechen man selbst sich nicht traute. Julys Projekte bergen eben häufig auch etwas Tröstliches, wenn Menschen entgegen aller Wahrscheinlichkeit am Ende doch zueinanderfinden, eine Nachricht den Adressaten erreicht, eine Liebe erwidert wird.


Dann erzählt July noch eine Geschichte, damit man besser versteht, wie ihr Arbeitsprozess funktioniert. Im Moment schreibt sie wieder an einem Drehbuch, und ganz am Anfang, sagt July, versuche sie, für den Film erst mal eine Stimmung zu finden. Das sei stets das Schwerste: der Anfang.
Vor einer Weile nun saß July gedankenverloren in ihrem Büro, als ihr auffiel, dass seit Stunden vor ihrer Haustür ein Lkw mit laufendem Motor stand. Aufgebracht rannte sie raus, notierte sich die Nummer des Fuhrunternehmens und rief dort an, um sich zu beschweren. „Und dann höre ich diese Musik in der Warteschleife.“

Wie sie das so erzählt, wirkt July plötzlich animiert. Sie spielt sich selbst als aufgebrachte Anruferin, beugt sich über ihr Laptop und lässt einen Audioschnipsel laufen, die Musik erinnert an alte Hollywoodfilme. Ah. Aber: Sie hat das wirklich aufgenommen? „Ja, ich wusste sofort, dass diese Musik etwas mit meinem Film zu tun hat, wenn auch nicht was. Also habe ich noch mal angerufen, habe die Warteschleifenmusik aufgezeichnet und dann wieder aufgehängt.“ Sie lacht kurz auf, als könne sie das selbst kaum fassen.

Diese wenigen Sekunden Musik hat Miranda July seither unendlich oft angehört. Sie will herausfinden, was sie daran berührt. Die Instrumentierung? Die Tonlage? Sie wird vermutlich einen Komponisten hinzuziehen, der sie dabei beraten kann. Viele weiterer solcher kleinen Geschichten fließen in einen Film ein. July sammelt sie einfach ein, wie Kiesel am Strand. „Ich weiß auch nicht, wie ich es beschreiben soll. Es ist eine Mischung aus sich anstrengen, dann aufgeben und sich überraschen lassen. Man hat keine Kontrolle darüber.“

Langeweile, Unsicherheit, Angst: Ein Teil von Julys kreativer Stärke scheint darin zu liegen, sich ausgerechnet jenen Gefühlen zu stellen, vor denen sich andere in die Zerstreuung retten. Indem sie schnell was posten, ein Foto auf Instagram hochladen, darauf warten, dass die Likes das Loch in der Seele wieder füllen. Miranda July aber sagt: „Das alles gehört mir. Warum soll­te ich es an Instagram verschenken?“ (Was sie nicht davon abhält, dort seit Februar 2015 einen unterhaltsamen Account zu füllen.)

Schnell posten sie etwas, laden ein Foto auf Instagram hoch und warten darauf, dass die Likes das Loch in ihrer Seele wieder füllen

Über einer Stuhllehne hängt im Büro von Miranda July ein ver­knotetes Paar schwarze Nikes, und wenn July gar nicht mehr weiterkommt, zieht sie die Sneaker an, steckt ihr Telefon ein und geht los. In Echo Park kann man wunderbar spazieren gehen, und dass außer ihr so gut wie niemand zu Fuß geht, kommt July entgegen. So stört sie niemand beim Nachdenken über ihr aktuelles Projekt oder auch nur eine einzelne Figur darin; und niemand guckt komisch, wenn July im Gehen ihre Ideen ins Telefon diktiert. Selbst wenn: Auf den Straßen von L. A. gibt es Seltsameres zu sehen als eine Frau, die Selbstgespräche mit ihrem Handy führt.

Urlaub, Freizeit und Entspannung seien nicht so ihre Stärke, sagt July. Im schlimmsten Fall bleibe sie manchmal in ihrer Arbeit einfach stecken, eingefroren in der Zeit, unfähig, sich auch nur einen Schritt weiterzubewegen. Wie Jason, die Hauptfigur in ihrem zweitem Film The Future, für den die Zeit anhält, als er von seiner Freundin Sophie verlassen wird. „Ich bin dann wie ein Esel“, sagt July, „der nicht mehr weitergehen kann.“ Manchmal schreibe sie dann auf einen Zettel: „Steh auf und geh raus“, doch oft dauere es zwei Stunden, bis sie das schaffe.

Für ihren Roman muss July ein paar Hundert Kilometer zu Fuß durch Echo Park gelaufen sein. Anfangs wusste sie lediglich, dass es zwei Charaktere geben würde, die sich erst hassen und später miteinander schlafen würden. „Das fühlte sich wahr an“, sagt July. Aber wie der Hass plausibel zum Sex führen würde, war ihr selbst völlig unklar. July sagt, sie improvisiere dann oft Dialoge und lasse ihr Unterbewusst­sein weitersteuern. Auf einmal bilde sich eine Wendung, die zu einer nächsten Wendung führe, und irgendwann stehe sie, July, plötzlich vor dem Ziel – wie bei einem Spaziergang, der zum Tagtraum wird, durch die Straßen der Stadt und aus dem man erst vor der eigenen Haustür wieder erwacht.

Die Leute glauben, ich sitze hier und arbeite. Dabei gehe ich 80 Prozent der Zeit nur um den Tisch herum und esse einen Apfel, während ich an nichts denke

Miranda July


July wird häufig als verträumt beschrieben, als etwas verrückt, wie nicht von dieser Welt. Über Me And You And Everyone We Know schrieb ein Kritiker, der Film sei „charmant unkonventionell“. Schrullig, drollig – so lauten andere gern genommene Attribute. Nun, man kann über July vieles sagen, aber sicher nicht, dass sie verträumt ist. Betrachtet man ihre Werkliste und hört zu, wie sie ihren Arbeitsalltag beschreibt, wirkt es eher, als sei hier eine Frau am Werk, die sich bis zum Rande der Selbstzerstörung diszipliniert. Untätigkeit scheint das Schreckgespenst in Julys Leben zu sein. Ihr Pensum ist beängstigend, die dafür nötige Energie auch: In den vergangenen Jahren folgte Kunstprojekt auf Buch auf Film und immer so weiter. Ein Kind, sagt Miranda July, habe sie erst bekommen wollen, nachdem sie einen zweiten Film gedreht hatte – weil sie fürchtete, sonst in der Filmbranche als One-Hit-Wonder zu gelten.

Es klingt, als betrachte Miranda July sich selbst vor allem von außen, durch die Augen der anderen. „Die Leute glauben, ich sitze hier und arbeite. Dabei gehe ich 80 Prozent der Zeit nur um den Tisch herum und esse einen Apfel, während ich an nichts denke. Und die restlichen 20 Prozent verschwende ich dann doch im Internet.“ Mit der Produktivität sei das bei ihr ein bisschen wie bei einer Magersüchtigen mit dem Selbstbild: Während die Magersüchtige sich immer noch für zu dick halte, sähen alle um sie herum nur noch deren Knochen – an July bewundern alle ihren ungeheuren Output, doch sie findet sich immer noch zu faul. Vermutlich, sagt July, liege diese Selbstwahrnehmung in ihrem Arbeitsprozess begründet: dass sie lange Zeit nichts tue, bevor sie dann plötzlich sehr schnell sehr produktiv werde. Rational wisse sie, dass sie in der scheinbar unproduktiven Zwischenzeit unterbewusst durchaus arbeite. Aber Rationalität hilft nun mal selten gegen Ängste. „Manchmal erlaube ich mir, an etwas zu arbeiten, das mir Spaß macht“, sagt sie schließlich und sieht dabei kurz sehr traurig aus.

Wenn July trotz dieser protes­tantischen Arbeitsethik als Träumerin verstanden wird, dann steckt dahinter vermutlich eine Art optische Illusion. Auf Bildern schaut July gerne melancholisch in die Kamera, die großen, blauen Augen von unten aufgeschlagen; ihre Locken rahmen dann Julys Gesicht wie auf einem Jugendstilgemälde. Dazu muss man wissen: Miranda July betrachtet sich selbst tatsächlich wie eine ihrer Figuren. „Ich sehe mich in solchen Momenten wie in einem Film“, sagt sie. „Wenn eine Figur auf eine bestimmte Art hübsch genug ist, werden die Menschen eher bereit sein, ihr in die absolute Dunkelheit zu folgen.“

Für Frauen, die als Künstlerinnen auftreten, gibt es ohnehin nur eine sehr begrenzte Zahl von vorgegebenen Rollen, und Miranda July navigiert in diesem engen Raum sehr bewusst. Sie weiß: Das Kostüm korrekt aufgeführter Weiblichkeit gibt ihr die Freiheit, auch Dinge anzusprechen, die peinlich, widerlich, schockierend sind.

In Me And You And Everyone We Know etwa fängt ein Sechsjähriger an, im Internet mit einer Erwachsenen über sexuelle Fantasien zu chatten; und in The First Bad Man lässt July eine 40-Jährige über Sex mit der Tochter ihres Chefs fan­tasieren. Wenn die Ich-Erzählerin Cheryl sich vorstellt, wie sie als Mann mit der 20 Jahre jüngeren Clee schläft, wachsen ihr im Geiste große, behaarte Männerhände: „Als ich kam, war es eine Riesen­sauerei; alles war voller Sperma. Nicht nur ihre Haare, Titten und ihr Gesicht, auch mein Bettzeug und der Bettvorleger. Sperma spritzte bis auf die Kommode und traf dort meine Haarbürste, mein Ohrringkästchen und das Foto meiner Mutter als junge Frau.“

Auf Bildern von Julys frühen Performances Mitte der 90er-Jahre in Portland, wo sie mit Anfang 20 Teil der Punkszene war, sieht Miranda July noch weitaus weniger besänftigend aus als heute. Da trägt sie blondierte Haare, die wirken, als sei etwas auf ihrem Kopf geplatzt; Julys Beine stecken in kaputten Fischnetzstrumpfhosen. In dieser Montur eröffnete July als eine Art bizarr deplatzierte Vorband die Konzerte ihrer Freundinnen. Diese Zeit, sagt July heute, sei ihre Startrampe gewesen: „Zu der Zeit kam ich mir radikal vor, ich fühlte mich wie eine lesbische Separatis­tin. Es war gut für mein Selbstbewusstsein, nur von Frauen umgeben zu sein. Als ich diese Szene verließ und sah, dass wir eigentlich eine Minderheit sind in all den künstlerischen Bereichen, in denen ich arbeiten wollte, war mein Bewusstsein für meine eigene Fähigkeit schon zu stark.“

Damals gründete July auch Joanie 4 Jackie, eine Art Videokettenbrief, für den sie Filmemacherinnen aufforderte, ihr Kurzfilme zu schicken. July kopierte diese von Hand auf VHS-Kassetten zusammen und schickte diese Werkschau an alle Teilnehmerinnen. Heute pflegt July ein ähnlich enges Netzwerk mit befreundeten Künst­lerinnen wie Sheila Heti, Lena Dunham oder der Musikerin und Schauspielerin Carrie Brownstein.

Derzeit arbeitet July gleichzeitig an drei verschiedenen Kunstprojekten, darunter eines für die Pariser Ausstellungshalle Palais de Tokyo. Und nebenher schreibt sie besagtes Drehbuch, das bislang „keinen interessiert“, wie sie sagt, und das sie trotzdem oder gerade deswegen unbedingt fertigstellen muss. „Ich habe während der Zeit, die ich mit dem Skript verbringe, kein Einkommen.“

Will sagen: null Dollar. Gemessen an der öffentlichen Anerkennung, die July für ihre Arbeit bekommt, würde man meinen, dass es bei ihr finanziell läuft. In der Woche zuvor ist July in Sydney vor 2000 Menschen aufgetreten, überall stehen Menschen Schlange vor ihren Lesungen. Trotzdem kann July gerade so leben von ihrer Arbeit, sagt sie. „Es gibt eine lustige Art, auf die man bekannter sein kann, als man …“ July spricht den Satz nicht zu Ende. „Ich meine: Man sieht, dass ich hier nicht gerade im Luxus lebe.“

In Hollywood, wo Erfolg in Einnahmen gerechnet wird, ist eine Filmemacherin wie sie einfach nicht wichtig genug, Cannes vor elf Jahren interessiert da heute nicht mehr. Auch mit ihrer Kunst verdient July nichts. Richtige Einnahmen hat sie lediglich aus ihren beiden Büchern. Durch die Verkäufe in unterschiedliche Länder kommt auch nach dem Vorschuss immer wieder Geld herein. „Und das hält so lange, wie es eben hält.“

Bekannt genug, um von ihrer Arbeit leben zu können, aber nicht so bekannt, dass sie auf der Straße angehalten wird: Dieser Zustand, sagt Miranda July, sei im Grunde aber ideal. In ihrem Viertel und anderen vergleichbaren Hipster-Ballungsräumen wird sie manchmal im Café angesprochen, manchmal wollen die Leute dann auch Fotos mit ihr machen. Das zu erwähnen, scheint July schon ungeheuer peinlich zu sein – ihr, der in ihren Filmen und Büchern nie etwas peinlich genug sein kann.

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Der Nachmittag neigt sich, nach mehr als zwei Stunden Gespräch, während denen Miranda July fast regungslos am Tisch gesessen hat, steht sie zum ersten Mal auf und fragt: „Hast du mein Interview mit Rihanna gelesen?“ Sie führt einen ins Schlafzimmer, so als stünde dort eine Installation, die man unbedingt noch sehen müsse. Und ja, natürlich hat man ihren Text über ihre Begegnung mit dem Popstar gelesen, der vergangenes Jahr im New York Times Magazine erschienen ist und keinen Hehl daraus machte, von einem echten Fan geschrieben worden zu sein.

Im ganzen Schlafzimmer liegt Kleidung verstreut, Säcke mit noch mehr Kleidung lehnen an der Wand. „Hier wohnt Oumarou, der Uber-Fahrer, der mich zu Rihanna gebracht hat“, sagt July. Oumarou Idrissa und die Fahrt mit ihm spielen eine zentrale Rolle im Rihanna-Text, so wie alles, was in Julys Leben passiert, zu Material für ihre Arbeit werden kann. Nach der Begegnung im Auto blieben July und Idrissa über WhatsApp in Kontakt, auch als Idrissa zu seiner Familie nach Nigeria reisen musste. July bekam mit, wie er seine Wohnung in L. A. verlor, und bot ihm an, er könne vorüber­gehend in ihrem Büro schlafen. Daraus ist nun ein alternierendes, kein gemeinsames Wohnen geworden: Idrissa ist von 17 Uhr bis morgens 9 Uhr im Haus, in der Zeit, in der July das Büro nicht nutzt. July kann bei der Arbeit niemanden um sich haben.

„Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte, dass es nach ihm riecht. Dann sagte ich mir: Du kannst nicht so etwas anbieten und erwarten, dass alles so bleibt wie vorher, komm halt klar damit.“ Man kann Miranda July also, wenn man sie in ihrem Hausbüro in Echo Park besucht, nur bei der Arbeit stören, beim Prokrastinieren, Aufschieben, Äpfelessen, Um-den-Tisch-Gehen – aber definitiv nicht beim Mittagsschlaf. Ihr Bett wird schließlich von jemand anderem benutzt.

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